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Rolf Becker, 94

aus DER SPIEGEL 23/2022
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imago stock / United Archives / IMAGO

Er war mehr als drei Jahrzehnte lang beim SPIEGEL. Stilsicher rezensierte der Literaturredakteur Werke von Günter Grass und Uwe Johnson, von Joyce Carol Oates und Doris Lessing. Rolf Becker, in Essen geboren, schrieb über »Intellektuelle als Fußballfans« und über »neue Bücher zum Thema Jugend unter Hitler«. Mit Einfühlung – stets höflich und zugewandt, voller Contenance – machte er den SPIEGEL zu einer großen Bühne der deutschsprachigen Literaturkritik, indem er Schriftstellerinnen und Schriftsteller über bedeutende Neuerscheinungen schreiben ließ (Gabriele Wohmann etwa über Ingeborg Bachmanns »Malina«, Heinrich Böll über Alexander Solschenizyns »Im Interesse der Sache«). Vielleicht war Becker auch deshalb ein bedeutender Mittler zwischen Literatur und Journalismus, weil er das literarische Leben von beiden Seiten kannte. Sein Roman »Nokturno 1951« etwa wurde 1954 bei Suhrkamp veröffentlicht. 1994, drei Jahre nach seinem Abschied in den Ruhestand, erschien seine autobiografische Erzählung »Tamara«. Ein Foto von seiner Cousine in Moskau, das er als Junge zu sehen bekam, hatte ihn seither nicht mehr losgelassen. Mit der Erzählung »Tamara« erinnert Becker an den Vater, einen Maler, der 1937 aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen wurde, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. An die Mutter, die mit ärztlicher Hilfe vor dem KZ bewahrt wurde. An Besuche bei Verwandten mütterlicherseits im Baltikum – und an Tamara: »Ich bin ihr nie begegnet, weiß wenig von ihr, fast nichts. Ich stelle mir vor, dass sie noch lebt.« Rolf Becker starb am 9. Mai in Hamburg.

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