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Rohmers Käthchen glaubt an Wunder

aus DER SPIEGEL 43/1992

Eine Verrückte ohnegleichen ist in Eric Rohmers Film »Wintermärchen« zu besichtigen, der jetzt in deutschen Kinos angelaufen ist, eine Verrückte in ihrem unbeirrbaren Glauben an das Unglaubliche wie die Jungfrau von Orleans oder das Käthchen von Heilbronn: Die kleine Friseuse Felicie (gespielt von Charlotte Very) will sich, nach sorgsamer Prüfung, für keinen der beiden durchaus genießbaren Männer entscheiden, die ihr eine Zukunft offerieren. Denn sie wartet unerschütterlich auf den Traummann, mit dem sie vor fünf Jahren eine große Urlaubsliebe erlebt hat - dabei kann der sie gar nicht wiederfinden, weil sie ihm damals eine falsche Adresse gegeben hat. Eric Rohmer, der demnächst 72 wird und sich noch immer nur für die Chemie und Alchimie der Gefühle junger Menschen interessiert, hat längst sein Fanpublikum. Er ist ein Verzauberer mit minimalistischer Finesse, und das »Wintermärchen«, nach der »Frühlingserzählung« von 1990 das zweite Stück in seinem Jahreszeiten-Filmzyklus, läßt die wundergläubige Felicie ihren Traummann wiederfinden: für Rohmer kein Mirakel, sondern pure Ironie des Schicksals.

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