Richard David Precht

Richard David Precht über Tierethik Völlig lausige Begründungen

Richard David Precht
Ein Gastbeitrag von Richard David Precht
Was wir Tieren antun, ist moralisch unvertretbar und falsch – zu dem Ergebnis kommen Philosophen mehrheitlich. Warum tut die Politik nicht mehr?
Stillleben mit Schwan von Frans Snyders: »Wie borniert muss man sein?«

Stillleben mit Schwan von Frans Snyders: »Wie borniert muss man sein?«

Foto: Heritage Images / Getty Images

Die Zeit, in der Politiker auf Philosophen hörten, ist sehr lange her. Und man sollte die Sache auch nicht überschätzen. Gewiss: ohne die Aufklärung keine Gewaltenteilung, keine parlamentarische Demokratie, keine Grundrechte und keinen Rechtsstaat – aber welcher damals regierende Monarch hatte sich davon schon überzeugen lassen und seine Macht freiwillig hergeschenkt? Philosophische Gedanken ändern keine Machtverhältnisse.

Sie werden nur dann fruchtbar, wenn diese Machtverhältnisse aus ganz anderen Gründen längst erschüttert und dem Untergang geweiht sind. Selbst Wissenschaftler und ihre Erkenntnisse tragen äußerst selten zu einer völlig anderen Politik bei. Die episodische Blüte der Epidemiologen und Virologen in der Covid-19-Pandemie sollte uns darüber nicht täuschen. Und Klimaforscher, Ökologen und Artenschützer können einen Fado davon singen.

Der Grund für die allgemeine Machtlosigkeit von Philosophen und Wissenschaftlern ist leicht benannt: weil es in der Politik gemeinhin nicht um das beste Argument geht und auch nur äußerst selten um Moral! Und weil große Fragen in der Politik immer unbeantwortete Fragen bleiben müssen und eine Frage umso mehr zählt, je kleiner sie ist und je leichter sie sich mit ein bisschen mehr Geld beantworten lässt.

Jedes Lebewesen lebt in seinem eigenen Universum

Man trägt diese Gedanken im Hinterkopf, wenn man »Tiere wie wir«, das aktuelle Buch der Harvard-Philosophin Christine Korsgaard liest. Die Autorin, eine der renommiertesten Philosophinnen der Welt und seit Jahrzehnten Vegetarierin, hat es sich zur Passion gemacht, mit und gegen Immanuel Kant tiefer ins Leben zu grübeln.

Ihr Ziel ist eine Vernunftphilosophie auf der Höhe nicht des 18. Jahrhunderts, sondern des 21. Jahrhunderts; eine Philosophie, die Kant nicht einfach nur wörtlich nimmt, sondern ernst. Was müsste ein Kant denken, der den Geist nicht streng vom Körper trennt, der Darwin durchdacht und Tiere ernst genommen hätte? Müsste er nicht mit Aristoteles, Korsgaards zweiter Inspirationsquelle, sagen, dass alles Leben darin besteht, sich selbst erfolgreich ins Ziel zu bringen, und dass genau hierin seine Bedeutung liegt und nirgendwo sonst?

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Wer Korsgaards Buch liest, begegnet der wohl luzidesten und subtilsten Analyse aller tierethischen Probleme und denkbaren Fragestellungen, die die in dieser Hinsicht ohnehin ziemlich anspruchsvolle philosophische Literatur zu bieten hat. Ihr Kernargument ist bestechend: Jedes Lebewesen schätzt sein Leben intuitiv – wenn auch nur in seltenen Fällen bewusst – als unüberbietbares Gut, völlig unabhängig davon, wie es kommuniziert, wovon es träumt, wovor es sich fürchtet und was es sonst noch begehren mag.

Jedes Lebewesen lebt in seinem eigenen Universum. Und der einzige Wertmaßstab für die Qualität seines Lebens stammt vom jeweiligen Lebewesen selbst und nicht etwa von außen, wo ein anderes Lebewesen wie ein Mensch darüber urteilt, was das Leben anderer Lebewesen aus seiner Sicht mehr oder weniger lebenswert macht.

An solchen Wertabstufungen besteht bekanntlich kein Mangel: Vernunft, Seele, Lautsprache, Werkzeuggebrauch, Rechenkünste – doch all diese Kriterien sind keine Kerben, die Menschen mit holzhackerischer Sicherheit von sämtlichen anderen Tieren unterscheiden. Es gibt, wie schon der australische Philosoph Peter Singer allen früheren und zukünftigen Philosophen ins Stammbuch schrieb, keine Eigenschaft, die alle Menschen von allen Tieren unterscheidet. Neugeborene sind weder autonom noch differenziert sprachfähig, geistig stark eingeschränkte oder demenzkranke Menschen verfügen mitunter über weniger Bewusstsein ihrer selbst als die Tiere, die wir essen oder im Labor töten.

Wenn Menschen darüber entscheiden, was wichtig für einen unbedingten Lebenswert ist, so sollten sie nach Korsgaard immer wissen: »Nichts kann wichtig sein, ohne wichtig für jemanden zu sein.« So steht es Menschen nicht gut zu Gesicht, den Wert anderen Lebens nach menschlichen Wichtigkeitskriterien zu bemessen.

Was wirklich zählt, sind die Wichtigkeitskriterien von Muscheln, Hühnern und Schweinen, von denen sich Korsgaard sicher ist, dass sie ebenso unbedingt sind wie die menschlichen. Etwas vorsichtiger habe ich in diesem Sinne zumindest für eine »Ethik des Nichtwissens« plädiert. Da wir in dieser Frage nur mutmaßen können, sollten wir im Zweifel davon ausgehen, dass Korsgaard recht hat.

Ob Tiere eine Seele und Gefühle haben, kann nur fragen, wer über keine der beiden Eigenschaften verfügt, meinte einst Eugen Drewermann. Und tatsächlich: Tierethiker mögen sich in Nuancen unterscheiden und unterschiedliche Begründungswege gehen, ihre Forderungen mögen steiler oder pragmatischer formuliert sein, in ihrem Urteil sind sie sich doch sämtlich einig: Was wir Tieren in der Nutztierhaltung und Wildtieren durch die Zerstörung ihrer Lebensräume antun, ist moralisch unvertretbar und völlig falsch! Auch wenn die Mehrheit der Philosophen das Thema ausspart, so kommt die Minderheit jener Philosophen, die sich mit der Tierfrage beschäftigt, mehrheitlich zu diesem Ergebnis.

Doch was nutzt diese geballte Intelligenz und die Vielzahl kluger Analysen für die Praxis? Werden sie die bestehenden Machtverhältnisse, die gewohnten Denkweisen und die mehr als 2000 Jahre lang etablierten Vorurteile überwinden?

Man stelle sich des Ernstes halber einmal vor, unsere Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner läse und verstünde Korsgaards anspruchsvolles Buch. Sie müsste lernen, dass kein ethisches Argument die landwirtschaftliche Intensivhaltung rechtfertigt und dass die Nutztierhaltung in Ställen und auf Weiden einschließlich der Tierfutterproduktion zu den schlimmsten ökologischen Sünden der Menschheit zählt. Ergänzend käme hinzu, dass EU-Recht und Freihandel der Moral des Tierwohls völlig entgegenstehen und dass Tiere keine Ware sein dürfen, jedenfalls dann nicht, wenn man alle Gründe dafür und dagegen sorgfältig abwägt.

Folgte die Politik in der Moral der Kraft des besseren Arguments, bliebe bei unserem Umgang mit Tieren kaum etwas, wie es ist. Doch leider ist nicht nur jedes Lebewesen sein eigenes Universum, sondern auch jedes gesellschaftliche Teilsystem. Politik und Philosophie sind Galaxien mit je eigener Belohnungskultur.

In der akademischen Welt zählt idealerweise die bessere Begründung, in der Politik reichen auch völlig lausige aus, wenn starke ökonomische Interessen dahinterstehen. Niemand wird allen Ernstes glauben, dass die Grünen als eventueller Juniorpartner von CDU/CSU in der nächsten Regierungskoalition die Massentierhaltung in Deutschland abschaffen werden. Vermutlich übernehmen sie vorsichtshalber nicht mal das Landwirtschaftsministerium, sondern verspielen ihr Kapital an ökologischer Expertise für das diesbezüglich völlig unfruchtbare Außenministerium.

Wie borniert muss man sein, um nicht zu sehen, dass Produkte mit naturidentischem Fleischgeschmack oder im Labor gezüchtetes Fleisch dem industriellen Billigfleisch in durchaus absehbarer Zeit das blutige Handwerk legen werden – und zwar über die Moral und über den Preis?

Dabei ist die Gelegenheit tatsächlich günstig wie nie zuvor in der deutschen Geschichte. Zwei gewaltige Revolutionen, die digitale und die Nachhaltigkeitsrevolution, pflügen in den nächsten Jahrzehnten das Jahrhundert um. Ein enormer Modernisierungsschub, viel rasanter und globaler als alle anderen industriellen Revolutionen zuvor, werden nicht nur unsere Wirtschaft drastisch verändern, sondern auch unsere Gesellschaft und unsere Lebensweise.

Ob am Ende eine bessere Erde für alle oder deren totale Zerstörung steht, ist noch nicht ausgemacht. Doch wann, wenn nicht in der Systemkrise alter Ordnungen, können Vordenker des Neuen erfolgreich sein? Dass eines Tages die Hälfte der Erde den Wildtieren zur Verfügung steht, wie Korsgaard träumt, ist leider nicht sehr wahrscheinlich. Dass aber zumindest die landwirtschaftliche Intensivhaltung und das milliardenfache Elend in den Ställen enden, ist vorstellbar.

Wie borniert muss man sein, um nicht zu sehen, dass Produkte mit naturidentischem Fleischgeschmack oder im Labor gezüchtetes Fleisch dem industriellen Billigfleisch in durchaus absehbarer Zeit das blutige Handwerk legen werden – und zwar über die Moral und über den Preis? Und dass es denen, die sich diesem Fortschritt verweigern, nicht anders ergehen wird als möglicherweise bald der Automobilindustrie? Wer nicht zu den Ersten gehört, gehört irgendwann gar nicht mehr dazu. Mag unsere Landwirtschaftsministerin wie die meisten ihrer Vorgänger gelernt haben, in moralischen Fragen wegzuhören – vielleicht helfen ökonomische?

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