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SCHLEUDERSCHUTZ Rettendes Bürsten

aus DER SPIEGEL 4/1966

Die Fahrbahn war feucht. Plötzlich sah der französische Ingenieur Emmanuel Veyret im Lichtkegel seiner Scheinwerfer mitten auf der Straße ein Pferd. Mit aller Kraft trat er auf das Bremspedal - zu spät, zu kräftig.

Veyrets Wagen geriet ins Schleudern und bumste mit dem Heck gegen den Zossen. Das Tier kam leichtverletzt davon, dem Autofahrer kam eine Idee. Veyret heute: »Damals, vor fünf Jahren, stellte ich fest, daß bereits der leichte Aufprall auf den Gaul genügte, um mein schleuderndes Auto wieder in einen normalen Fahrzustand zu bringen.«

In dreijähriger Tüftelarbeit entwickelte Veyret eine Apparatur, von der er glaubt, sie könne das gefürchtete Schleudern von Automobilen zuverlässig verhindern. An der hinteren, speziell verstärkten Stoßstange seines Wagens montierte Veyret eine Bürste mit 40 elastischen, in Gummi gelagerten Stahlborsten. Die Bürste hat V-Form; ihre V-Spitze zeigt in Fahrtrichtung.

Wirkungsweise des Geräts: Beim Schleudern drückt der Fahrer einen Auslöseknopf, und die Stahlbürste preßt sich auf die Fahrbahn. Durch ihre Reibung zwingt sie, wie Veyret versichert, den schleudernden Wagen alsbald wieder zum korrekten und vom Fahrer kontrollierten Geradeauslauf.

Seit Jahrzehnten schon sind unzählige Ingenieure und Erfinder bemüht, die fatale Schleudergefahr zu bannen. So suchte ein Erfinder in den zwanziger Jahren Autofabriken für ein von ihm entwickeltes »Anti-Schleuder-Pendel« zu interessieren. Andere ersannen kleine eiserne Stützräder, die während des Rutschens ausgefahren werden und das Fahrzeug wieder unter Kontrolle bringen sollten. Ein Techniker ließ sich noch vor wenigen Jahren Gewichte patentieren, die auf der Hinterachse gleiten sollten, um das Schleudern zu unterbinden.

Trotz Streumitteln, Salz, Belagaufrauhung, Leitplanken und spezieller Spike-Reifen blieben Rutschgefahr und Schleudern bis heute ein Alptraum aller Autofahrer auf glatten Straßen. Automobilklubs und private Unternehmer richteten sogar Kurse ein, in denen Automobilisten auf grüner Seife die verwegenen Künste sportlich-kontrollierten Schleuderns erlernen sollen.

Die »Aivaz S. A.«, Herstellerin medizinisch-technischen Zubehörs und feuerfester Flugzeug-Installationen, erwarb vor zwei Jahren von Veyret eine Bürsten-Lizenz zur Weiterentwicklung.

Die Aivaz-Ingenieure testeten die Rettungs-Bürste auf Lehm, Öl, nassem Asphalt, feuchtem Laub, Eis und Schnee. Selbst beim Schleudern infolge eines geplatzten Reifens brachte die - Redrex genannte - Apparatur den Wagen im 90-Kilometer-Tempo innerhalb von zehn Metern wieder unter Kontrolle.

In den Bergen von Savoie übernahmen Polizisten Redrex-Bürsten zu einjähriger praktischer Erprobung. »Mit eingeschalteter Vorrichtung fahren wir bei Glatteis und Schnee im Notfall doppelt so schnell wie sonst«, meldete ein polizeilicher Erfahrungsbericht. Und letzte Woche, als in Paris ungewöhnlich viel Schnee gefallen war, demonstrierte Erfinder Veyret den Parisern seinen Redrex-Retter mit einem Peugeot 403 stundenlang persönlich. Er fuhr seine Stahlborsten aus und kurvte bürstend durch den Bois de Boulogne.

Entscheidend sei, daß die bürstende Apparatur so weit hinten wie möglich montiert wird, versicherte Aivaz-Ingenieur Morache: »Der stabilisierende Effekt ist der gleiche, wie wenn man mit einem Motorboot eine lange, schwere Kette schleppt.« Die Stahlborsten ruinieren weder die Straßen noch unterliegen sie selber nennenswertem Verschleiß.

Dennoch hat Veyrets Bürste Widerhaken, die eine Massenherstellung erschweren: Da das Gerät je nach Größe und Länge für jeden Autotyp unterschiedlich berechnet werden muß, kann es nicht ganz billig sein - pro Stück 1000 bis 1200 Mark.

Anti-Schleudergerät Redrex

Stahlborsten an der Stoßstange

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