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GESELLSCHAFT Retro zur Suppe

Die franzosische Bestsellerautorin Christiane Collange, die den Frauen die Welt eröffnen wollte, macht jetzt eine Kehrtwendung. Titel ihres neuen Buches: »Ich will zurück ins Haus«.
aus DER SPIEGEL 10/1979

Die Autorin, die nun -- entgegen allem Emma-Trend -- das Los der Nur-Hausfrau besingt, ist selbst keine.

Im Gegenteil: In ihrem 1969 in Paris und bald darauf in Deutschland erschienenen Bestseller »Madame und ihr Management« (deutsche Auflage: 45 000) präsentierte sie sich noch als Multi-Frau. Sie versah einen Chefredakteur-Job, zog gleichzeitig vier Kinder groß, war einem Ehemann liebende Gefährtin, kommandierte zwei Haushilfen, wurde mit Wohnung und Wochenendhaus fertig und gab schließlich noch Diners für zwölf Personen -- Tricks und Tips, wie all das zu vereinen sei, verriet sie in ihrem ersten Buch.

Nun aber, da ihre Kinder und ihr Mann aus dem Haus sind, sieht Madame Collange es anders. Plötzlich will die Autorin, die mittlerweile auf die Fünfzig zugeht, »die häuslichen Tugenden rehabilitiert« wissen, und sie fragt sich, ob sie nicht besser hätte »total mit meinen Kindern leben sollen«.*

Sie beklagt, wieviel Baby-Lächeln ihr wohl entgangen sei, weil sie nach jeder Geburt um der Karriere willen gleich wieder ins Büro geeilt war. Nun träumt sie von dem liebenden Elternpaar neben der Wiege, aus der sich zwei moppelige Ärmchen recken, von

Christiane Collange. »Je veux rentrer à la maison. Bernard Grasset Verlag, Paris: 188 Seiten: 34 Franc.

der dampfenden Suppenschüssel auf dem Familientisch und vom Feuer im Kamin. »Auch das ist Retro«, schwärmt sie mit einem Pariser Mode-Wort, »aber Retro von großer Qualität.«

Ihre jähe Umkehr garniert Madame Collange mit Selbstanklagen: Gewiß, sie habe stets die berufstätige Frau verherrlicht -- doch nun »wirft die Königin des Managements ihre Krone in die Brennesseln«. Und sie wolle auch nicht schweigen, »nur weil ich mir widersprechen muß«.

Der Zeitpunkt solcher Kehrtwendung macht nicht nur ihre feministisch angehauchten Kolleginnen mißtrauisch: Derzeit versucht Frankreichs Arbeitsminister. unterstützt von den katholischen Bischöfen, die verheirateten Frauen an den eigenen Herd zurückzuscheuchen' damit sie den Arbeitsmarkt nicht belasten.

»Wenn man nicht die aufrichtige Gesinnung unserer Kollegin kennen würde«, sinnierte eine Mariella im »Nouvel Observateur«, »könnte man denken, das Buch sei auf Bestellung geschrieben.« Und »Le Monde« meinte: »Wachstum, dann heißt es: »An die Arbeit, meine Damen.' Arbeitslosigkeit: »Nach Hause, meine Damen.' Zum Staunen ist das nur, wenn ein und dieselbe Propagandistin es vertritt.«

Von ihrer neuen Warte aus sieht die Karrierefrau das Berufsleben plötzlich voller Mißgunst und Schikanen -- und den Hausfrauen-Tag entsprechend rosig. Mehrmals, so verrät sie nun, sei sie weinend vom Büro heimgekommen, weil man sie dort gedemütigt habe ("Die sensible Seite meiner weiblichen Natur").

Dem schlechten Gewissen, das alle berufstätigen Mütter quält, etwa wenn sie ein fiebriges Kind beim Kinderhort abliefern, läßt sie nachträglich freien Lauf und warnt: »Die Entscheidung fällt mit dem zweiten Kind, es multipliziert die Schwierigkeiten nicht mit zwei, sondern mit zehn.«

Für die Nur-Hausfrauen, auf die sie 25 Berufsjahre lang herabgesehen bat, preist Madame Collange jetzt den Kochherd als eine »Werkbank der Kreativität«. Wundervoll sei es, auf dem Wochenmarkt zu trödeln, Zimmer zu tapezieren und Übergardinen zu nähen. Man solle nur die Hausfrauen etwas »freier machen«. Und sie dürften sich nicht schämen, daß sie kein Geld heimbrächten. Christiane: »Sie bringen dafür das Glück.«

Verständlicherweise hagelte es für Madames neue Einsichten heftige Kritik von jungen Frauen. »Ich bin ein Opfer ihres (ersten) Bestsellers«, schrieb eine 32jährige Redakteurin im »Figaro-Magazin«. »Ich gehöre zu den Frauen, die auf ihre »Madame Manager'-Ratschläge gehört haben.« Dann fährt sie erbost fort: »Und jetzt wollen Sie uns, den arbeitenden Frauen, Komplexe und Gewissensbisse einimpfen?«

Das will aber die Autorin, Schwester des Ex-Reformministers Jean-Jacques Servan-Schreiber, nur zur Hälfte: »Ins Haus zurück, ja, aber nicht unbedingt für immer, nur häufiger und länger.« Das Zuhause als Lebensschwerpunkt und Hort aller Zärtlichkeit: »Ich weigere mich, zu wählen zwischen der Rolle »Frau und Mutter' und der Rolle »arbeitende Frau mit Kindern'.« Madame will beides zugleich.

Halbtagsarbeit -- die auch auf dem französischen Arbeitsmarkt nur in geringem Umfang angeboten wird -- könne die Frauen aus der Zwickmühle befreien: an häuslichem Überdruß oder an den Berufsstrapazen zu verkümmern, entweder ihre Kinder nur zwei gehetzte Stunden lang zu sehen oder für zwölf Stunden ihr Quengeln zu ertragen.

Später freilich, etwa ab vierzig, sollten die Frauen wieder voll ins Berufsleben eintreten, meint Madame Collange. Denn es sei »erwiesen, daß Frauen ab vierzig gesünder sind als Männer«. Madame selbst will auch weiterschaffen, sich vorbereiten auf die »dynamische Nicht-Arbeit« danach.

Natürlich entgeht den Leserinnen nicht, daß die Autorin vornehmerweise vom Geldverdienen kaum spricht. Wer Schlüsse ziehe wie Madame Collange. meinte denn auch die Kritikerin im »Figaro«, müsse »entweder mit einem reichen Mann gesegnet sein oder mit reichen Eltern«. Oder so ein Ausbund an Tüchtigkeit sein wie »Madame Management«.

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