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Requiem für einen Ohrwurm

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über den Komponisten Philip Glass *
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 13/1984

Das klingt zunächst, wie Fußball-Ballett aussieht.

So wie Rummenigge auf dem Bildschirm das Bein hebt und senkt, hebt und senkt, so wogt und rauscht, flutet und verebbt das Orchester in a-Moll: auf und nieder, hin und her - wieder und wieder dieselbe simple, melodische Phrase.

Erst nach 236 Takten, nach rund zehn Minuten des uniformen Präludiums, setzt die Geschichte ein. Der Schreiber Amenhotep, Sohn des Hapu, verkündet mit historischem Tremolo, was geschrieben steht in den Pyramidentexten des alten Ägypten: Daß »Wolken den Himmel verdunkeln und Sterne hernieder stürzen« werden. Der Grund: Pharao Amenhotep III. ist tot.

Alsbald verbreitet sich schlimmes Wehklagen am Nil, und zum besseren Verständnis der traurigen Situation hebt ein Chor an: »Ankh ankh, en mitak / Yuk er heh en heh / Ahau en heh.« Zu deutsch: Amenhotep III., der Tote, soll leben.

Mit der Leichenfeier in a-Moll, einem Bestattungszeremoniell in Zeitlupe und Originaltexten aus dem altägyptischen Totenbuch beginnt »Echnaton«, die jüngste Oper des amerikanischen Komponisten Philip Glass und, wenn nach der Uraufführung durch die Württembergischen Staatstheater in Stuttgart am vergangenen Wochenende nicht alles täuscht, wohl auch die Götterdämmerung der sogenannten Minimal Music, die Glass zu Weltruhm und nun in die Sackgasse geführt hat.

Schon der fast dreistündige Geschichtsunterricht, in dem Komponist-Librettist Glass mit oratorienhafter Feierlichkeit die 17jährige Amtszeit und Reformpolitik des gottgleichen Echnaton abhandelt, hat weniger Action als Verdis »Aida« und weniger Spannung als »Götter, Gräber und Gelehrte«.

Mangels Handlung hat sich Regisseur und Bühnenbildner Achim Freyer in immer neue Bilderrätsel geflüchtet. Während sich Glass' tönende Dauerwellen unermüdlich kräuseln, schiebt sich ein monströser Zauberwürfel auf die Bühne, in dem nun allerhand symbolträchtiger Hokuspokus anhebt. Dann treten noch Finsterlinge aus dem Ku-Klux-Klan auf, mannshohe Puppen und groteskes Getier, und wenn Echnaton erst auf einer Pershing thront, ist richtiger Mumienschanz am Ufer des Nil.

Aber auch damit kommt die Oper nicht über die Runden. Unermüdlich werden Heilslehren verkündet und die Inschriften antiker Stelen und Grenzsteine verlesen. Echnaton, ein hell timbrierter Countertenor, wird und wird mit seiner Hymne auf Gott Aton nicht fertig. Und der Chor singt zu allem Überfluß auch noch hebräisch (Psalm 104 des Alten Testaments) und akkadisch, wie

bei einem Symposion von Uraltphilologen. Dagegen ist Händels »Messias« ein Reißer.

Um all das hoheitliche Getue aus güldener Vorzeit angemessen zu weihen, läßt Philip Glass wieder mal sein Fließband laufen: mit all den gebrochenen Akkorden, den Girlanden aus Tonleitern, den fast unmerklichen Verwerfungen der harmonischen Basis, mit dem ganzen, magisch ermüdenden Einerlei einer heilen Welt reinen Schönklangs - nach einem Rezept, das Millionen Opern- und Konzertgänger zur vermeintlich neuen Musik verführt hat.

Man nehme eine einfache Melodie, etwa: »Komm, lieber Mai, und mache.« Läßt man den Auftakt weg und streicht den punktierten Rhythmus, bleibt ein einfacher, gleichmäßig arpeggierter Dreiklang.

Dieser Dreiklang wird nun, Ton für Ton, zehnmal, 176mal, x-beliebig oft, vielleicht gar bis zum Überdruß, unverändert wiederholt, stur und nonstop wie von einem Plattenspieler, der sich in einer Rille totläuft.

Doch dann, ganz allmählich, tut sich doch was. Zur kaum spürbaren Abwechslung wandert die Betonung zunächst von der ersten auf die zweite, später von der zweiten auf die dritte Note. Langsam kommt der Drehwurm auf Touren.

Und er schwillt an. Was anfangs nur ein paar Streicher intoniert haben, geht nun behutsam auf das volle Orchester über. Der Akkord wechselt die Farbe, die alte Leier beginnt zu changieren.

Ein Thema, Variationen die Fülle. Der gespleißte Dreiklang wird zum Septakkord erweitert. Er wird von Dur nach Moll (und wieder zurück) moduliert. Er steigert sich vom müde wälzenden Auf und Ab des Anfangs über sachten Swing in hektische Raserei. Das alles zehnmal oder 176mal hintereinander, stur und nonstop. Eine musikalische Entwicklung, die nicht von der Stelle kommt.

Auf diese penetrante Weise, eine triviale Tonfolge mit allen kompositorischen Tricks aufzureizen, entstehen längst nicht mehr nur kurze, kammermusikalische Exerzitien, sondern Chor- und Orchesterstücke von symphonischem Ausmaß und abendüberfüllende Opern von Wagnerschem Größenwahn.

Die »Music in 12 Parts«, mit der Philip Glass 1974 in der New Yorker Town Hall debütierte, zieht sich mehr als vier Stunden hin. Sein Opernerstling »Einstein on the Beach« (1976) dauert 300 Minuten, länger als »Die Meistersinger von Nürnberg«, und der Titelheld geigt darin Sieben- und Achtton-Figuren bis zum Gehtnichtmehr.

In der dreistündigen Oper »Satyagraha« (1980) besteht eine besonders ausführliche Szene aus 143 Wiederholungen von einer Folge aus vier Akkorden. Glass kann, das sagt er selbst, »aus fünf oder sechs Noten ein 20minütiges Stück komponieren«.

Diese Minimal Music, bei der minimale motivische Keimzellen unter scheinbar minimalem schöpferischen Aufwand zu großformatigen Partituren auswuchern, ist neben Rock und Pop der erfolgreichste und in jedem Fall der verblüffendste Exportschlager des musikalischen Amerika.

Seit Wagners »Tristan« die Musikwelt so oder so um den Verstand gebracht hat, ist wohl kein Tonsatz zwiespältiger aufgenommen und von einem Millionen-Publikum konträrer beurteilt worden als das Einerlei der Minimalisten: Den einen geht es auf den Wecker, den

anderen unter die Haut - mal wieder Glaubenskrieg im Reich der Harmonie.

Hier die Gegner, die die Gebetsmühle des Philip Glass als Nervensäge empfingen und sich von dem angeblichen Armutszeugnis einer seelen- und einfallslosen Komponiermaschinerie regelrecht drangsaliert fühlen. Musik als Folter.

Dort die Gläubigen, die sich den uniformen Beschwörungsritualen aus gebrochenen Akkorden und Tonleitern mit schäumender Verzücktheit ausliefern und die sich ähnlich, wie die »Tristan«-Gemeinde sich an den chromatischen Exzessen des Liebesdramas labt, durch das roboterhafte Einhämmern der immer gleichen Kürzel regelrecht narkotisieren lassen. Musik als Droge.

Längst zieht die Droge Kreise, der Trip greift um sich. Immer mehr Musickonsumenten hängen inzwischen an dem eintönigen Stoff und dessen virtuosestem Dealer: Philip Glass, 47.

Einen Tag bevor Glass in Stuttgart mit Tom Tom und Synthesizer, Chor und (bescheidenem) Orchester das alte Ägypten beschwor, setzte die Oper Rom ein neues Teilstück von »CIVIL warS« zur Uraufführung an: den fünften, opernähnlichsten Akt aus Robert Wilsons interkontinentalem Theaterspektakel, dem Glass, anders als bei seinem Beitrag für das Kölner »warS«-Kapitel, nun »eine leicht italianisierte Variante« seines Monotoniums unterlegt hat: Die Melodie-Partikel wirken noch süßer, das Orchester hat Verdi-Stärke, Belkanto ist vonnöten.

Das ZDF strahlte eben erst eine 70-Minuten-Reportage über die Glass-Oper »Satyagraha« aus, in der, zu Gesangstexten in Sanskrit, der junge Mahatma Gandhi seinen Feldzug der Gewaltlosigkeit beginnt und eine musikalische Friedensbewegung auch das gravitätische Pathos der endlosen Arpeggien geprägt hat. Glass hat komponiert, was Gandhi verkündet hat.

Jüngst veröffentlichte der US-Medienriese CBS, der, wie vorher nur Igor Strawinski und Aaron Copland, Glass mit einem Exklusiv-Vertrag geködert hat, die Mixed-Media-Musik »The Photographer«, die sich um den legendären Lichtbildner Eadweard Muybridge dreht. Neun Wochen nach Veröffentlichung waren bereits 35 000 Exemplare des (gekürzten) Dreiakters verkauft.

Und durch die Kinos schwappt immer noch die sprachlose optische Springflut namens »Koyaanisqatsi«, jene schickbizarr gefilmte Bilderfolge, in der der Regie-Debütant Godfrey Reggio für zweieinhalb Millionen Dollar in siebenjähriger Drehzeit den Wandel der Erde vom unschuldigen Urzustand zum zivilisatorischen Raubbau demonstriert hat. Glass steuerte für den Öko-Trip eine Suite in 18 Sequenzen bei, mal mit der orgelnden Inbrunst eines Requiems, mal mit der fickrigen Nervosität eines Breakdancers, allemal nach Schema F eines gefährlich glatten Erfolges.

Denn dieser Glass, das kleinwüchsige Oberhaupt einer längst kultisch verschworenen Minimalisten-Kirche mit massivem Zulauf, ist der erste Komponist, der das philharmonische Establishment erfolgreich und nachhaltig mit der Rock-Szene gekreuzt und damit den Underground von Greenwich Village mit deutschem Staatstheater, Räucherkerzen mit Premieren-Couture in Einklang gebracht hat.

Sein »Einstein« wurde nicht nur im zweimal ausverkauften Belkanto-Tempel der New Yorker Met dargeboten, sondern, zumindest passagenweise, auch im New Yorker Rockclub »Bottom Line«. Der blonde Rock-Beau David Bowie ist Glass-Fan wie der Berliner Maler und »Echnaton«-Regisseur Achim Freyer, den diese »unglaublich präzise Musik« fasziniert und der »geradezu gierig« danach ist, sie in Szene zu setzen.

Glass ist der erste amerikanische Komponist, dem der Sprung in den zentraleuropäischen Opernbetrieb und dessen verkrustete Repertoirepolitik geglückt ist. Sein »Einstein« ging nach der Premiere in Avignon auf Gastspielreise über mehr als ein Dutzend kontinentaler Bühnen, und schon hat Stuttgart für 1988 eine Neuinszenierung angekündigt.

»Satyagraha« wurde in Rotterdam uraufgeführt; die bislang 17 Aufführungen in Deutschland, exklusiv in Stuttgart, waren praktisch jedesmal ausverkauft. Glass' nächste Arbeit für das Musiktheater (Arbeitstitel, nach der literarischen Vorlage von Doris Lessing: »The Making of the Representative for Planet 8") handelt von der Apokalypse eines in Eiszeit erstarrenden Himmelskörpers und soll wiederum in Rotterdam Premiere haben.

Glass ist, vor allem anderen aber, der erste zeitgenössische Komponist, der sämtliche Glaubenslehren seiner avantgardistischen Generation mit lockerer Hand über den Haufen geworfen hat: »Ich schaffe eine neue Sprache« - ohne die verquere Grammatik der atonalen Schule, ohne die biestigen Dogmen der seriellen Eggheads: reine Harmonien statt schriller Cluster, statt dissonanter Reibereien ein konzertantes Schaumbad, statt Stockhausens elektronischer Tüftelei die heilige Einfalt traditioneller Akkorde. Endlose Geduldsspiele in C-Dur oder a-Moll, Glassperlenspiele.

»Wir haben seit Schönberg 70 Jahre hinter uns mit Werken, die keiner versteht«, sagt Glass, »da kann ja wohl nichts falsch sein an ein wenig zeitgenössischer Musik, die Anklang findet.«

Sicher nicht. Glass, für den schon »alle zeitgenössische Musik entsetzlich klang«, als er noch selbst, »wie es sich gehörte, atonal komponiert« hat, machte sich den Notstand des breiten Publikums zunutze, das nach Wohlklang lechzt: Er züchtete minimale Ohrwürmer, die er bis zum Exzeß in die Länge zog.

Mehr als ein Jahrzehnt ging das gut, und Glass stieg zur Kultfigur auf. Er war findig genug, sein griffiges Muster der neuen Einfachheit immer wieder zu variieren, ohne seine Masche zu verlieren.

Aber nun hat er sich wohl doch vergriffen. Die einlullende Magie seiner Wiederholungsartistik ist unter den alten Ägyptern verblaßt, die kaleidoskopische Vielfalt früherer Partituren im »Echnaton« zur Dudelei verkümmert. Aus dem Taumel ist ein Tort geworden.

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