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FILM Rosa und die Nachtigall

»Horror Vacui«. Spielfilm von Rosa von Praunheim. Deutschland 1984; Farbe; 85 Minuten. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Eine Gesellschafts-Maxime lautet, daß man das Private vom Öffentlichen gefälligst zu trennen habe. Also sagt ein Dirigent höchst selten, daß er den dritten Satz geschmissen habe, weil er an den Streit mit seiner Frau gedacht hat. Und auch unter dieser Kritik steht nicht, daß der Verfasser während des Verfassens etwa an Kopfweh, Sodbrennen, Liebesentzug, Rheuma (Nichtzutreffendes bitte streichen!) gelitten habe.

Anders Rosa von Praunheim. Zu seinem neuen Film »Horror Vacui« bemerkt er: »Während der Dreharbeiten verliebte ich mich in meinen Hauptdarsteller Folkert Milster, der mich aber sanft zurückwies. Dann verlagerte ich meine körperliche Lust auf den schönen Lichtmann Lars, der ebenfalls negativ reagierte. Der Kamera-Assi Pille hatte mir schon bei einigen früheren Dreharbeiten zu verstehen gegeben, daß er mich nicht scharf findet ...« Na, und so weiter im traurigen Text.

Auch in »Horror Vacui« werden die Menschen verlassen, zurückgestoßen, betrogen. Dennoch ist der Film keine schwule Werther-Geschichte, Berlin ''84, obwohl er mit einem (sogar kollektiven) Selbstmord endet.

Rosa von Praunheim zeigt vielmehr, wo man, angemistet, gefrustet und verlassen, zu landen droht: bei irgendeiner religiösen Sekte. Und wie man dort um sein Geld und seinen Geist gebracht wird, ob der Guru nun Mun oder Bhagwan oder Jones heißt. Aufklärung mittels Klamotte.

Zwei Studenten, der eine angehender Mediziner (Folkert Milster), Maler der andere (Thomas Vogt), werden dadurch als Paar auseinandergerissen, daß der eine in eine Sekte geht.

Irgendwie, denkt man anfangs, muß Rosa mit einem Freund was Ähnliches passiert sein, so treffend schildert sein Film die Ohnmacht des zurückgebliebenen Mediziners, den Freund vom Religionstrip zurückzuholen. Denn in Wahrheit ist der Autoritätssüchtige in die Klauen einer geschäftstüchtigen kriminellen Vereinigung gefallen.

Praunheims Film erzählt eine Schauergeschichte, wie sie nur das billigste Melodram und das echteste Leben so erzählen können: Da gibt es einen korrupten Politiker (hinreißend chargiert von dem »Tornado«-Kabarettisten Günter Thews), eine mutige Journalistin (Ingrid van Bergen), Sektenmitglieder, die sich aus Angst vor Bespitzelung und Verrat gegenseitig bespitzeln und verraten. Und es gibt die Presseenthüllung und den Massenselbstmord a la Jonestown.

Dem aber entzieht sich der junge Maler, indem er sich nur, als die Polizei anrückt, eine Theaterschlinge zum Aufhängen geknüpft hat. Und so ist der Film, obwohl der ganze Sekten-Krampf mit weihevollem Herumfummeln und ganz unweihevollem Ausgenommenwerden (finanziell wie psychisch) von Rosas Satire sehr genau und verschärft getroffen wird, eine Komödie geworden.

Praunheim kontrastiert seine naiven Helden mit Geisterbahn-Kulissen (die Weiterentwicklungen und Parodien expressionistischer Filmkulissen sind), und der Film profitiert vor allem davon, daß Praunheim seiner Lieblingsheldin Lotti Huber (sie spielt die dämonische Sektenchefin) einen neuen Partner entdeckt

hat: die »Nachtigall von Ramersdorf«, den bisher durch Münchner Wirtschaften tingelnden Friedrich Steinhauer.

Steinhauer singt nicht nur mit einer zum Steinerweichen fistligen und baßbrummigen Stimme, er spielt auch, wie es seit dem leider verstorbenen »Dietmar« aus der unvergeßlichen »Bettwurst« niemand wieder so schrecklich unvollkommen vollkommen getan hat.

Da die Nachtigall (und nicht die Lerche), ein Mann in den schon schlechteren Jahren, offensichtlich eine Sperre gegen auswendig zu lernenden Text hat, wimmelt es nur so von Versprechern, verhaspeltem Sinn und Penner-Folklore. Wenn Steinhauer den Mund aufmacht, ist der Film umwerfend.

So erzeugt vor allem er (sie? es?) jene Schräglage, in der die Wahrheit von Praunheims Filmen sichtbar wird. Sie ist unerbittlich kitschig und daher unbarmherzig aus dem Leben gegriffen. Und zwar da, wo privater Liebeskummer von öffentlicher Kunst nicht zu trennen ist.

Hellmuth Karasek _(Mit Lotti Huber und Friedrich ) _(Steinhauer. )

Mit Lotti Huber und Friedrich Steinhauer.

Hellmuth Karasek
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