Zur Ausgabe
Artikel 61 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BÜCHER Robinson der Lüfte

Italo Calvino: »Der Baron auf den Bäumen«. Aus dem Italienischen von Oswalt von Nostitz. Carl Hanser Verlag, München; 288 Seiten; 29,80 Mark. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Vermutlich ist es dem großen Erfolg von Italo Calvinos Verwirrbuch »Wenn ein Reisender in einer Winternacht« zu verdanken, wenn der Hanser Verlag jetzt ein viele Jahre vergriffenes Werk des vielleicht scharfsinnigsten und trickreichsten Fabulierers der italienischen Literatur neu zugänglich macht: das witzige Märchen vom Baron auf den Bäumen, das zum erstenmal 1960 auf deutsch erschienen war.

Am 15. Juni 1767 beschließt der 12jährige Cosimo Piovasco di Rondo, der designierte Erbe eines verlotterten Adelsstandes, auf alle aristokratischen Würden für immer zu pfeifen: Cosimo möchte sein Leben fortan auf Bäumen verbringen. Während sich in Stadt und Land die bürgerliche Revolution ankündigt und ihre Trommler das Reich der Freiheit prophezeien, hat Cosimo seine Liberte im labyrinthischen Geäst der Wälder gefunden, das er mit affenartiger Gewandtheit erkundet.

Nach einer kleinen Weile aber dämmert ihm, daß der Naturzustand ein zuweilen höchst unbequemes Paradies sein kann, vor allem dann, wenn es in Strömen regnet. Also macht sich der Aussteiger daran, seinen Garten Eden wohnlich herzurichten. Ein Robinson der Lüfte geht da munter zu Werke: der Baumhäuser und Hängebrücken baut, Vorsorge gegen Waldbrände trifft und unerwünschten Eindringlingen Spaß und Neugier verdirbt.

Ganz gegen Cosimos Absicht hält aber auf diese Weise die verhaßte Zivilisation in seinem Wolkenkuckucksheim Einzug: Noch betäubt vom Zauber vergessen geglaubter Schriften, durchstreift er nun das Universum der Literatur und macht den Aufklärern und Revolutionären Konkurrenz mit dem närrischen Plan, eine Republik auf den Bäumen zu gründen.

In seiner nicht enden wollenden Phantasie erlebt sich Cosimo auch als Held haarsträubender Räuberpistolen und rührseliger Liebesgeschichten. Doch schmerzlich muß er erfahren, daß seine Träume und hochfliegenden Projekte für die Zeitgenossen, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen, nicht viel mehr als Luft sind. Auf die Erde aber setzt er keinen Fuß mehr, und noch in der Stunde des Todes gelingt es ihm, sich von einer Montgolfiere aufs offene Meer hinaustragen zu lassen.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 61 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel