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KONTROVERSE Riß in der Riege

aus DER SPIEGEL 34/1966

Der Fall ist lächerlich, aber er ist nicht komisch.

Hans Magnus Enzensberger über »Peter Weiss und andere«.

Im April, bei der »Gruppe 47«-Tagung

in Amerika, traten sie noch gemeinsam als »eine Art Anti-Vietnam-Riege« (FAZ) auf. Jetzt, im August, zeigt sich in der Riege ein Riß:

Die deutschen Schriftsteller und Suhrkamp-Verlagskollegen Peter Weiss, 49, Wohnsitz Stockholm, und Hans Magnus Enzensberger, 36, Wohnsitz Tjöme bei Oslo, tragen eine Kontroverse aus - über Vietnam, die »Dritte Welt« und des Schriftstellers Engagement.

Im neuesten - sechsten - Heft der von Enzensberger herausgegebenen Zeitschrift »Kursbuch« (Auflage: 15 000) polemisiert Lessing-Preisträger Weiss gegen einen Aufsatz aus »Kursbuch 2«, in dem Büchner-Preisträger Enzensberger gegen westlich-linksintellektuelle »Doktrinäre« polemisiert hatte, die im »neuen Klassenkampf« zwischen armen Ländern (einschließlich China) und reichen Ländern (einschließlich Sowjet-Union) zwar »eindeutig Partei ergreifen«, aber daraus »keine individuelle Konsequenz« ziehen. Enzensberger: »Sie bleiben zu Hause; in die armen Länder unternehmen sie nur Studienreisen. Ihre Aktivität bleibt verbal.« Es bleibe diesen gutsituierten Parteigängern der »Armen Welt«, meinte Enzensberger, allerdings auch nichts anderes übrig, denn: »Keine Tat und keine Vorstellungskraft genügt, um sich in die Lage eines schwarzen Grubenarbeiters, eines asiatischen Reisbauern

zu versetzen ... Wir sitzen an der Peripherie. Wir haben gut reden.«

Solche Skepsis gegenüber Wert und Wirkung mancher Manifestationen (Enzensberger: »Lösungen weiß ich nicht") mochte der entschlossene Manifestant Peter Weiss nicht auf sich sitzenlassen.

»Auch wenn wir«, schrieb er aus Stockholm nach Tjöme, »nicht als Sklavenarbeiter in einer afrikanischen Kupfergrube stecken oder mit Napalmbrandwunden auf einem nordvietnamesischen Reisfeld liegen, so haben wir doch die Fähigkeit, die Anlässe zu ergründen, die zu diesen Situationen führen.« Und beim Ergründen dieser Anlässe, so schloß Weiss kühn, »kommen wir denen, die daran zugrunde gehen, sehr nahe«.

Dem Skeptiker Enzensberger wirft der Bekenner Weiss im neuen »Kursbuch« daher »Ausweichen vor einer persönlichen Stellungnahme« vor; er ermahnt ihn, endlich »Farbe zu bekennen«, »Zweifel« aufzugeben und sich notfalls mannhaft zu »gefährden«, indem er - mit Weiss - ausspreche: »Wir sind solidarisch mit den Unterdrückten.«

Weiss: »Auf wessen Seite stellen wir uns? Diese Frage richte ich an Hans Magnus Enzensberger.«

Die Frage wurde beantwortet - deutlich (Enzensberger: »Die moralische Aufrüstung von links kann mir gestohlen bleiben ... Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor") und auch nicht ohne Spott.

»Unsere selbsternannten Vorbilder«, schreibt Enzensberger in seiner »Kursbuch«-Replik an »Peter Weiss und andere«, »sind solidarisch mit den Unterdrückten. Sie bekennen Farbe. Wir andern hingegen sitzen in unseren Fünf-Zimmer-Wohnungen. Wir schreiben ja nur ... Dagegen Peter Weiss und andere! Die gefährden sich. Die kämpfen ... Die stehen Schulter an Schulter mit dem schwarzen Grubenarbeiter in den Kupferminen von Transvaal, mit dem asiatischen Reisbauern in den Feldern von Süd-Vietnam ... Sie zeigen uns, mit ein paar Interviews, wie leicht Solidarität zu verwirklichen ist: mit ein paar Interviews.«

In diesem Punkt freilich soll Enzensberger nicht ganz recht behalten. Sein Kontrahent Weiss, der vorletzte Woche wieder einmal - in »Dagens Nyheter« und im »Neuen Deutschland« der SED - die »Arbeiter in den westlichen Ländern« zum Kampf gegen die amerikanische Vietnam-Politik aufrief, hat mehr als das und mehr als Interviews im Sinn: Er schreibt ein Theaterstück über Vietnam.

Weiss zum SPIEGEL: »Das Stück soll eine realistische Schilderung des Vietnam-Kriegs werden. Ich sammle seit einem Jahr Material, und ich hoffe sehr, in diesem Winter oder im kommenden Jahr nach Nord-Vietnam reisen zu können.«

Kontrahenten Enzensberger, Weiss: »Wir haben gut reden«

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