Religiöse Rechte und der Sturm aufs Kapitol War der 6. Januar ein Staatsstreich, Frau Brockschmidt?

Beim Angriff auf das Kapitol waren auch religiöse Gruppen dabei. Die Historikerin Annika Brockschmidt sagt, welche Macht sie haben – und warum Evangelikale heute denken, Demokraten seien vom Teufel besessen.
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Foto: Patrick Semansky / AP

SPIEGEL: Frau Brockschmidt, was waren das genau für Leute, die vor einem Jahr das Kapitol in Washington gestürmt haben?

Annika Brockschmidt: Es war eine Mischung: Darunter waren vorbereitete und mit Schusswaffen und Kabelbindern bewaffnete rechtsradikale Milizen, aber auch Menschen, die zuvor auf der Veranstaltung waren, auf denen Trump gesprochen hat, die sich haben mitreißen lassen. Und es gab Elemente, die der religiösen Rechten zuzuordnen sind und schon vorher im Internet und auf Märschen nicht nur die Stimmung angeheizt, sondern explizit den 6. Januar mit Bedeutung aufgeladen haben.

Zur Person
Foto: Lea Eggers / rowohlt

Annika Brockschmidt hat Geschichte, Germanistik und War and Conflict Studies studiert, heute arbeitet sie als freie Autorin. Ihr Buch »Amerikas Gotteskrieger« erschien 2021.

SPIEGEL: Weil an diesem Tag der Wahlsieg von Joe Biden zertifiziert werden sollte?

Brockschmidt: Ein Wahlsieg, den die religiöse Rechte bis heute nicht akzeptiert. Sie hat auch die »Stop The Steal«-Bewegung mit ins Leben gerufen, mit der das Ergebnis angefochten werden sollte.

SPIEGEL: Würden Sie den 6. Januar als Staatsstreich bezeichnen? Oder war das nur Krawall?

Brockschmidt: Es gab im Vorfeld, wie gerade bei der Aufarbeitung ans Licht kommt, konkrete Szenarien und Planungen von christlichen Nationalisten und Intellektuellen der extremen Rechten. Gescheitert ist es auch an der schlampigen Planung. Aber auch einen versuchten Staatsstreich, der schlecht geplant ist, muss man als solchen bezeichnen. Auf Bundesstaatsebene läuft derweil die Vorbereitung eines »legalen« Staatsstreichs 2024.

Podcast Cover
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SPIEGEL: Welche Szenarien waren das?

Brockschmidt: Immer wieder taucht in den Planspielen die Erwartung auf, dass linke Demonstranten in Aktion treten und Trump dann die Nationalgarde einsetzen würde, um seine Anhänger »vor der Antifa« zu »schützen«. Diese Situation sollte er nutzen, um den nationalen Notstand auszurufen und die Zertifizierung ganz zu stoppen.

SPIEGEL: Konkrete Hintermänner oder Hinterfrauen gab es aber nicht, oder?

Brockschmidt: Die eine Figur gibt es in solchen Fällen selten. Es gibt aber Namen oder Organisationen, die immer wieder auftauchen. Steve Bannon oder Roger Stone, die »Tea Party Patriots«, die ebenfalls der religiösen Rechten zuzuordnen sind.

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SPIEGEL: Wären am 6. Januar keine weißen »christlichen Patrioten«, sondern Black-Lives-Matter-Aktivisten auf das Kapitol losgegangen – hätten wir dann andere Bilder gesehen?

Brockschmidt: Mit Sicherheit. Wir sehen im ganzen Land, dass die Polizei systematisch besonders dann hart durchgreift, wenn es sich bei den Demonstranten um People of Color handelt. Ich glaube nicht, dass die auch nur in die Nähe des Kapitols gekommen wären – wobei man die BLM-Proteste ohnehin nicht mit einem gewaltsamen Angriff auf den Kongress vergleichen kann.

SPIEGEL: Dabei passt Rassismus, wie er sich bei den religiösen Rechten beobachten lässt, doch gar nicht in ein christliches Weltbild, oder?

Brockschmidt: Dem würde ich widersprechen. Wir neigen als Gesellschaft dazu, »christlich« automatisch mit »gut« gleichzusetzen. Speziell der amerikanische Protestantismus ist von Anfang an eng mit White Supremacy verbunden. Schon in den Südstaaten haben Theologen die Sklaverei biblisch begründet. Da zieht sich als roter Faden bis zu Trumps Justizminister, der mit einer solchen Bibelstelle die Migrationspolitik seines Präsidenten begründete.

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Foto: Paula Bronstein / AP

SPIEGEL: Ist christlicher Nationalismus ausschließlich bei den Republikanern beheimatet?

Brockschmidt: Nein, es gibt ihn auch auf demokratischer Seite. Die militante Spielart aber finden wir nur bei den Republikanern. Es gibt auch Christen, auch Evangelikale, die sich von diesem Radikalismus distanzieren und fordern, endlich die Geschichte ihrer Religion in diesem Land aufzuarbeiten. Die imperiale und auch koloniale Geschichte des Christentums nicht nur in den USA wird gern vergessen.

SPIEGEL: Wenn es aber heißt: »Liebe deinen Nächsten…«?

Brockschmidt: Es kommt immer darauf an, wie ich meinen Nächsten definiere. Ist das mein Nachbar, egal woher er kommt? Oder ist es nur der Angehörige meiner Race?

SPIEGEL: Ich bin eine 50-jährige Texanerin, die regelmäßig in die Kirche geht, ihren Töchtern einschärft, keinen Sex vor der Ehe zu haben und erst recht keine Abtreibungen vorzunehmen. Meine Moralvorstellungen würde ich als hoch bezeichnen. Warum stößt es mich nicht ab, wenn ein Mann sich rühmt, Frauen »by the pussy« anfassen zu können?

Brockschmidt: Rechte Christen belegen ihre Ansichten genauso mit der Bibel wie solche, die die Demokratie für eine gute Sache halten. Das Geschlechterverständnis der religiösen Rechten ist hier wichtig: Frauen werden als trieblose und »rein« zu haltende Wesen gesehen, deren Job es ist, Männer vor ihrem triebgesteuerten Verhalten zu bewahren. Umgekehrt wird eine direkte Linie gezogen zwischen dem Sexualtrieb des Mannes und der nationalen Sicherheit.

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Brockschmidt, Annika

Amerikas Gotteskrieger: Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 416
Für 16,00 € kaufen
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SPIEGEL: Wie bitte?

Brockschmidt: Das hört sich vielleicht bizarr an. Aber nur ein potenter, militant maskuliner Typ, der auch gewalttätig sein kann, ist nach diesem Denken in der Lage, das christliche weiße Amerika zu schützen.

SPIEGEL: Früher unterstützten die Evangelikalen noch einen Jimmy Carter, den demokratischen Präsidenten.

Brockschmidt: Und waren tief von ihm enttäuscht, weil er eben nicht ihren militanten christlichen Nationalismus vertrat, obwohl er ein Southern Baptist war. Heute ist es so, dass die politische und die religiöse Rechte sich vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung des Landes mit dem Rücken an der Wand sieht. Noch nie waren die USA so nah daran, die multiethnische, pluralistische Gesellschaft zu sein, die sie versprochen haben zu sein. Auf Dauer wird die religiösen Rechte mit ihren Positionen keine Mehrheiten mehr erringen – und das weiß sie. Also haben sie eine Entscheidung getroffen.

SPIEGEL: Welche?

Brockschmidt: Wir lassen die bürgerliche Fassade fallen und suchen uns einen aggressiven Kandidaten, einen, der nicht einmal mehr so tut, als würde er sich für Demokratie interessieren. Schon für die Architekten der religiösen Rechten in den Sechzigerjahren war klar: Wenn wir uns entscheiden müssen zwischen Demokratie und unserem Machterhalt – dann muss die Demokratie eben weg. Das ist nicht meine Interpretation, das steht in den Texten.

SPIEGEL: Das ist nichts Neues.

Brockschmidt: Neu ist, dass es so offen und aggressiv auftritt. Weil man sich aggressiv gegen den angeblichen Untergang der USA »wehrt«.

SPIEGEL: Sind das nicht nur Rückzugsgefechte? LGBTQ, Migration, Abkehr von den Religionen – nicht nur Rechtsextreme, auch Konservative nicht nur in den USA, auch in Europa, eilen doch seit Jahrzehnten von Niederlage zu Niederlage.

Brockschmidt: Ich fürchte, der Glaube an einen Automatismus des Fortschritts ist ein Irrtum. Das ist nichts, was man aussitzen kann. Zumal die religiöse Rechte nicht in Legislaturperioden denkt, sondern in Jahrzehnten, Jahrhunderten, sogar Jahrtausenden.

SPIEGEL: Es ist eine Minderheit.

Brockschmidt: Ja. Aber es ist keine kleine Minderheit, die dank der Besonderheiten des politischen Systems keine Mehrheiten braucht. Wir erleben eine massive Radikalisierung der Republikaner: Wer Gewaltfantasien gegen den politischen Gegner äußert, ist inzwischen zum Mainstream der Partei geworden. Je mehr ihnen bewusst wird, dass sie weniger werden, desto radikaler werden sie versuchen, diese Demokratien zu zerstören.

SPIEGEL: Es gibt in den USA auch Christen, die sich davon distanzieren.

Brockschmidt: Die gibt es, sie werden von den religiösen Rechten aber nicht als »echte« Christen anerkannt. Das Spiel geht in beide Richtungen. Ein Theologe, mit dem ich für mein Buch gesprochen habe, hat es so formuliert: »Christen sind das, was Christen tun«, das gilt auch für autoritäre Christen. Dort geht es nicht um Religionsfreiheit, wie gern behauptet wird. Es geht um die Dominanz ihrer Form des Christentums, der sich die Gesellschaft zu beugen habe.

SPIEGEL: Ist zwischen den Lagern ein pontifikaler oder präsidialer Brückenbau überhaupt denkbar?

Brockschmidt: Joe Biden hat es versucht, aber er wird scheitern. Da sind wir wieder beim 6. Januar. Versöhnung impliziert, dass eine Seite, die sich etwas hat zuschulden kommen lassen, auch reuig zeigt. Wir sehen das genaue Gegenteil auf republikanischer Seite.

SPIEGEL: Der 6. Januar wirkte auf ikonischer Ebene auch so, als wollten hier Menschen die Welt einfach gern brennen sehen. Armageddon.

Brockschmidt: Das ist auch so. Anhänger der »Spiritual Warfare« glauben, dass nicht nur Menschen von Dämonen besessen sein können, sondern auch Institutionen. Dann kann ich mit Demokraten nicht über Sozialreformen streiten, und danach ist es wieder gut. Dann sind das bösartige Kräfte, vom Teufel besessen, die aus dem Parlament getrieben werden müssen; mit der Peitsche, wie Jesus es mit den Händlern im Tempel tat, oder gar getötet. Da sind apokalyptische Gewaltfantasien am Werk, Auslegungen, nach denen es Feuer braucht, aus dem dann eine neue Welt entstehen kann. Einstweilen genügt es auch, die alte Welt in Flammen aufgehen zu lassen.

SPIEGEL: Wir hatten in Deutschland auch einen »Sturm auf den Reichstag«. Drohen uns ähnliche Verhältnisse wie in den USA?

Brockschmidt: Impfgegnerschaft, die Leugnung des Klimawandels, Antisemitismus, Ablehnung von LGBTQ oder Migranten, das ist inzwischen ein solides Paket. Wer einen Punkt vertritt, unterschreibt immer häufiger auch die anderen. Bei rechtsextremen Anti-Corona-Demonstrationen laufen auch fundamentalistische Christen mit. Trotzdem würde ich hier vor einer undifferenzierten Gleichsetzung warnen: Beim Angriff auf das Kapitol war die Gewalt, die eingesetzt wurde, viel massiver. Aber es gibt das Gefühl: Wir holen uns mit Gewalt zurück, was rechtmäßig uns gehört.

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