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MEMOIREN Rosa ist Blau

Diana Vreeland, einst »Vogue«-Chefredakteurin, jetzt Kostüm-Beraterin beim New Yorker Metropolitan Museum, erzählt ihr Leben. *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Das rückwärtige Umschlagphoto zeigt die Autorin, schimmernd im roten Glitzergewand mit Puffärmeln. Ihre Hände umklammern dekorativ die eigene Taille, in die sich ihre unendlich langen, purpurroten Fingernägel graben. Der Mund glänzt klatschmohnrot, ebenso wie die Möbel und die lackierten Chintzkissen, die Vorhänge und Quasten des Boudoirs, in dem sie posiert: Diana Vreeland, 82, als Hauptakteurin ihrer soeben in New York erschienenen Autobiographie. _(Diana Vreeland: »D. V.«. Alfred A. ) _(Knopf, New York; 196 Seiten; 15,95 ) _(Dollar. )

»Mein Leben lang«, verrät die Memoiren-Schreiberin, »war ich hinter dem perfekten Rot her.« Der klare Mohn-Ton ist mehr als nur Farbe - er steht im Falle vom Mrs. Vreeland für rebellische Eleganz, für Wagemut, für Stil bis zum Umfallen.

Vor allem steht er für jene lackierte Raffinesse, wie sie Mrs. Vreeland 45 Jahre lang als Moderedakteurin von »Harper''s Bazaar« und »Vogue« kultiviert hat - und heute noch pflegt als Kostümberaterin des New Yorker Metropolitan Museum: Diana Vreelands Vorliebe für Pomp und Staffage, für outrierten Luxus und längst vergangene, prunkvolle Zeitalter schlägt sich in ihren jährlich für das Museum arrangierten Kostüm-Shows nieder, die sie mit klingenden Titeln wir »The Glory of Russian Costume« oder »Romantic and Glamorous Hollywood Design« belegt.

In Diana Vreeland lediglich ein Relikt aus der Vergangenheit zu sehen wäre jedoch verfehlt. Denn noch heute regiert die alte Dame - auch »Empress of Fashion« genannt - den New Yorker Stil- und Geschmacks-Set. Rauscht die Mode-Kaiserin in einen Raum, bemalt und gefirnißt wie ein erstklassig restauriertes Kunstwerk, werden spitze Schreie hörbar: »Dee-Ann - darling! How divine!«

Aus dieser hochgestylten Welt, einst bevölkert von heimatlosen Ex-Königen ("Alfonso, dieser hinreißende, herrliche, wunderbare Bourbon"), von rastlosen Millionenerbinnen ("Barbara Hutton hatte die schönsten Hände der Welt") und nicht zuletzt von ihrer eigenen exzentrischen Familie ("Meine Mutter reiste mit einem fabelhaft aussehenden Türken"), plaudert Mrs. Vreeland ungeniert und etwas atemlos: Das Buch wurde auf Band gesprochen.

Nach den Auslagen der New Yorker Buchläden zu urteilen, schickt sich »D. V.« an, einer der Favoriten im Rennen

um den Titel »Buch des Sommers« zu werden: Diana Vreeland ist eine Kreatur nach dem Herzen der Amerikaner - eine, die sich selbst erfunden hat. Als Kind in der Aschenputtel-Rolle, die Mutter nannte sie »häßlich und eifersüchtig«, schaffte D. V. den Aufstieg in den Champagner- und Kaviar-Set allein mit Intelligenz und einem persönlichen Flair, das sich hauptsächlich in Kleidern ausdrückt: Mode und alles, was dazugehört, ist ihr gleichsam zum engen Fenster geworden, durch das sie die Welt betrachtet und beurteilt.

So erscheint ihr der Zweite Weltkrieg als lästiges Ereignis, das die so herrlich anstrengenden Anproben bei Coco Chanel unterbricht. »Nach dem Krieg«, klagt D. V., »gab es keine Anproben mehr.« Die SS-Killer, die 1934, in der »Nacht der langen Messer«, ins Münchner Hotel »Vier Jahreszeiten« eindrangen, erscheinen ihr als Störenfriede in knarrenden Stiefeln, die sie von ihrem heißen Wannenbad abhalten wollen.

Es bedarf - 1968 - eines wahrhaft erschütternden Ereignisses, um der damals 66jährigen Diana und dem Mode-Set einen Schock zu versetzen: »Ich wohnte gerade bei Mona Bismarck in Capri, als die Nachricht kam. Ich war unten, schon fertig angezogen zum Dinner, Consuelo Crespi rief aus Rom an und sagte, daß Balenciaga heute nachmittag seinen Salon für immer geschlossen habe. Mona kam danach drei Tage lang nicht aus ihrem Zimmer - es war, als sei ein Teil ihres Lebens zu Ende.«

Wie jammerschade, meint Diana, daß die großen Zeiten des Luxus und der Verschwendung der Vergangenheit angehören. Zebras, und zwar gleich Hunderte der gestreiften Tiere, flankierten einst die Auffahrt zum Schloß des Zeitungskönigs William Randolph Hearst, Dutzende von Pfauen tummelten sich im Mondlicht in der tunesischen Oase des Barons Rodolphe d''Erlanger. Gott sei Dank weiße, denn die blauen findet Mrs. Vreeland »gewöhnlich«. Überall, wo die Vreelands mit ihrem »herrlichen Bugatti« anrollen, ist die Luft parfümiert, ertönt das silberne Lachen platinblonder Damen und das Klirren von Champagnergläsern: »Unser Leben war ein Traum von Schönheit.«

Welche Mühe es gekostet haben muß, immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufzutauchen, läßt sich nur erahnen. D. V. trifft Jean Cocteau beim Opiumrauchen und die Herzogin von Windsor in redseliger Stimmung ("Diana, ich hab'' ihm gesagt, er soll nicht abdanken"). D. V. steht gerade im Garten, als Charles Lindbergh auf dem Weg von Long Island nach Paris über ihren Kopf schwirrt. Und die legendäre Nacht, in der Ali Khan auf Rita Hayworth traf und Tyrone Power Linda Christian kennenlernte ("Wir sahen das Treffen") - D. V. war immer dabei.

Das formt den Geschmack, schärft das ästhetische Gefühl - Eigenschaften, die Mrs. Vreeland später bei ihrer Tätigkeit als Moderedakteurin zugute kommen sollten.

So konnte sie in ihrer »Why Don''t You?« betitelten Kolumne den Leserinnen von »Harper''s Bazaar« goldene Ratschläge erteilen: »Warum«, so hieß es da, »verwandeln Sie nicht Ihren abgelegten Hermelin in einen Bademantel? Warum waschen Sie nicht die Haare Ihres blonden Kindes in abgestandenem Champagner?«

Wen kümmerte es schon, daß diese Mode-Imperatrice sich immer mehr in ein schöngeistiges Wolkenkuckucksheim verstieg, in das ihr nur wenige folgen konnten. Rätselhafte Sprüche ("Rosa ist das Marineblau von Indien") festigten noch den Ruf, den D. V. als feinsinnige, doch exzentrische Ästhetin genoß und der ihr schließlich, 1962, die Machtstellung als Chefredakteurin bei »Vogue« einbrachte.

»In den 60er Jahren«, so beschreibt es die »New York Times«-Kolumnistin Charlotte Curtis, »herrschte Diana Vreeland über ''Vogue'' Magazine und die amerikanische Modewelt ganz so, wie Ludwig XVI. über Frankreich geherrscht hatte. Was sie mit ihrer dröhnenden Stimme befahl, das wurde getan. Die ''Ladies'' - ob alternd oder nicht - uniformierten sich in kurztaillierten Kleinmädchen-Minis, mit Wolken von Haar. Ein Wunder, daß das Diktat nicht auch noch Lollipops mit einschloß.«

Für Diana Vreeland sind das Tempi passati. Schon bereitet sie ihre nächste Kostümausstellung im Metropolitan Museum vor (Titel: »Mensch und Pferd") und macht sich lustig über mißtrauische Journalisten, die ihre in »D. V.« angehäuften Abenteuer nicht ganz für bare Münze nehmen wollen.

»Alles ist wahr«, schnaubte sie einen Reporter von der »New York Times« an. »Wie könnte es erfunden sein? So viel Einbildungskraft habe ich gar nicht - außer in meiner Phantasie.« _(Buch-Umschlag mit Vreeland-Porträt von ) _(William Acton. )

Diana Vreeland: »D. V.«. Alfred A. Knopf, New York; 196 Seiten;15,95 Dollar.Buch-Umschlag mit Vreeland-Porträt von William Acton.

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