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Romanfinsternis, Kassettendämmerung

Angela Praesent über die amerikanische Buchmesse 1985 in San Francisco Angela Praesent übersetzte unter anderen John Updike, Henry Miller, E. L. Doctorow und Edward Bond und arbeitet als Lektorin und Herausgeberin der Taschenbuchreihe »neue Frau« beim Rowohlt-Verlag. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Wie massiere ich meine Katze? Wie mache ich dem Friseur klar, welchen Haarschnitt ich möchte? Wie bastle ich Seidenblumen? Wie finde ich garantiert in 30 Tagen einen Mann zum Heiraten? Wie vermeide ich die 13 tödlichen Management-Fehler? Wie koche ich mit Knoblauch? Wie mit Hühnerbrüsten? Wie gehe ich im Weltraum auf die Toilette? Wie bete ich als vielbeschäftigter Christ? Wie werde ich als frommer Geschäftsmann erfolgreich? Wie werde ich fit und schlank durch Gehen (statt mich durch Joggen umzubringen)? Wie betrüge ich im Spielkasino?

Großflächig tun es die 780 Aussteller kund: Zu jeder dieser drängenden Fragen kann der amerikanische Leser ab sofort ein ganzes Buch erwerben - bei den besonders bewegenden, und das sind in diesem Jahr alle, die mit Knoblauch, Beten, Katzen und Investment zusammenhängen, hat er gar die Wahl zwischen ein paar Dutzend Neuerscheinungen.

Bereits am ersten Tag auf der amerikanischen Buchmesse in San Francisco werde ich en passant belehrt, daß die englische Sprache von der hebräischen abstammt und daß ich mich in den Farben meines Sternzeichens schminken müßte - ohne ein Buch ist das eine nicht zu begreifen und das andere nicht zu schaffen. Ich begegne Mark Twain persönlich, der zur Feier seines 150. Geburtstags andächtig schlangestehenden Fachbesuchern seinen »Huckleberry Finn« signiert.

Mehr Werbe-Buttons klimpern mir in der Tasche, als eine russische Generalsbrust Orden faßt, nur das walnabelgroße Prachtstück eines auf nackte Männer spezialisierten Photo-Verlags muß ich aus Gewissensgründen ablehnen: »I like biceps and buns«? Bei meiner Ketzerseele, nein. »Sie ziehen also den intellektuellen Typ vor«, befindet der buttonverteilende Verleger; als gäbe es hier etwas zu bevorzugen. Er könnte einer tüchtigeren Seitenlinie des Kennedy-Clans entsprossen sein. Von der anderen Gangseite aus schütteln zwei Graugesichter, durch Brustschilder als Angehörige

eines Frömmigkeitsverbreitungsverlags ausgewiesen, demonstrativ und ausdauernd die Köpfe über die mutationsverdächtig schwanzlosen, dafür muskeltittigen Mannsbilder.

Sie werden sich nicht mehr lange schütteln müssen: sex is out, success is in - ganz gemäß dem Naturgesetz von Angebot und Nachfrage. Da trifft die allgegenwärtige Anzeige der führenden Wirtschaftszeitung den Zeitgeist genau: »The Wall Street Journal - das Tagebuch des amerikanischen Traums.«

Buchhändler, ansonsten offenbar bei Sinnen, lassen sich von den Werbeleuten eines Comics-Verlags widerspruchslos schwarze Plastikhelme mit wohl keltisch gemeinten Hörnern darauf überstülpen. Obszön ausladende Plüschtiere, dieser oder jener nun endlich zum Buch geronnenen Fernsehserie entfleucht, schließen die allesamt professionellen Messebesucher in ihre Stummelarme. Da ist etwa ein fiepsendes Ungeheuer namens »Fird«, das die liebenswerten Züge von Fisch und Vogel in sich vereinen soll, aber eher wie ein gigantischer Küken-Karotten-Bastard wirkt. Was für eine Rolle für den arbeitslosen Schauspieler, der in dieser Plüschhaut steckt!

Dagegen wirkt der straß- und kettenstarrende schwarze Mr. T. richtig anheimelnd; auch er ein Fernsehstar, der in Sonntagmorgensendungen - und ab sofort in Bilderbüchern - Kindern moralische Werte beibringt: Geh brav zur Schule, nimm keine Drogen. Massenandrang auch zu seiner Signierstunde.

Die einzige, die sich in diesem Folklore-Eintopf fehl am Platze fühlt, paßt eigentlich am besten hierher: Miss California, im grauen Pensionatsfaltenrock zum Hotelsilber-Krönchen, schleicht sich, sichtbar existentiell verlegen, aufs Klo.

Nach acht Stunden in diesem Sud aus allem, was vorurteilsfreudige Europäer für das wahre Amerika halten, zweifle ich sogar an der Echtheit der zerlumpten Gestalten, die San Franciscos städtische Müllkörbe so eifrig nach Eßbarem durchstöbern. Womöglich hat sie ein Verlagswerber auf die Straße geschickt, und sie werden gleich anfangen, Prospekte zu verteilen? Und all die Mädchen in weißer Spitze, die durch die Hotelhallen schweben - gehen sie wirklich zu ihren High-school-Abschlußbällen oder sollen sie den 17 000 hier versammelten Buchhändlern so tief ins Bewußtsein flattern, daß die Neuerscheinung »Wilde Schwäne« unweigerlich zum Bestseller wird? Als Werbung für die Kitschroman-Serie »Zweites Glück« hat ein Verlag auf dieser Messe eine echte Hochzeit inszeniert. Realität und Fiktion müssen glatt verrührt angerichtet werden.

Diese amerikanische Buchmesse ist eine satte Weide für Volkskundler, die das Entstehen neuer Mythen beobachten möchten; Literaturkritiker könnten getrost für mindestens eine Saison Urlaub nehmen. Unter den neuen Büchern, die hier Interesse erregten, ist kaum ein erzählendes; selbst die populären Schmöker - die Romanzen und Cowboy-Epen, die Familiensagas - vegetieren am äußersten Rand des Sichtbaren, Verkäuflichen dahin.

Die »elektronische Generation«, sagen die Buchhändler, verschmäht literarische Werke als zeitraubend und nicht karrierefördernd. Sie akzeptiert allenfalls als Romane verkleidete Recherchenbücher (wie Arthur Haileys jüngsten Bestseller über die Pharma-Industrie »Strong Medicine") oder politische Pamphlete (wie die im Jahr 2030 angesiedelte Horrorgeschichte »Megatraumas« aus der Feder von Gouverneur Richard Lamm, Colorado). Von den 46 Anzeigenseiten im offiziellen Messekatalog gelten ganze zwei belletristischen Neuerscheinungen.

»Unterwegs zu einer lesenden Gesellschaft« ("Towards a reading society") lautet das Motto dieser Buchmesse, und die Buchhändler und Verlagsleute tragen es auf ihren Namensschildern fünf Tage lang in Herznähe spazieren. Aus dem Optimismusjargon in Klartext übersetzt, bedeutet das: Die amerikanischen Buchhändler machen sich die größten Sorgen um ihre Kundschaft, denn bereits 60 Millionen Amerikaner, ein Drittel der Erwachsenen, können nach jüngsten Berechnungen überhaupt nicht, kaum oder

nur mit größter Mühe lesen; und jedes Jahr nehmen die totalen und funktionellen Analphabeten, die keine Stellenanzeige, keine Gebrauchsanweisung lesen können, geschweige denn eine Zeitung oder ein Buch, um Millionen zu.

Die Zeile »a nation of readers« (eine Nation von Lesern), jüngst mit dem Bild des lesenden Abraham Lincoln auf einer Briefmarke zu sehen, konnten 30 Millionen Amerikaner nicht entziffern. Der Tag, an dem der letzte Kunde eine amerikanische Buchhandlung betritt, läßt sich also leicht voraussagen - wenn nichts geschieht.

Doch daß etwas geschehen wird, haben die Buchhändler einander in San Francisco gelobt; sich zum Lesekursus-Trainer schulen zu lassen, über Plakate im eigenen Laden weitere Freiwillige zu rekrutieren, Spenden zu sammeln - das sind saubere soziale Aufgaben so ganz nach dem Geschmack guter US-Bürger.

2000 von ihnen bereiteten dem Bildungsforscher Jonathan Kozol, der auf einem der traditionellen Messefrühstücke zu Rühreiern und Kaffee die schockierenden Befunde aus einem gerade erschienenen Buch »Illiterate America« (Analphabetisches Amerika) servierte, eine stehende Ovation. Eine Ehre, die keinem anderen Autor beschieden war, auch nicht Geraldine Ferraro, die ihre (noch titellose) Autobiographie vorankündigen durfte. Gemeinsam empörten sich Kozol und Ferraro vor den - in der Mehrheit hörbar demokratisch gesinnten - Buchhändlern über eine bevorstehende Kürzung des nationalen Budgets für Bildungszwecke um 2,3 Milliarden Dollar.

Wer die inbrünstige Bereitschaft der Bücherleute miterlebte, dem nationalen Buchstabiernotstand durch persönliches Engagement abzuhelfen, der mochte sich fragen, ob die Reagan-Administration mit ihren zynisch wirkenden Verweigerungen sozialer Fürsorge nicht Selbsthilfekräfte freisetzt, die an Wirksamkeit alle denkbaren staatlichen Maßnahmen übertreffen könnten. Die größte amerikanische Buchhandelskette B. Dalton fördert die Kampagne gegen den Analphabetismus mit ihrem kompletten Spendenbudget - werbewirksam und im Interesse des eigenen Profits, denn schon 1978 ergaben ihre Marktforschungen einen bedrohlichen Schwund der potentiellen Kunden für bedrucktes Papier.

In aller Stille hat sich die Branche jedoch noch anders abgesichert. Wo schließlich steht geschrieben, Buchhandelskunden müßten lesen können oder wollen? Auf den prächtigsten Ständen der Buchmesse wurden nicht Bücher, sondern Audio-Kassetten präsentiert - in Packungen vom Standardformat und profitablerem Selbstverkauf, aber auch mit allerlei respektabler Literatur. Unterwegs zur lesenden Gesellschaft? Die Hörgesellschaft unterwegs, mit Walkman und Kassettendeck.

Angela Praesent
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