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THEATER / BERLINER "SCHAUBÜHNE" Revolver entsichert

aus DER SPIEGEL 52/1970

Die Magd des Herrn, die CDU, hat Dank verdient. Sie, die oft das Böse sucht und dann das Gute schafft, hat das Ansehen einer linken Spielschar kräftig gemehrt.

Die Berliner »Schaubühne am Halleschen Ufer« ist der wichtigste Versuch der letzten Dekade, das moribunde Feudaltheater deutscher Art durch neue Produktionsfarmen zu ersetzen - durch Kollektivarbeit, innerbetriebliche Demokratie, angestrebte Egalisierung der Gehälter und politischen Konsensus.

Seit knapp drei Monaten zeigt die Truppe ihre erste, programmatische Inszenierung: »Die Mutter«, Bert Brechts Lob- und Lehrstück der Leninschen Revolution. Selbst die »Welt« lobte die Premiere als »Paukenschlag«, und nur sieben Karten blieben bisher unverkauft, drei davon aus Versehen.

Das linke Erfolgstheater unter den Regie-Stars Claus Peymann, 33, und Peter Stein, 33, ist ein Subventionstheater. Zwei Jahre lang, so hatte Berlins SPD-Senat beim Start beschieden, wolle er die »Schaubühne«-oHG. mit je 1,8 Millionen Mark unterhalten - als »Teststand für eine ganz neue Idee«. Jetzt aber will er nicht mehr.

Denn die Magd des Herrn hat gezetert. In der Etatdebatte für 1971 malte Berlins CDU, nahender Wahlen wegen feuereifrig, den Teststand in den schlimmsten Farben. Er sei eine »staatsfeindliche«, »kommunistische Zelle«, die das »erklärte Ziel« habe, »die Revolution anzuzetteln«. Die Union: »Das muß verhindert werden.« Darum: »Zahlungen sofort einstellen.«

Zum Beweis, daß in der »Schaubühne« das bekannte Gespenst niste, präsentierte die CDU das ihr »zugegangene«, »gravierende Material": Auszüge der Intern-Protokolle, die von der »Schaubühne« nach allen Sitzungen, Proben und Disputen angefertigt und ans Ensemble verteilt werden.

Die sorglich gehütete Haus-Chronik ist mittlerweile auf 411 Seiten angeschwollen. Der CDU-Raubdruck umfaßt nur 30 Blatt, bietet einen zusammengestoppelten Tendenz-Digest und ist trotz aller christlicher Schludrigkeit ein passendes Weihnachtspräsent für Liebhaber progressiven Theaters.

Denn die Anthologie vermittelt offenen Einblick in Theorie, Praxis und Problematik eines Links-Kollektivs, stellt intelligente Menschen vor und erläutert die »Schaubühne« als ein ernsthaftes Theater des wissenschaftlichen Zeitalters. Mit dieser Publikation hat sich die CDU bleibende Verdienste erworben.

Wir betrachten Theater als ein Mittel zu unserer Emanzipation«, vermerkt eines der ersten Protokolle; es gelte, den »bürgerlichen Individualismus durch kollektive Arbeit zu überwinden, um sozial wirksam zu werden«. Dem Berliner Senat jedoch diene die Links-Bühne nur »zur ornamentalen Ausschmückung seiner Politik«.

Denn klar sei, daß die Leute, »die uns zuklatschten und uns Geld auf die Bühne schmissen, wenn wir dort geschminkt aufträten, die Revolver entsicherten, wenn wir ihnen als Manifestanten auf der Straße begegneten«. Man müsse »eine politische Praxis entwickeln, ohne das Unternehmen von vornherein zu gefährden«.

Bei den kollektiven »Mutter«-Proben, so wird protokolliert, treten erstmals »Reizpunkte« auf - »weil jeder subjektiv reagiert«. Ein Schauspieler: »Man kann erst anders reagieren, wenn man gemeinsam weiß, warum man das hier betreibt.« Was das »Politische anginge«, lernten sie freilich an einzelnen »Mutter«-Szenen mehr als in einer »Schulung«.

Denn entlang der Szenen-Arbeit treiben die Kollektivisten historische und ökonomische Studien, lesen die Klassiker des Marxismus und Überprüfen ihr Verhältnis zum Proletariat: Sie diskutieren nach »Mutter«-Aufführungen mit Lehrlingen, die sich aber »gar nicht so übermäßig für das Stück interessiert hätten«.

Mitte Oktober beschließen sie mit 70 gegen 10 Stimmen eine »obligatorische Schulung über Marxismus-Leninismus unter Leitung des Genossen Schwiedrzik«. Nur »Krankheit oder dringendste Erfordernisse« befreien von der Teilnahme; die selbstauferlegte Disziplin solle man »nach außen mit Stolz vertreten«.

Denn die Zeit des swinging Sozialismus, der spontanen Aktionen, des antiautoritären Lustprinzips ist längst vorbei. Die neue Linke ist auf eine neue Linse eingeschwenkt, der strenge Stratege Lenin hat mehr zu sagen als der junge Marx und der alte Marcuse.

Neue Projekte bringen neue Probleme. Die »Arbeitsgruppe Lehrlingstheater« sucht Spielformen, »mit denen man spontan auf Anlässe reagieren kann«; Regisseur Stein braucht für »Peer Gynt« eine »im marxistischen Sinne weiterführende Interpretation«; an einer »Prinz von Homburg«-Inszenierung fände Peymann vielversprechend, »das Preußenturn ein wenig unter die Harke zu nehmen« - »weil die auftretenden Burschen als mittlere Schlachtermeister erscheinen«.

Auch Glaubenszweifel kommen auf. Stein etwa hält die »Mutter«-Botschaft, der Kommunismus sei »das Ende der Verbrechen«, für eine »ausgesprochen leichtfertige Darstellung«. Dramaturg Dieter Sturm, ein SDS-Veteran, beruhigt: Die Formulierung sei richtig, »einfach deswegen, weil der Kommunismus bisher in keinem Land der Erde realisiert worden ist«.

Die CDU-Anthologie endet mit dem 4. Dezember. Das Protokoll vermerkt den Aufruf, an einer »Solidaritätsdemonstration« für die Black Panther teilzunehmen, berichtet von einer Sekretärin, die ihre Bürozeit nicht vorverlegen mag, und notiert: »In den Raum von Kaminski muß eine Arbeitsliege mit Schaumgummibelag.«

Im Dramaturgiebüro der »Schaubühne«, Marx, Lenin, Stalin und Mao blicken von den Wänden, erfährt man mehr über Kaminskis Liege: Der Herr lehre Sprechtechnik, und das Möbel diene bei Atemübungen. So wirke vieles anders, als es gemeint sei.

Das Fünfer-Direktorium (Peymann, Stein, Sturm, Schitthelm, Weiffenbach) hat mittlerweile gegen die »Verleumdungen« der CDU protestiert, Denn die Existenz der »Schaubühne« ist in Gefahr: Der SPD-Senat, von den eigenen Genossen bedrängt, hat, bis zur Klärung der Vorwürfe, die Rest-Million der Jahres-Subvention storniert.

»Die Mutter« ist bis Jahresende ausverkauft, und Abend für Abend singt Therese Giehse in der Mutter-Rolle liebreich, was Kommunismus sei: »Er ist das Einfache, das schwer zu machen ist.« Ein feiner Widerspruch.

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