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ROMANE Ripley macht Wind

Margaret Mitchells »Vom Winde verweht«, Amerikas größter Bestseller und legendärster Film-Hit, soll endlich eine auf 1000 Seiten geplante Fortsetzung erhalten, verfaßt von einer waschechten Südstaatlerin. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Meine Liebe, es ist mir verdammt egal«, gleichgültig, »was du tust und was aus dir wird«, sagte Rhett Butler »leichthin, aber weich«, als er nach Jahren ehelicher Raufereien seine Scharlett verließ, und »schweigend sah sie ihm nach, wie er die Treppe hinaufschritt, und meinte, sie müsse an dem Schmerz in ihrer Kehle ersticken«. Doch dann, einfach nicht unterzukriegen, faßte sie frischen Mut und dachte: »Morgen wird mir schon einfallen, wie ich ihn mir wieder erobere. Schließlich, morgen ist auch ein Tag.«

So endet, nach mehr als 1000 Seiten, Margaret Mitchells »Gone With the Wind«, zu deutsch »Vom Winde verweht«, das romantische Südstaaten-Epos von Bürgerkriegs- und Liebeswirren, Amerikas größter Bestseller aller Zeiten, unvergessen auch in seiner 1939 uraufgeführten Hollywood-Version von kolossalen vier Stunden Länge, mit Clark Gable und Vivien Leigh, dem bis heute berühmtesten Film der Welt, produziert von Daniel O. Selznick. Es ist ein

melodramatisch perfekter Schluß, ganz schön traurig und dennoch hoffnungsfroh.

Die scheue, zierliche Pulitzer-Preisträgerin hat sich stets, allem Flehen und Drängen zum Trotz, beharrlich geweigert, ihrer schicksalsträchtig wechselvollen Saga einen zweiten Teil hinzuzudichten. »Gone With the Wind«, allgemein geläufig unter der Chiffre »GWTW«, blieb ihr einziger Roman und gedieh zum Evergreen, global verbreitet in einer Gesamtauflage von inzwischen 25 Millionen Exemplaren. 1949, im Alter von 48 Jahren, fand Margaret Mitchell den Tod in ihrer Heimatstadt Atlanta, überrollt vom Taxi eines betrunkenen Fahrers.

Nun jedoch, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Erstveröffentlichung des Originals, soll es endlich weitergehen in der Geschichte vom Landgut Tara, von der kleinen, tapferen, unzähmbar widerspenstigen Scarlett O'Hara und ihrem Rhett, dem skrupellosen Desperado mit dem guten Kern, dem ewig ironischen Grinsen und dem zärtlichen Herzen, einem Traum von einem Mann für Generationen jenger Mädchen.

»Dies wird bald vorbei sein, sagte sich Scarlett, und dann kann ich heimkehren nach Tara.« Mit diesen Worten beginnt ein Manuskript von 39 Seiten, das unlängst im 33. Stockwerk des MGM-Gebäudes in New York für die Vertreter führender amerikanischer Verlagshäuser als Kostprobe bereitlag, zur Einsicht und Schätzung vorm großen Poker um die Rechte an einem opulent geplanten Werk.

Urheberin des zwei Kapitel umfassenden Textes ist eine 54jährige Alexandra Ripley aus Virginia, von Mitchells Erben und der Literaturagentur William Morris dazu erkoren, die GWTW-Fabel über weitere 1000 Seiten hinweg fortzuschreiben - ein Unternehmen, zu dem sich Mrs. Ripley, Frau eines Rhetorik-Professors und Mutter zweier Töchter aus erster Ehe, auch durchaus berufen fühlt. Zwar weiß sie wohl und gesteht es neidlos, »daß Margaret Mitchell besser schrieb als ich, aber sie ist tot«.

Zu Recht erwählt aus rund einem Dutzend von Bewerbern fühlt sie sich, als waschechtes Dixiekind und Autorin mehrerer historischer Romane über den konföderierten Süden, über »Das Vermächtnis von New Orleans« etwa, oder eines ziemlich erfolgreichen Buches mit dem Titel »Charleston«, in dem sie von den versunkenen Zeiten der Stadt erzählt, in der sie aufwuchs und aus der auch Rhett Butler stammt.

Sechs- oder siebenmal bereits hat sie den Wälzer ihrer Vorgängerin durchgelesen, auf der Suche nach Mitchells Geist, sogar 200 Seiten davon kopiert, »um das rechte Gespür ins Handgelenk zu kriegen«. Doch wie es weitergeht im Text, das bleibt streng verhüllt, ja das weiß wohl selbst die Verfasserin noch nicht so recht.

Verraten jedenfalls hat sie bisher nicht sehr viel mehr, als daß sie die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Mann und Weib ein klein wenig

freier zu behandeln gedenke als Peggie Mitchell damals in den rassistischen und puritanisch prüden dreißiger Jahren, was offenbar aber nicht bedeuten soll, daß Scarlett je ihre Brüste entblößen wird, denn Entkleidungsszenen und dergleichen findet Frau Ripley »einfach ermüdend«.

Der Rest ist Spekulation. Wird das kleine Luder Scarlett sich doch noch zur reifen Frau entpuppen? Hat Rhett möglicherweise einen Sohn mit der ehrbaren Bordell-Madame Belle? Wird das famoseste Paar der amerikanischen Literatur- und Filmgeschichte sich nach vielerlei Wechselfällen zum glücklichen Ende vereinen, ja oder nein?

So viele Fragen sind offen, auch für die Autorin selbst, die sich wohlweislich ausbedungen hat, von dem mit Mitchells Erben abgesprochenen Romankonzept nach Gutdünken abschweifen zu dürfen. »Verflixt, wenn ich die Zeit dazu hätte, ich könnte zehn verschiedene Versionen schreiben«, sagt Alexandra Ripley.

Aber die Zeit ist knapp. Nur 18 Monate bleiben ihr zur Bewältigung des riesigen Pensums, zehn lange Jahre hatte ehedem Margaret Mitchell an ihrem Buch vom gleichen Volumen laboriert. 1990 will der New Yorker Verlag Warner Books, der die nordamerikanischen Publikationsrechte für 4,94 Millionen Dollar meistbietend ersteigerte, das Werk auf den Markt bringen. Gleichzeitig soll »VWVW 2« auch schon in deutscher Sprache erscheinen, im Hamburger Hoffmann und Campe Verlag, dem die Übersetzungslizenz für rund 1,3 Millionen Mark zufiel.

Unterdessen, in ihrem schönen Farmhaus in Virginia, schreibt Mrs. Ripley sich die Finger wund. Zwei Seiten täglich muß sie schreiben, Wochenenden eingeschlossen, und das 500 Tage lang, dann ist es vollbracht. Sie hat sich eine geheime Telephonnummer geben lassen und ein Schließfach belegt. Sie öffnet, getreu dem Ratschlag ihrer Anwälte, keine Briefe mehr, um sich unerbetene Anregungen für ihren Romanplot zu ersparen, damit da später keine Gerichtsklagen kommen.

Eine kluge Frau ist Mrs. Ripley, mit reichlicher Erfahrung im Literaturgeschäft. Nicht um eitlen Ruhm gehe es ihr bei diesem ehrgeizigen Projekt, bekennt sie frank und frei, sondern schlicht um Profit, und darauf darf sie gewiß auch hoffen.

Denn wenngleich Margaret Mitchells Erben den Löwenanteil als Tantiemen aus den Hardcover- und Taschenbuchverkäufen, aus den Film- und Fernseh-Lizenzen einsacken werden - ein paar Millionen Yankee-Dollars bleiben für sie bestimmt übrig.

»Ist es wirklich so schlimm, wenn ich zugebe«, fragt sie, »daß ich's fürs gute Geld tue?«

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