Margarete Stokowski

Precht und Flaßpöhler Lasst die Philosophie da raus

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Die Philosophie hat einen schlechten Ruf, gilt als brotloses Laberfach. Doch mit den Aussagen von Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler im ZDF-Talk identifiziert zu werden – das hat sie nicht verdient.
Talk-Duo Precht und Flaßpöhler

Talk-Duo Precht und Flaßpöhler

Foto: Juliane Eirich / ZDF

Bevor ich erkläre, warum ich denke, dass der Ruf der Philosophie zurzeit unnötigerweise immer schlechter wird und warum ich eine sehr spezielle Mischung aus Fremdscham und Entsetzen habe, wenn ich sehe, was in manchen Fernsehformaten als »Philosophie« gilt, würde ich gerne mit etwas Persönlichem anfangen.

Als ich 19 war, entschied ich mich relativ spontan, Philosophie zu studieren. Ich hatte über ein Physikstudium nachgedacht, oder Mathematik, weil das meine Leistungskurse gewesen waren und ich sicher war, dass es für mich im Grunde vorbestimmt sei, theoretische Physik zu machen, weil es das war, was mich faszinierte und worin ich gut war. Weil mich aber auch andere Dinge faszinierten, unter anderem die Texte von Adorno, Beauvoir und Erich Fromm, entschied ich mich, erst mal, zumindest für ein Jahr, Philosophie zu machen. Quasi so, wie meine Freundinnen nach dem Abi »work and travel« machten, nur im Kopf.

Machen wir uns nichts vor, Philosophie hatte auch damals schon bei vielen Menschen den Ruf des absoluten Laberfachs. Mir war klar, dass Leute sagen, dass man damit im Grunde nichts werden kann, außer entweder Professorin oder Taxifahrerin, und ich hatte nicht mal einen Führerschein; aber es war mir egal, ich wollte mir das angucken.

Vielleicht würde ich das Studium zu Ende bringen, vielleicht nicht. Es hieß, man bleibt damit arm, aber ich dachte mir, ich habe von meinen Eltern gelernt, wie man mit relativ wenig Geld auskommt und irgendeinen Job werde ich schon finden. Meine Hauptmotivation war: lernen, wie man auf seriöse Art über große Fragen nachdenkt. Nicht im Sinne von »ich frag mich manchmal, welchen Sinn das alles hat«, sondern richtig ernsthaft mit handwerklichen Fähigkeiten, die man erst lernen muss. Ich wollte wissen, wie es sein kann, dass bei Diskussionen manche Leute recht haben und andere nicht. Wie Argumentieren funktioniert.

Was ich an dem Fach liebte

Ich blieb am Ende dabei und machte einen Bachelor und Master und hatte das Gefühl, es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich hatte das gefunden, was ich gesucht hatte, und noch mehr. Klar zieht das Fach auch verstrahlte Laberbacken an, eitle Schnösel oder Leute, die als philosophische Werkzeuge hauptsächlich Rotwein und Joints sehen; aber das ist auch okay, bei Jura oder Psychologie sind die Leute nicht so viel seriöser.

Jedenfalls: Was ich an dem Fach liebte, war die Möglichkeit, mit nichts als dem eigenen Gehirn in Fragen voranzukommen, an die ich mich vorher nicht getraut hätte. Und es war das viele, absurd viele Lesen, bei dem man sich Fragen stellt, an die man vorher nie gedacht hätte, und die extreme Freude daran, Dinge infrage zu stellen, die selbstverständlich scheinen.

Nun weiß ich natürlich, dass manche Leute sagen werden, man merke dem, was ich heute arbeite, nicht so sehr an, dass ich mal präzises Argumentieren gelernt habe. Oder umgekehrt: Man merke, dass ich nur Laberfächer studiert habe und nichts »Richtiges«.

Das stört mich wenig, denn immerhin habe ich gelernt, wann man eine Aussage ernst nehmen muss, hehe. Ich bezeichne mich heute nicht als Philosophin und bin auch nicht der Meinung, dass es Philosophie ist, was ich in meinen Büchern oder Kolumnen mache, aber ich könnte ohne dieses Studium nicht das machen, was ich heute mache, denn ich würde es mir nicht zutrauen, ohne das, was ich im Studium gelernt habe.

Wie Sie nun sicher wissen, ist »Philosoph« oder »Philosophin« keine geschützte Berufsbezeichnung, genau wie »Denker«, »Intellektuelle« oder auch »Feministin«. Jeder und jede kann sich so nennen oder so genannt werden. Das ist auch erst mal okay so. Für manche klingt »Philosophin« oder »Philosoph« wie etwas Ehrenvolles, für manche wie etwas Peinliches. Leider scheint sich das zurzeit zu verschieben in Richtung von Letzterem.

Es gäbe so viele Fragen, die man in einer Pandemie aus philosophischer Sicht erörtern könnte: Was ist eigentlich Verantwortung? Was ist Solidarität? Welche Arten von Freiheit stehen möglicherweise im Konflikt miteinander? Wie handelt man, wenn man Entscheidungen treffen muss, aber nicht genug Wissen über die Situation hat? Wie entstehen politische Kollektive? Wie viel vom Sozialen lässt sich ins Digitale übertragen? Was sind die Aufgaben des Staates in Notsituationen? Und wie hält man es aus, dass Menschen sterben?

Den schlechten Ruf gleichmäßiger verteilen

Was wir stattdessen kriegen, sind Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler: Beide treten in der öffentlichen Debatte als Philosoph bzw. Philosophin auf, beide spielen in der akademischen Philosophie keine Rolle (außer Precht in seinen eigenen Veranstaltungen, klar), und man würde von jedem Uni-Seminar entsetztes Lachen ernten, wenn man ihre Namen auf die Literaturliste setzen würde.

Man kann Philosophie natürlich auch außerhalb der Uni und in verständlicher Sprache betreiben, aber man kann sie halt auch in den Dreck ziehen. Precht und Flaßpöhler gleichen sich darin, dass sie gern populistische Meinungen vertreten, ohne sich groß um Belege zu scheren, und beide kommen bei ihren Überlegungen mit absolut präziser Treffsicherheit am rechten Rand bürgerlichen, antiemanzipatorischen Denkens raus, egal, ob es um die Pandemie geht oder um Geschlechterrollen.

ZDF-Talker Precht

ZDF-Talker Precht

Foto: Juliane Eirich / ZDF / Juliane Eirich

Über Richard David Prechts Beiträge zur Pandemie gab es hier im SPIEGEL  vor Kurzem einen absoluten Verriss. Es ging darum, dass Precht sich ohne jegliche Fachkenntnis zu Fragen des Immunsystems äußert, vor Kinderimpfungen warnt und sich hemmungslos auf »Querdenker«-Niveau bewegt. Precht unterrichtet zwar nebenberuflich Philosophie an Hochschulen, aber die wenigsten wissen, dass er eigentlich in Germanistik promoviert hat. Er hat ganze acht Semester Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte studiert  (also für damalige Verhältnisse beachtlich kurz) und dann über Robert Musil promoviert – was davon berechtigt ihn dazu, sich öffentlich über die Wirkung von mRNA-Impfstoffen zu äußern? Rhetorische Frage. »Also ich würde Kinder sowieso niemals impfen«, sagte er in seinem Podcast. Ja klar, würden Sie nicht, weil Sie halt kein Arzt sind.

Wenn Sie mich fragen, sollte man Precht in Talkshows nicht mehr als Philosophen, sondern als Germanisten vorstellen, einfach, um den schlechten Ruf etwas gleichmäßiger auf verschiedene Geisteswissenschaften zu verteilen. In einem »Zeit«-Porträt über Precht wurde er 2011 mal mit den Worten zitiert: »Ich bin kein Junkie, ich bin in diese Rolle reingespült worden, ich könnte genauso gut ganz privat leben und drei Stunden vor meinen Aquariumsfischen meditieren.« Ja, das wär doch mal was.

Precht gilt bei vielen intelligenten Menschen heute als unseriös, anders als Svenja Flaßpöhler. Über sie gab es hier im SPIEGEL ein lobendes Porträt : »Sie zügelt ihr Talent zur Klarheit und zur Schärfe, sie setzt auf Verständigung.« Man könnte aber auch sagen: Sie setzt schon seit einer Weile, spätestens seit ihrem Buch »Die potente Frau«, auf die absolute Dankbarkeit, mit der bürgerliche Medien und Einzelpersonen es immer wieder förmlich aufsaugen, wenn eine Frau, eine promovierte Philosophin, eine Chefredakteurin – also offensichtlich eine Intellektuelle und Macherin – ihnen in gebildeter Sprache darlegt, warum sie mit ihrer Skepsis gegen alles Linke, gegen Feminismus und Antirassismus, einfach recht haben. Wird schon was dran sein. Flaßpöhler wird im bürgerlichen, sich als liberal verstehenden Milieu mitunter als Intellektuelle gefeiert, weil sie noch nicht so lange dabei ist wie Richard David Precht und man sich gerne anhört, warum die jungen, woken Internetgören alle übertreiben.

Talkgast Flaßpöhler

Talkgast Flaßpöhler

Foto: Juliane Eirich / ZDF / Juliane Eirich

In »Die potente Frau« greift sie die #Metoo-Bewegung als eine Versammlung passiver Heulsusen ohne selbstbewusste Sexualität und mit Lynchmoral an, sie wettert gegen einen »Hashtag-Feminismus«, ohne sich die Mühe zu machen, irgendwas mit Zitaten zu belegen, und schafft es dann auch noch, Simone de Beauvoir als Essenzialistin darzustellen, obwohl sie das Gegenteil davon (Existenzialistin) war.

Diese intellektuelle Unredlichkeit und Schlampigkeit setzt sich in ihrem aktuellen Buch »Sensibel« fort, wenn sie etwa schreibt, Männern und Frauen biologische Merkmale zuzuweisen, gelte heute als »transfeindlich«: »also diskriminierend gegenüber Menschen, die in keine dieser Kategorien hineinpassen«. Sie verwechselt also Intersexualität mit Transgeschlechtlichkeit, aber hey, passt schon, Hauptsache, man nimmt mit, dass irgendwelche Freaks übersensibel geworden sind. »Als Intellektuelle liegt meine zentrale Kompetenz darin, zu differenzieren«, sagte sie mal in einem »taz«-Interview, aber man merkt davon nicht immer was .

Kein Wunder also, dass sie sich in der Talksendung mit Richard David Precht so gut verstand, ob es nun um angeblich verweichlichte Männer oder mangelnde Erotik am Arbeitsplatz ging oder um Antirassismus. Oder sogar, wenn es um den Holocaust geht und Flaßpöhler erklärt, man müsse da die jüdische Perspektive hören, »aber unbedingt notwendig ist es, diese Betroffenenperspektive zu vermitteln mit einer Nichtbetroffenenperspektive«, »weil beide Positionen etwas sehen, was die jeweils andere nicht sieht« – aha? Ist das die berühmte goldene Mitte zwischen... ja was?

»Sensibilisieren wir uns zu Tode?« hieß die Sendung, was sicherlich eine Anspielung auf Postmans »Wir amüsieren uns zu Tode« sein sollte, in einer Pandemie, in der massenhaft Menschen sterben, aber eine eigenartige Schwerpunktsetzung ist . Julia Encke hat in der »FAS« beschrieben , was man in dieser Sendung sehen konnte: »Wie nämlich ein Diskurs, der die angebliche Beschneidung von Freiheit, gesellschaftliche Zwänge und selbst auferlegte Zensur beschwört, vom Milieu der Impfskeptiker und Corona-Leugner allmählich in die bürgerliche Mitte transportiert wird.« Precht und Flaßpöhler beklagen gemeinsam, wie sehr uns die Freiheit abhandenkommt, während sie, so Encke, »auf eine fast schon bizarre Weise einer Meinung sind«, und zwar einer Meinung, die »auf jeder ›Querdenker‹-Demo mehrheitsfähig wäre«.

Da muss man sich dann nicht wundern, wenn Leute sagen, »Wir haben eine PhilosophInnen-Krise« (Jörg Kachelmann) oder »Deutsche Gegenwartsphilosophie ist intellektuell 1 Zumutung« (Mohamed Amjahid) oder eine Professorin (Johanna Sprondel) auf  Twitter berichtet, sie habe, obwohl sie in Philosophie promoviert, publiziert und gelehrt habe, ihren Lektor gebeten »Philosophin« aus ihrer Kurzbiografie zu streichen, weil: »Precht, Flaßpöhler«.

Klar, es gibt auch andere öffentlich sprechende Menschen, die philosophisch gebildet sind und bei denen man das auch merkt. Es gibt Jürgen Habermas, Eva von Redecker, Nils Markwardt, Şeyda Kurt, Hilal Sezgin, Bini Adamczak, Carolin Emcke, um nur ein paar zu nennen. Umso bitterer ist es, wenn sich die öffentliche Wahrnehmung von »Philosoph*innen« auf Figuren wie Precht oder Flaßpöhler reduziert. Sicher gibt es nicht die eine wahre Art, Philosophie zu betreiben, aber das Mindeste wäre, intellektuell redlich zu bleiben, präzise zu argumentieren und Belege für angebliche gesellschaftliche Tendenzen zu liefern, statt einfach Meinungen zu präsentieren, die zufällig genau die reaktionären, unsolidarischen und empathielosen Positionen sind, von denen wir eh zu viel haben.

Viel zu viele Leute denken sowieso schon, dass Philosophieren im Grunde »labern« bedeutet, und dann kommen Leute wie Precht und Flaßpöhler und bestätigen genau dieses Bild. Sie ruinieren den Ruf einer Wissenschaft und adeln für ihre Anhänger*innen gleichzeitig reaktionäre Meinungen als »Philosophie«. Das ist demütigend für die ganze Fachrichtung.

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