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THEATER Rette sich, wer kann

Eine wilde Politparabel namens »Terrordrom« bleibt in Frank Castorfs Berliner Volksbühne theatralisch auf der Strecke.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 47/1998

Die Vorfreude auf die Supersilvesternacht 1999/2000 macht so ungeduldig, daß die Berliner Volksbühne mit ihrer jüngsten Premiere »Terrordrom« gleich um ein gutes Jahr in die Zukunft springt. Wenn der Schauplatz nach einigen obskuren Präliminarien hell wird, steht der Weihnachtsbaum schon geschmückt bereit, und wir befinden uns auf geheiligtem Castorf-Terrain, im Schoß der Familie, von dem sattsam bekannt ist, daß es sich um reine Hölle handelt.

Papa Tom ist Fernsehmoderator, Talkmaster, Zeitungskolumnenschreiber für einen Medienkonzern an der Berliner Kochstraße und also, in diesem Kontext kaum überraschend, ein mittelprächtiger Drecksack (von Herbert Fritsch als solcher prächtig dargestellt). Tom schläft im Büro mit seiner Sekretärin Anette (Cordelia Wege), prügelt daheim seine Frau Anna (Astrid Meyerfeldt) und begrüßt seinen halbwüchsigen Sohn Felix (Milan Peschel), als der völlig blutüberströmt hereinstürzt, mit feinem Spott: »Na, haste wieder eins auf die Schnauze gekriegt?« So ist ruck, zuck klargestellt, daß der Vater den Sohn für ein Weichei hält, worauf dieser dem Vater vorwirft, daß der von Berufs wegen doch auch bloß »seine maskierte Fresse in die Kamera dreht und Scheiße labert«.

Mutter Anna hat ein Verhältnis mit Vaters allmächtigem Boß Paul (Hendrik Arnst), was selbstverständlich nichts mit Liebe zu tun hat; Paul seinerseits fühlt auch rasch mal bei der Sekretärin Anette vor, ob sie, falls Anna zickt, für einen Weihnachtsurlaub greifbar wäre. Im übrigen kippt Anna ständig so viele Uppers und Downers mit Wodka rein und spült mit Weißwein nach, daß sie sich nie lange aufrecht auf einem Stuhl hält. Seit es Privatfernseh-Melodramen gibt, weiß ja jedermann, daß das Leben in solchen Kreisen so spielt.

Als sechster gehört in den Familienrahmen Toms nichtsnutziger Bruder Nico. Zur Begrüßung pflegen die beiden mit Fäusten aufeinander loszugehen und sich prügelnd auf dem Teppich zu wälzen, bis sie blaurot sind. Nico, Museumswärter im Martin-Gropius-Bau, wo er auf ein monumentales Stalin-Bildnis aufpassen soll, hat einen amtlich attestierten Dachschaden: Er bildet sich ein, Privatdetektiv oder Geheimagent auf der Spur einer Verschwörung zu sein, die nach dem gemalten Stalin oder einer unter dessen Mütze verborgenen Geheimformel trachtet.

In dieser Folge von Genrebildchen, als deren Urszene natürlich das patriarchalische Tranchieren der Weihnachtsgans erscheint, schlägt immer mal wieder Frank Castorfs Theatralisierungskraft zu: Wie er einem Minimum an Spielmaterial einen Funken Wirklichkeit entlockt, eine innere Spannung so zündet, daß man sie für einen Augenblick förmlich zu riechen meint. Nur eben: Das Material bleibt minimal, und was Castorf mit seinen Akteuren improvisierend entwickelt hat, formt sich selten zwingend zu einer Szene, verläppert öfter in Witzelei. Die Kleinigkeiten addieren sich, doch sie eskalieren nicht.

Innerhalb einer Theateraufführung, deren aufgekratztem Stil gemäß alle Figuren sich manchmal plötzlich verhalten, als habe man ihnen ins Hirn geschissen, mag es schwierig sein, einen Einzelcharakter mit einer begründeten psychischen Deformation durchzuhalten. Bernhard Schütz als Nico bringt das erstaunlich zustande. In der Paarung mit Herbert Fritsch bildet er ein famoses Clownsduo, immer elastisch und kapriolenlustig; in Momenten überschatteter Trübsal jedoch läßt er ein Maß an Traurigkeit und Verzweiflung hervorscheinen, das die vorherrschende Albernheit des Gesamten beschämt.

Außerhalb dieses Familienkonglomerats bewegen sich zwei Frauenfiguren durch Castorfs Theaterspektakel »Terrordrom«. Die eine - mal mit schweren Springerstiefeln und schwarzen Flügeln als Engel der Apokalypse über die Szene hinschwebend, mal mit Rauschgoldlockenperücke als Popstar in ein Mikrofon hauchend - ist die allseits beliebte Sophie Rois: Sie verkündet auf ihre unverwechselbare, samtig-sandpapieren krächzende Art geheimnisschwere Umsturz- und Untergangsbotschaften wie aus Heiner Müllers Grab. Die andere, schick, rotschöpfig, mit russisch rollendem, lockendem R, ist Jeanette Spassova. Spaß muß sein, mag als Parole dieses koketten Pärchens gelten: die Dixsche Koksgräfin als lesbisches Doppelpack.

Zuschauer, die nicht zufällig gerade Tim Staffels Roman »Terrordrom« gelesen haben, werden aus den Auftritten dieses Duos kaum schlau werden, paradoxerweise, denn die beiden kommen in dem Buch überhaupt nicht vor*. Castorf hat für seine Show Staffels Roman ein Stückchen weit ausgeschlachtet, dabei aber den alles antreibenden und

* Tim Staffel: »Terrordrom«. Ammann Verlag, Zürich; 220 Seiten; 29,80 Mark.

erklärenden Haupthandlungsstrang wegoperiert: An die Stelle einer schwierigen, schmerzenden Männerliebesgeschichte hat er die Kaprizen zweier gackernder Girlies gesetzt - anders hätte das »Terrordrom« (dessen Titel allein für ihn unwiderstehlich gewesen sein muß) nicht den erotisierenden Kick gekriegt, den seine Theaterphantasie braucht, um hochzukommen.

Vielleicht hat sich der unverdrossene Anarcho-Sozialist Castorf ja nur durch ein hübsches Aperçu von Staffel zum Versuch einer Theatralisierung des Romans verführen lassen: »Die Familie ist die Keimzelle des Sozialismus. Also muß die Familie zerstört werden.« Weit über den Versuch, also einen Zerstörungsexzeß, ist Castorfs Version nicht hinausgediehen.

Tim Staffel, 33, ein ungemein langer, ungemein dünner Mensch mit korrekter Schädelrasur und korrektem Dreitagebart, hat sich am Premierenende dennoch gutgelaunt Händchen in Händchen mit Castorf verbeugt - der Roman (an dessen Bühnenfassung er nicht beteiligt war) hat ihm paradoxerweise seinen ersten großen Bühnenauftritt verschafft.

Denn die eigenständigen Stücke des Dramatikers Staffel, der das Theaterlabor des polnischen Postapokalyptikers Andrzej Wirth an der Uni Gießen absolviert hat, machten noch wenig Furore. Das Höchste bisher war wohl eine Aufführung im Kreuzberger Probenraum der Schaubühne, und Staffel fand sich (wie so mancher strebsame Schreiber der Post-Rainald-Goetz- und Post-Werner-Schwab-Generation) in dem Dilemma, ob man seine Arbeitskraft mehr auf ein Werk oder mehr auf Attitüde und Image konzentrieren solle. Als Anfang dieses Jahres dann der Roman »Terrordrom« herauskam, hatte er immerhin schon erreicht, daß die Rezensenten ebensoviel Aufmerksamkeit der Erscheinung des Autors wie dem Erscheinen des Buches widmeten: nicht schlecht.

»Terrordrom« gehört zu jener Sorte von Büchern, die als bekannt voraussetzen, daß wir eigentlich allesamt »Natural Born Killers« seien und also Menschen gemeinhin als »Fratzen«, »Fressen« oder »Fucker« bezeichnen, wahlweise natürlich auch als »Schwuchteln« oder »Ärsche": Dieser Tonfall mag ein wenig gewöhnungsbedürftig sein, auch ein wenig variationsarm, da doch acht verschiedene Personen in abwechselndem Monolog die Geschichte vorantreiben. Der Telegrammstil gewinnt aber Drive, indem er Emotionen freisetzt: nicht nur ein Haßpotential, vor dem man den Hut ziehen möchte, auch Leidenschaft.

Hauptfigur ist (um doch zu erwähnen, was bei Castorf eben nicht vorkommt) ein junger, leider bedenklich dem Kokain ergebener Dichter namens Lars, der mit schmachtender Liebe einen schönen Türken umwirbt, Hakan, einen Jurastudenten, der sich leider als 150prozentig heterosexuell und 150prozentig deutsch gebärdet, also als stramm wertkonservativer Lawand-order-Typ. Er wird schon fallen! Zu diesem Zweck zettelt Lars mit obskuren Briefbotschaften die Fiktion einer terroristischen Umstürzler-Verschwörung an, die dann - durch mieses Wetter und Langeweile begünstigt - ein fabulös reales Eigenleben entwickelt: Berlin im Silvesterfesttrubel verwandelt sich in einen Schauplatz spektakulärer Gewaltorgien.

Über das erste Drittel des Romans hinaus, in diese Eskalation ist die Volksbühnen-Unternehmung kaum vorgedrungen; nur manches davon wird noch zu fortgeschrittener Stunde als Inhaltsangabe des Buchs heruntergehaspelt. Castorfs oft heroische Kunst des Unfertigen, aber bravourös Hingehauenen kann nichts bewirken, wo weder ein Text noch eine stringente Story produktiven Widerstand leistet. Wenig also, was da auf die Bühne kommt, hat solche Konsistenz, daß man es premierenreif nennen möchte, doch weithin ist offensichtlich, daß weiteres Probieren auch nichts geholfen hätte. Und wie an so manchem laueren Volksbühnen-Abend retten die Stammstars sich durch ihre phänomenale Stehaufmännchen-Qualität in eine Art bunten Abend, in die Veralberung: Die Lachlust des Dauerpublikums ist noch immer am schnellsten herausgekitzelt.

Noch einmal »Clockwork Orange« oder noch einmal »Trainspotting«, das gibt es wohl nicht, weil sich beim besten Willen nicht aus jedem Prügel-Roman ein Theaterstück herausprügeln läßt, doch das eigentlich Enttäuschende an »Terrordrom« ist die Kraftlosigkeit des Versuchs. Tim Staffels Roman gönnt zwei männlichen Paaren eine gemeinsame Zukunft, ein sogenanntes Happy-End. Castorf jedoch läßt am Ende, weil ja mal ein Ende sein muß, seine versammelte Darstellerschar von einem Heckenschützen mit dem Maschinengewehr niedermähen. Hoho! Mag es auch nur eine Geste der Kapitulation sein, so kann man doch nicht abstreiten: Als Theaterschluß macht es sich immer gut. URS JENNY

* Tim Staffel: »Terrordrom«. Ammann Verlag, Zürich; 220 Seiten;29,80 Mark.

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