Samira El Ouassil

Umgang mit Schwangeren Rihannas Bauch ist politisch

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Ist eine Frau schwanger, betatschen selbst Fremde ihren Bauch – wer ein Kind in sich trägt, wird offenbar zum Allgemeingut. Wie Rihanna sich diesem Mechanismus entzieht.
Rihanna auf der Pariser Fashion Week: Schwanger nach ihren Bedingungen

Rihanna auf der Pariser Fashion Week: Schwanger nach ihren Bedingungen

Foto: Edward Berthelot / Getty Images

Es gibt eine Unsitte, die mir bis heute nicht in den Kopf geht: das Tätscheln des Bauches einer Schwangeren. Für mich ist es unbegreiflich, wie fremde Menschen diese Körperveränderung als Einladung betrachten, die sich abzeichnende Wölbung nicht nur zu begrapschen oder gar zu streicheln (als sei der Bauch ein Glücksknauf des Portals einer italienischen Kathedrale), sondern auch noch säuselnd Form und Größe bewerten.

Offensichtlich vergessen sie, dass sie in diesem Moment ohne Einverständnis eine ihnen womöglich unbekannte Person anfassen, einfach so, mitten im Supermarkt oder in der U-Bahn. Schwangere werden offenbar im öffentlichen Raum von einigen als Allgemeingut betrachtet, bei dem sich Körpergrenzen und Souveränität auflösen.

Reproduktive Rechte, also zum Beispiel die freie Entscheidung, Kinder zu bekommen oder eben nicht, waren schon immer Deutungshoheiten und Machtstrukturen unterworfen. Es gibt eine lange Tradition der politischen Unterleibskontrolle, und bis heute kämpfen Frauen nicht nur um ihr körperliches Selbstbestimmungsrecht, sondern weiterhin in etlichen Ländern auch darum, sich überhaupt über dieses informieren zu dürfen.

Auch ohne Schwangerschaft werden Frauenkörper politisch betätschelt, geformt, normiert, bewertet. Ihre Regulierung durch das Rechtssystem und die Gesellschaft erscheinen so selbstverständlich, dass viele nicht bemerken, dass es doch seltsam ist, dass im Gesetz mehr Regeln für die Körper der Frauen als für die der Männer existieren.

Diese Bürokratisierung des Körpers setzt sich in Wirtschaft und Gesellschaft fort. Der französische Philosoph Michel Foucault hat schon erörtert, inwiefern sich seit dem späten Mittelalter die Kontrolle von Körpern entwickelte. Ein Aspekt ist hierbei die Perspektive von Beobachtern auf Beobachtete beziehungsweise die Frage, wer in bestimmten gesellschaftlichen Anordnungen andere beobachten kann – und wer beständig befürchten muss, unbemerkt beobachtet und plötzlich kontrolliert und belangt zu werden.

Der Babybauch sprengt die Logik sozialer Kontrolle

Auch die Maßnahmen, die sich auf Schwangere auswirken, lassen sich im Sinne der von Foucault beschriebenen gesellschaftlichen Machttechniken verstehen. Und die Beobachtung beziehungsweise der gesellschaftliche Blick auf Schwangere, der bis heute kultiviert wird, erscheint mir vor dem Hintergrund weiterhin als sehr mittelalterlich. Sie können es ja mal an sich selbst überprüfen, inwiefern Sie meinen, was eine schwangere Frau alles tun oder besser lassen, wie sie im privaten und im öffentlichen Raum auftreten und sich verhalten sollte.

Die Schwangere unterliegt offensichtlich nicht nur der Disziplinierung, die Frauen im Allgemeinen betrifft, sondern wird auch zu einem Körper, der aufgrund seines spezifischen und wahrnehmbaren Status in seiner geradezu frivolen Fruchtbarkeit ganz schnell gezähmt werden muss. Der sichtbare Babybauch wird so zu einem gesellschaftspolitischen Ort, sprengt er doch die Logik sozialer Kontrolle, indem er sowohl eine weibliche Sexualität als auch die gesellschaftlich erwünschte Reproduktion zugleich sichtbar macht.

Es ist aber auch verwirrend: Einerseits gilt das »Vermehrt euch!« gesellschaftlich als erstrebenswert, andererseits echot immer noch der Mythos der keuschen Frau nach. Was ist die logische Konsequenz? Na klar: einfach den Bauch verstecken. Die Kunsthistorikerin und SPIEGEL-Journalistin Ulrike Knöfel erklärte in ihrer Analyse  prominenter Schwangerschaftsporträts, wie es einst in der Malerei war: »Auf vielen dieser Gemälde sieht Maria keusch und unschwanger aus, nur gelegentlich wirkte sie wie in anderen Umständen. Und bei diesem Gebot zur Zurückhaltung blieb es sehr lange: Man sollte Schwangerschaften nicht sehen, jedenfalls nicht so deutlich.«

Geht das nicht, infantilisiert man die Frau während ihrer Schwangerschaft durch ungefragtes Anfassen, Belehren und ein Korsett kontrollierter Sittsamkeit. Widerspruch aufgelöst!

Das einzige Zugeständnis, das der Frau und ihrem Bauch im öffentlichen Raum gemacht wird, ist ein ökonomisches – was natürlich auch schon wieder eine andere Art der Körperkontrolle darstellt: wenn sich Prominente mit ihrem Bauch hochglänzend inszeniert für Magazincover und soziale Medien ablichten lassen. Zu den bekanntesten Beispielen zählen das Cover mit Demi Moore auf der »Vanity Fair« , oder die botticellihaften Fotos von Beyoncé , die dem Bild der schwangeren Schwarzen Frau in der Öffentlichkeit eine notwendige Sichtbarkeit verschaffte .

Auch in der Logik plattformorientierter Selbstvermarktung darf der Bauch als professionell privater Content gezeigt werden (und wird dabei auch fleißig kommentiert). Bemerkenswert hierbei ist der ästhetische Rahmen, der sich als moderne Darstellung von Schwangerschaft durchgesetzt hat: ätherische, scheinbar natürliche Arrangements in Pastelltönen mit floraler Alnatura-Optik. Die schwangere Frau wird dabei als eine Art reine, naturbezogene, aber auch selbst etwas kindliche Mutter, wahlweise als Marienfigur, Blumenkind oder gleich asexuelle Gaia abgelichtet.

Dieses moderne Klischee hat eine Künstlerin nun aufgebrochen: die Sängerin Rihanna. Mit inszenierten Paparazzi-Fotos präsentierte sie der Öffentlichkeit, was sie von dem Verstecken des Babybauches hält: nichts.

Das von Annie Leibovitz fotografierte Mai-Cover der »Vogue«, auf dem Rihanna in einem sexy Spitzenbody zu sehen ist, war nicht mal das subversivste Bild – im Gegenteil, denn ihr Bauch wurde retuschiert . Nein, es waren vielmehr ihre Auftritte zu Veranstaltungen, auf denen sie durch diverse Outfits ihre Selbstermächtigung sichtbar machte und bestehende gesellschaftliche Normen geradezu auslachte. Latex, Fake-Pelz, Fransen, Glitzer, knappe Tops, tief sitzende Hosen, sehr viel Transparenz; am bemerkenswertesten vielleicht ihr Outfit, das wie Lingerie aussah, bestehend aus einem durchsichtigen Babydoll, Dessous und schwarzen Lacklederstiefeln.

Sie inszenierte sich als sexuell selbstbestimmten Frau – mit Babybauch. Bei einigen Kommentatoren führte diese Kombination aus Mutterschaft und Freizügigkeit zu kognitiver Überforderung und Skandalatmung. Aufgrund der steten sozialen Überwachung des Frauentorsos erscheint es außergewöhnlich, die unberührbare Präsenz des eigenen Körpers im öffentlichen Raum so unverhüllt einzufordern. Insbesondere als Schwarze Frau, deren Körper noch mal einer anderen Objektifizierung und Grenzüberschreitung unterliegt.

Rihannas Bauch ist politisch – zu ihren Bedingungen. Diese Selbstverständlichkeit, unbehelligt bauchfrei sein zu können, zu eigenen, selbstbestimmten Konditionen, ohne Beglotzung, Betastung und übergriffige Fremdermächtigung wünsche ich mir für jede Schwangere.