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LITERATUR Requiem für einen Kauz

aus DER SPIEGEL 44/2000

Ravelstein hat es gewollt: Falls sein Freund Chick ihn überlebte, sollte der das Leben des Verblichenen zu Papier bringen. Kann damit so etwas wie »Ravelstein« gemeint gewesen sein? Eine Biografie ist das Buch, das der Leser nun in Händen hält, kaum zu nennen. Autor Saul Bellow, 85, in Schlüsseltexten wohlbewanderter amerikanischer Literatur-Nobelpreisträger von 1976, maskiert sich als Ich-Erzähler Chick, um einen kauzigen Weisen aus der Universitätswelt von Chicago zu feiern - für das »Verdienst, reich und berühmt zu werden, indem man genau das sagt, was man denkt«. Hinter diesem Ravelstein steckt der Polit-Philosoph Allan Bloom (1930 bis 1992), dessen Strafrede gegen den »Niedergang des amerikanischen Geistes« ein Bestseller wurde und über den Bellows durchsichtige Fiktion enthüllt, er sei HIV-positiv gewesen und an »daraus resultierenden Komplikationen« gestorben. Ob sich das Outing gehört, wur-de in den USA hitzig diskutiert. Das Buch, ein Requiem ohne falsche Pietät, zeigt Ravelstein/Bloom nur in der letzten Lebensphase. Er tritt als universaler Denker auf, der Klatsch in »Sozialgeschichte« ummünzt und prompt über »Materie« und »die physische Bewältigung des Lebens« zu grübeln anfängt, wenn sein Klinikbett aus dem Gleichgewicht gerät. Mit dem Hang zu Armani-Anzügen und »studentischen Scherzen« präsentiert er sich als scharf gezeichnete, doch völlig entwicklungslose Figur, flach wie ein Scherenschnitt; seine Vorgeschichte wird in zehn Zeilen erledigt. Umso breiter fließen Chick/Bellows Ehe-, Liebes- und Krankheitsgeschichten in den souverän formulierten, dabei recht sorglos zusammengeschusterten Text ein. Die junge Frau des alten Autors hat nicht nur in der Widmung des Buchs ihren Ehrenplatz, sie spielt auch, wenig verfremdet, eine lebensrettende Rolle innerhalb der Erzählung. Bellow hat das Manuskript pünktlich zur Geburt seiner Tochter im Dezember abgeliefert. Chick müsste die ihm aufgetragene Biografie wohl erst noch schreiben.

Saul Bellow: »Ravelstein«. Aus dem Amerikanischen von WilliWinkler. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 272 Seiten; 39,90 Mark.

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