Unternehmensberater über Feminismus »Männer bewegen sich oft in einer Einbahnstraße aus Karriere und Statuserwerb«

Berater Robert Franken bezeichnet sich als Feminist – aber statt »All Power to the Women« will er auch die Männer stärken. Warum?
Überarbeiteter Mann: »Die meisten Männer müssen ihre Macht also erst einmal akzeptieren«

Überarbeiteter Mann: »Die meisten Männer müssen ihre Macht also erst einmal akzeptieren«

Foto: Westend61 / Getty Images

SPIEGEL: Herr Franken, »All Power to the Women« – mit dem Slogan gehen Frauen seit Jahren für ihre Rechte auf die Straße. Sie dagegen fordern eine Stärkung der Männer. Wie passt das mit Feminismus zusammen?

Robert Franken: Bei feministischen Diskussionen liegt der Fokus auf den Frauen. Das ist gut und richtig so. Wenn Feminismus seine Wirkung bekommen soll, dann müssen sich aber auch die Rahmenbedingungen ändern. Dazu bedarf es der Entscheidungsmacht. Und die liegt derzeit überwiegend bei Männern.

SPIEGEL: Aber noch mal: Haben Männer nicht schon genug Macht?

Franken: Männer verstehen oft nicht, was für eine Rolle sie in unserer Gesellschaft haben. Im Patriarchat sind Männer privilegiert. Dort, wo ich privilegiert bin als weißer Mann, da trage ich aber auch eine Verantwortung für Menschen, die an den Rand gedrängt werden. Die meisten Männer müssen ihre Macht also erst einmal akzeptieren. Ich selbst habe lange gebraucht, zu realisieren, dass ich als Mann privilegiert bin.

Zur Person
Foto: Martina Goyert

Robert Franken ist als Unternehmensberater für Diversität und Inklusion tätig, außerdem als Beirat für das Frauen-Karrierenetzwerk PANDA. Gemeinsam mit dem dänischen Musiker Henrik Marstal gründete er die Plattform »Male Feminists Europe«. 

SPIEGEL: Wann war das?

Franken: In meiner Berufslaufbahn habe ich irgendwann festgestellt, dass Führungsebenen männlich dominiert sind. Ein paar Jahre habe ich für eine Plattform für Schwangere und junge Eltern gearbeitet. Dort habe ich gesehen, welche Erwartungen Frauen an ihren Job haben – und dass die sich von denen der Männer deutlich unterscheiden.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Franken: Frauen wünschen sich oft Flexibilität, wollen sich ihre Arbeitsstunden frei einteilen. Warum? Weil sie in Familien immer noch den Großteil an Sorgearbeit leisten. Männer sind davon kaum betroffen. Da stimmt also an den Rahmenbedingungen etwas nicht.

SPIEGEL: Mehr Flexibilität ist doch für viele Arbeitnehmer durchaus attraktiv?

Franken: Als Arbeitgeber sollte ich natürlich meinen Mitarbeitern Freiheit und Spielraum geben. Wenn ich mich dabei aber zu sehr auf die Frauen konzentriere, zementiere ich die Schieflage nur. Unser Anspruch sollte es sein, dass auch Männer sich mit 50 Prozent an der Sorgearbeit beteiligen.

SPIEGEL: Projizieren wir auf Frauen und Männer damit nicht einfach nur neue Rollenvorstellungen und Erwartungen?

Franken: Arbeitgeber sollten sich nicht in die persönlichen Lebensbereiche ihrer Mitarbeiter einmischen. Das Ideal ist die Wahlfreiheit. Die Frage ist aber, auf welcher Basis diese Wahlfreiheit stattfindet. Kann ich mich wirklich frei entscheiden? Oder passe ich mich gerade nicht unbewusst an Rollenverständnisse an?

SPIEGEL: Wenn Männer im Patriarchat privilegiert sind, sehen das viele vermutlich anders. Wie reagieren die bei den Beratungen, die Sie als Berater auch anbieten?

Franken: In der Praxis erlebe ich oft das, was der Soziologe Ulrich Beck »verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre« genannt hat. Wenn Sie hundert Manager fragen, ob sie für mehr Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen sind, hören Sie wahrscheinlich hundertmal »ja«. Deshalb ändern sie aber noch nichts. Männer müssen erst einmal verstehen, dass ihre Rolle im Patriarchat nicht angeboren ist, sondern ein Teil unserer Sozialisation. Und sich dann fragen: Was macht dieses Rollenverständnis eigentlich mit mir – und mit anderen?

SPIEGEL: Was ist Ihre Antwort?

Franken: Da kommen wir zu dem, was viele Männer beklagen: Dass es ihnen im Patriarchat auch schlecht geht.

SPIEGEL: Inwiefern?

Franken: Wenn Männer erzählen, worunter sie im Alltag leiden, dann beschreiben sie oft typische Phänomene des Patriarchats. Durchschnittlich sterben Männer früher, haben eine höhere Suizidrate, sind gesundheitlich stärker belastet als Frauen. Das hat damit zu tun, wie wir sozialisiert sind. Männer bewegen sich oft in einer Einbahnstraße aus Karriere, Statuserwerb und Dauerverfügbarkeit. Der Weg aber ist oft nicht selbst gewählt, sondern hat mit Erwartungen unserer Gesellschaft zu tun – auch wenn Karriere und Status für viele Männer erst einmal attraktiv wirken.

SPIEGEL: Nicht nur für Männer.

Franken: Im Patriarchat gibt es Komplizen und Komplizinnen. Einige Frauen schaffen es ja auch, nach oben zu kommen. Sie müssen sich dabei stark an das System anpassen. Die Strukturen werden damit weiter geführt. Das wird auch an den Erwartungen an Frauen in Führungspositionen sichtbar: Am besten sollen sie andere Frauen nachziehen und ebenso »empowern«.

SPIEGEL: Ist die Forderung nach mehr Macht für Frauen dann eine falsche?

Franken: Frauen fragen sich: Zu welchen Rahmenbedingungen sage ich »ja« zu einer Führungsposition? Bringt mir das etwas – oder sattle ich damit die Aufgabe als Führungskraft einfach nur zusätzlich obendrauf? Ich finde, wir sollten Frauen nicht einfach coachen, sich nach oben zu entwickeln. Sondern Rahmenbedingungen schaffen, damit alle gleiche Entscheidungsmöglichkeiten haben.

SPIEGEL: Wie hat sich Ihr eigenes Leben als Feminist verändert?

Franken: Mein Alltag hat sich durchaus verkompliziert. Heute bin ich mit vielen Aktivistinnen und Aktivisten vernetzt. Von ihnen höre ich Lebensperspektiven, die ich als Mann so nicht kannte. In Familie, Partnerschaft und Beruf sind dadurch oft mehr Diskussionen notwendig. Für mich ist das bereichernd. Auch wenn ich ebenfalls nicht immer alles verstehe – ich kann die anderen Standpunkte zumindest anerkennen. Und daraus lernen.

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