Zur Ausgabe
Artikel 50 / 75

FURTWÄNGLER Ring im Dunklen

aus DER SPIEGEL 49/1964

Die Karten kosteten hundert Mark

und mehr und wurden nur unterderhand gehandelt. Sie gewährten Einlaß zu einem Konzert, das Kritiker als Roms musikalischen und gesellschaftlichen Höhepunkt des Jahres 1953 feierten:

Wilhelm Furtwängler dirigierte im Konzertstudio des römischen Rundfunks Richard Wagners vierteiligen »Ring des Nibelungen« ins Radio - pro Abend einen Akt. Furtwänglers Gage: 2000 Dollar pro Sendung.

Es musizierten Chor und Orchester von Radio Italiana ("Rai"), es sangen Solisten wie Martha Mödl, Rita Streich, Sena Jurinac, Elisabeth Grümmer, Margarete Klose, Hilde Konetzni, Lorenz Fehenberger, Wolfgang Windgassen, Gustav Neidlinger, Julius Patzak, Josef Greindl und Gottlob Frick - eine Kombination großer Wagner-Stimmen, die kaum wiederholbar ist und musikhistorischen Wert besitzt.

Heute, mehr als zehn Jahre danach, will die »Deutsche Grammophon Gesellschaft« den Rundfunk-Mitschnitt, zu stereo-ähnlichem sogenannten Breitklang verbessert, als erste Schallplatten -Gesamtaufnahme des »Rings« veröffentlichen. (Ein weiterer Gesamt-»Ring« wird von der »Decca« im nächsten Jahr geschlossen.) Preis der siebzehn »Grammophon«-Platten: rund 300 Mark.

In Frankreich und Amerika will die »Deutsche Grammophon« die schwellende Wagner-Woge für ihr »Ring«-Produkt nutzen, in Deutschland verheißt die beständige Furtwängler-Verehrung Absatz: Schallplatten des am 30. November 1954 verstorbenen Dirigenten gehören zu den dauerhaftesten Evergreens, etwa das von Furtwängler dirigierte

Beethoven-Violinkonzert (110 000 verkaufte Platten) oder seine Siebte Symphonie von Schubert (50 000).

Schon wenige Wochen nach Furtwänglers Tod hatte eine andere Plattenfabrik, der Londoner »Emi«-Konzern, an den Furtwängler und die meisten der »Ring«-Solisten vertraglich gebunden waren und sind, Musiker und Toningenieure nach Rom geschickt, um Furtwänglers römische »Ring«-Tonbänder auf ihre Schallplatten-Eignung zu prüfen. Am laufenden Band fanden sie den »Rai-Ring« »unüberbietbar gültig«.

Doch die »Rai«, der Furtwängler seine subjektiv-romantische Wagner -Interpretation zu dreimaliger Sendung überlassen hatte, zeigte wenig Neigung an einem Geschäft mit den Engländern. Auch Fürsprache der Dirigenten-Witwe Elisabeth Furtwängler richtete nichts aus.

»Rai«-Programmdirektor Giulio Razzi forderte von vornherein eine so hohe Summe, daß er mit dem Desinteresse der »Emi«-Beauftragten rechnen durfte. Als »Emi«-Musiker dann zum zweitenmal in Rom vorsprachen, waren die Bänder von Furtwänglers Wagner -Weihespiel gelöscht.

»Das war für uns«, berichtet die heute bei Montreux lebende Elisabeth Furtwängler, »ein ungeheurer Schlag. Da gab es jemand, dem viel daran gelegen war, daß die Aufnahme Wilhelms nicht auf Schallplatten herauskam.« Wer dieser Jemand war, blieb auch für die Witwe bis heute »im Dunklen«.

Einem Tontechniker indes ist es nach Auskunft Elisabeth Furtwänglers zu danken, daß die kostbare Aufnahme dennoch erhalten blieb. Er hatte das musikalische Kolossal-Drama - Furtwängler über Wagners »Ring": »Seit Äschylos ist so etwas nicht dagewesen« - vor dem Löschen der Bänder auf 29 Plattenfolien umkopiert.

Als die »Emi«, des langen und wenig erfolgreichen Verhandelns müde, nun endgültig aufgab - Elisabeth Furtwängler: »Die sind nicht am Feind geblieben, die Engländer können halt nicht kämpfen« -, griff die »Deutsche Grammophon« ein. Für eine Abstandssumme trat die »Emi« ihre Exklusivrechte an den Gesangssolisten den Deutschen ab.

Was die Briten in acht Jahren nicht zustande brachten, erreichte die deutsche »Grammophon«-Produzentin Elsa Schiller in anderthalb Stunden durch einen dringlichen Appell an das Kulturbewußtsein des italienischen Rundfunkdirektors Razzi. Elsa Schiller: »Ich erklärte dem Maestro Razzi, daß es für den italienischen Rundfunk eine Ehre und für die 'Deutsche Grammophon' eine kulturelle Tat und kein Geschäft bedeute, Furtwänglers Wagner-Vermächtnis der Öffentlichkeit bekanntzumachen.« »Rai«-Razzi hatte die Ehre.

Um das »kulturgeschichtliche Werk« zu vollbringen - Elsa Schiller: »Was werden unsere Nachwuchsdirigenten alles daran lernen können!« -, achtete die »Deutsche Grammophon« dann doch aufs Geschäft: Ein »Grammophon«-Gesandter handelte »maßlose Honorarforderungen« (Elsa Schiller) der römischen Orchestermusiker und Chorsänger herunter und weigerte sich erfolgreich, von den Italienern erdachte branchenunübliche »Etikettengebühren« und Lizenzen zu zahlen. Sagt ein »Grammophon -Sprecher: »Da waren Dunkelmänner am Werk, die sich bereichern wollten.«

Die gesamten Produktionskosten des Furtwängler-Remakes, einschließlich der Solisten-Gagen, belaufen sich immer noch auf die für eine Schallplatten -Produktion ungewöhnlich hohe Summe von einer halben Million Mark.

Zu einer fühlbaren Kostenersparnis verhalf der »Grammophon« die Witwe und Erbin Wilhelm Furtwänglers: »Im Interesse der guten Sache, verzichtete sie auf Tantiemen aus dem »Ring«. Elisabeth Furtwängler: »Von einem gewissen Reichtum ab muß man zurückstehen können, ich will mir ja kein Flugzeug kaufen. Aber ich wollte den Gesangssolisten mit gutem Beispiel vorangehen. Und ich will, daß unbekannte Werke meines Mannes bekannt werden.«

Auf die Bekanntmachung anderer in Rundfunkarchiven lagernder Furtwängler-Musik ("Die Welt": »Viel Bedeutendes steht noch aus") muß die Hinterbliebene einstweilen warten. So zeigte die Schallplatten-Industrie bislang kein Interesse an Furtwänglers berühmten Salzburger »Freischütz«- und »Don Giovanni«-Aufführungen, deren Bandaufnahmen der österreichische Rundfunk und der »Rias« bewahren. Grund: Die Salzburger Solisten sind bei verschiedenen Schallplatten-Firmen unter Vertrag, und die Konkurrenten konnten sich über einen Künstler-Austausch nicht verständigen.

Warum Furtwänglers »Zauberflöte« nicht auf die Platte kam, liegt für die Dirigenten-Witwe - anders als beim »Ring« - nicht »im Dunklen«. Das habe, sagt sie, Furtwänglers ehemaliger Plattenproduzent Walter Legge vereitelt. Denn Legge habe, kurz nach einem Besuch bei Furtwängler, die »Zauberflöte« »mit denselben Solisten, mit demselben Orchester«, jedoch mit einem anderen Dirigenten aufgenommen - mit Herbert von Karajan.

Elisabeth Furtwängler: »Wilhelm konnte es einfach nicht fassen. Er sagte nur, das ist eine Gemeinheit.«

Dirigent Furtwängler: »Wilhelm sagte nur ...

... das ist eine Gemeinheit": Furtwängler, Gattin Elisabeth*

* 1953 nach einer Erkrankung Furtwänglers in Wien.

Zur Ausgabe
Artikel 50 / 75
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.