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ANOUILH Rezept für Säuberungen

aus DER SPIEGEL 31/1960

Zum vierten Male in Jahresfrist ist die reibungsloser funktionierende deutsche Premieren-Maschinerie dem französischen Theater zuvorgekommen. Den Avantgardisten-Frühstarts von Ionescos »Nashörnern« in Düsseldorf, Adamovs »Toten Seelen« in Stuttgart und Audibertis »Zimmerwirtin« in Köln folgte jetzt die Uraufführung von Jean Anouilhs »Majestäten« ("La foire d'empoigne") durch das Berliner Renaissance-Theater bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Erst im Herbst, dafür aber dann vom Autor inszeniert, werden die Pariser das 1958 geschriebene Stück auf der Bühne Jean-Louis Barraults zu Gesicht bekommen.

Die Titel-Majestäten des Einakters, den Regisseur Willi Schmidt mittels eines hinzuerfundenen pantomimischen Vorspiels auf abendfüllende Zwei -Stunden-Dauer streckte, sind Napoleon und Ludwig XVIII. Zu Beginn kehrt Napoleon von Elba nach Paris zurück, während Ludwig nach Flandern flüchtet; zum Schluß ist Ludwig wieder in Paris eingezogen, während Napoleon von den Engländern nach St. Helena verfrachtet wird. Ein Leutnant d'Assonville, eher lächerliche Figur als tragischer Held, vertritt jeweils den Idealismus der Jugend, der opportunistische Polizeiminister Fouché ist Diener beider Herren, und auch die Wachtposten bleiben bestehen, während die Regimes vergehen. Dramaturgischer Hauptgag: Napoleon und Ludwig XVIII. werden vom selben Darsteller (in Recklinghausen: Otto Eduard Hasse) gespielt.

Das historische Regime-Hickhack der »Hundert Tage« - zwischen Napoleons Flucht von Elba und neuerlicher Verbannung nach St. Helena - dient dem freizügig nachdichtenden Anouilh nicht nur zu einer komödiantischen Entlarvung geschichtlicher Größen, sondern vor allem zur Demonstration zweier Arten von »Realpolitik«, der zynischen (Napoleon) und der humanen (Ludwig), daneben auch zu unüberhörbar aktuell klingenden Anspielungen.

So läßt Anouilh seinen Napoleon den Plan einer politischen »Säuberung«, das Rezept der Denunziation von »Kollaborateuren«, entwickeln: »Ich komme von meiner Insel zurück, verstehen Sie, wo ich makellos wie eine Jungfrau geblieben bin - Kunststück! -, und jetzt säubere ich Frankreich von allen Helfershelfern einer Regierung, die im Solde der Besatzung gearbeitet hat...

»Ich werde einen schlichten Oberst fragen. Gut bedient werde ich nur von Leuten, die auf Beförderung warten. Übrigens, dieses System werde ich ausbauen. Ich frage einen erfolglosen Maler - am besten einen von der Akademie - nach Namen von Malern (die kollaboriert haben). Einen Dichter nach Namen von Dichtern, einen zurückgesetzten Professor nach seiner Liste für das Unterrichtswesen, einen kleinen ungeduldigen Assessor nach Staatsanwälten. Ich weiß jetzt schon, da bekomme ich Namen im Überfluß!«

Den an die Macht zurückgekehrten Bourbonen-König Ludwig XVIII. dagegen läßt Anouilh nicht etwa für, sondern gegen die royalistischen Emigranten plädieren: »Aber ich kann nicht nur der König dieser Handvoll Leute sein, die mir treu geblieben sind - mir oder ihrem Haß -, ich habe das nie genauer untersuchen wollen.

»Ich bin nicht der König der Londoner Emigranten. Ich bin der König von Millionen Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig hiergeblieben waren und die so gut, wie es ging, mit allem, was über sie hereinbrach, fertig werden mußten. Die Emigration war dagegen immer noch ein Luxus. Man hat daraus eine Ruhmestat gemacht. Von mir aus. Aber es wäre, doch sehr peinlich gewesen, wenn kein Mensch mehr in Frankreich geblieben wäre...«

Mit solcherlei Gesprächen, das Nachkriegsfrankreich betreffend und durch historische Kostümierung kaum kaschiert, setzt Anouilh seine Übung fort, sich auf der Bühne - ohne besondere Mühe bei der Suche nach einer Handlung aufzuwenden - zur französischen Tagespolitik zu äußern: Sein letzter Beitrag dieser Art war das 1959 in Paris uraufgeführte Theaterstück »L'Hurluberlu«, in dessen Hauptfigur leicht eine Karikatur Charles de Gaulles zu erkennen ist.

Während französische Bühnen noch zögerten, die »Majestäten« des unermüdlich Stücke fabrizierenden Anouilh zu inszenieren, hatte sich eine deutsche Bühne bereits die Ur-Rechte gesichert, obwohl - oder weil - der Mann, dem Anouilhs Sympathien unverhohlen gelten, König Ludwig XVIII., recht bescheidene Maximen vertritt: »Heiraten, Kinder haben, im Beruf seinen Mann stehen.« Anouilhs offene Antipathien, ja sogar bissiger Spott treffen dagegen nicht nur den Usurpator Napoleon, sondern vornehmlich Napoleon als den Erben der Französischen Revolution, den Sohn der Republik. Joachim Kaiser im Vorwort zur deutschen Buchausgabe der »Majestäten"*: »Anouilh scheut den Vorwurf, reaktionär zu sein, nicht.«

Veranstalter der Ruhrfestspiele, bei denen die »Majestäten« uraufgeführt wurden, ist der Deutsche Gewerkschaftsbund. Offenbar völlig verkennend, was Anouilh - der bereits in seinem Schauspiel »Der arme Bitos« die Ideale der Französischen Revolution persifliert hatte - in seinem neuen Stück meinte, war der Uraufführungstermin von den Veranstaltern auf den 14. Juli festgesetzt worden. Es ist der Nationalfeiertag der Franzosen, alljährlich begangen zur Wiederkehr der Revolution vom 14. Juli 1789.

* Jean Anouilh: »Dramen«, fünfter Band; Verlag Albert Langen - Georg Müller, München; 333 Seiten; 14,80 Mark.

Anouilh-»Majestäten« Ludwig XVIII., Napoleon (Otto Eduard Hasse): War die Emigration ein Luxus?

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