Zur Ausgabe
Artikel 82 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Musik Rose im Hintern

Rollende Köpfe, offene Hosenställe in Wien: Neutönerin Adriana Hölszkys musiktheatralischer Schocker »Die Wände«.
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 21/1995

Oper geht gern über Leichen. Schon immer haben ihre Macher genüßlich Blut geleckt, Krieg gespielt und zu Mord und Totschlag in höchsten Tönen die Liebe besungen, selbst Inzest und Sodomie.

Aber das, was sich letzten Samstag bei den Wiener Festwochen, also auf musikalischem Mutterboden, abgespielt hat, ist denn doch neu im Metier und unerhört für die Gattung der Goldkehlen.

Da furzen, Hosen runter, vier Soldaten ihrem toten Leutnant »frische Luft« ins Gesicht. Da hangeln Gefangene wie Affen hinter Gittern und fummeln, masturbierend, ihrem Gegenüber im Schritt. Eine Nackte besteigt die hintere Hälfte eines Pferdes, prompt erigiert der halbierte Hengst. Ein knapp geschürzter Knabe läßt offen sein Gemächte baumeln. Der Todesengel hat eine rote Rose im blanken Hintern.

Da schnarrt ein Offizier: »Der Krieg ist ein gewaltiger Fick.« Da jammert ein Opfer, nach dem »Endsieg« folge »ein Leben in Kotze, Dreck und Scheiße«. »Spring auf mich drauf!« girrt entzückt eine Braut und preßt die leere Hose des Geliebten an ihre Brust, »wir könnten es treiben, ich im prallen Sattel deines Arsches.«

Nein, die feine Art ist das nicht, was sich das Musiktheater mit der Premiere des Dreiakters »Die Wände« ausgerechnet im Theater an der Wien herausgenommen hat. Diese Haus ist immerhin die Heimatbühne Schikaneders, gleich nebenan wurde Mozarts »Zauberflöte« zum zeitlosen Schlager. Hier nun, so scheint es, landet die Oper in der Gosse, und die ganze Gattung gerät dabei aus der Fasson.

Das (bis auf einen Kontrabaß) streicherlose Kammerorchester stößt abendfüllend rüde, röhrende, quietschende und schnarrende Laute aus; ein Klangkörper ohne Weichteile. Vier Schlagzeuger behämmern ihre exotische Gerätschaft zusätzlich im Zuschauerraum, auch das kein Honigschlecken.

Sechzehn Solisten, daneben ein »Legionär mit dem langen Schwanz« und ein »kleiner Onanist« fluchen, keifen, stammeln wild durcheinander. 36 befrackte Choristen - erst mit Zylinder, später mit Turban - zerhacken Sätze, pulverisieren Worte, atomisieren Silben. Sprache wird phonetische Kleinstkunst, nach der Minimal Music kommt jetzt die Mikromusik.

Bis zu 24 (elektronisch multiplizierte) Trompeten stottern und kichern vom Acht-Spur-Band. Pausenlos rotieren Satzfetzen und Tonpartikel aus den kreisförmig an den Logen installierten Lautsprecherboxen; selbst der Trubel aus dem Freudenhaus kommt von der Festplatte, der Puff hat einen direkten Draht zum PC.

Denn um in den Klangräuschen und Bilderfluten den Rhythmus halten zu können, empfängt der Premieren-Dirigent Ulf Schirmer die Takteinheiten nicht nur über Kopfhörer, sondern liest das Metrum auch noch vom Monitor ab.

Eineinhalb Stunden sitzt das Publikum pausen-, hilf- und gnadenlos zwischen Geräuschkaskaden, Klangwirbeln, Bilderrätseln in einer High-Tech-Zentrifuge und versteht nicht: keine Story, kein Plot. Ist es also soweit: Oper zum Durchdrehen?

Gemach. »Die Wände« sind, vielleicht, ein öffentliches Ärgernis und sicher eine Tortur. Doch hier hat auch eine wunderbar anstrengende Etüde der Lautmalerei Premiere; hier wird ein durchaus kurzweiliges Geduldsspiel tönender Nuancen, klingender Halbwerte und musikalischer Mikroorganismen aus der Taufe gehoben. Hier öffne sich, erklärt Adriana Hölszky, 41, ihre linguistischen Kapriolen, »ein schwarzes Loch im Universum«, und in dessen Sog verschwindet nun die ganze abendländische Operntradition.

Die Hölszky ist Deutschlands radikalste, streitbarste und unauffälligste Neutönerin - eine Frau von liebenswerter, kindlicher Schlichtheit, deren Kunstverstand dennoch keine Scheu hat vor dem kruden Gemengsel, das sie sich aufhalst und zumutet: Puffszenen, offene Hosenställe, rollende Köpfe.

Zur stämmig-rustikalen Figur trägt die gebürtige Bukaresterin Konfektion von der Stange, mit den zierlichen Füßen einer Ballerina schreitet sie daher wie eine schwere Bäuerin. Als vorigen Monat ihr Vogel Beo verschied, war das für sie »eine richtige Tragödie«. Nun hat sie, alleinstehend nach Familienstand und schöpferischer Kompromißlosigkeit, nur noch den Pudel Daisy, der sie ein wenig ablenkt von all ihren phonemischen Exerzitien.

Doch nichts, was diese bescheidene Musikerin zu Papier bringt, ist Pret-aporter; ausgerechnet diese tierliebe Einzelgängerin mit dem Blick einer gutmütigen Grundschullehrerin findet nichts dabei, Obszönität im Opernhaus salonfähig zu machen und alles Reglement ihres Standes bravourös matt zu setzen.

»Das, was man macht, muß verboten sein«, fordert sie, und die Lust, gar Wollust auf Tabus hat sie jetzt zu Jean Genet verführt, dem 1986 gestorbenen Franzosen: Dichter, Dieb, Einbrecher, Hofsänger der Halbwelt und aller Homosexuellen. So wie Genet, der poetische Pornograph, immer Außenseiter blieb, so ist sie, die destruktive Architektin der Avantgarde, überzeugte Aufständische: »Ich kann nicht anders.«

In der Libretto-Version von Genets letztem Werk hat ihr der Literat Thomas Körner die Handlungsstränge vom französischen Krieg in Algerien bis zu einem phantasmagorischen Totenreich, wo sich die Opfer wiedersehen, vorsorglich schon bis zur Unkenntlichkeit verknäuelt. Sie - weniger Komponistin als Dekomponistin - brauchte die literarische Vorlage nur noch gründlich zu zerfasern.

Jetzt spielen sich unterschiedliche Szenen simultan ab, live auf der Bühne und unsichtbar auf dem Tonband. Menschenstimmen werden dabei zu Instrumentenklang verfremdet, Hörner und Posaunen imitieren Vokalkunst. Aus Worten wird purer Wort-Laut, aus Genets sprachgewaltiger Phantastik ein Konstrukt der Geräuschbildung - anstrengend, faszinierend, am Ende verführerisch wie eine bittere Droge.

Der Bauplan von Hölszkys »Wänden« ist so maßlos wie deren Anspruch an das Publikum. Das ursprüngliche Autograph, ein kalligraphisches Kleinod auf überdimensionalem Architektenpapier, ist fast so hoch wie die kleine Frau, die es niedergeschrieben hat; der Dirigent hätte ein Fernglas gebraucht, um alles zu entziffern. Selbst die jetzige Gebrauchsversion - Taschenpartitur wäre ein Witz - mißt noch fast 40 Zentimeter Breite und 90 Zentimeter Höhe.

»Die Wände«, sagt Hölszky, seien »natürlich keine Oper«, nicht mal mehr »Musiktheater, wie es immer noch verstanden wird«. Für das, was sie versucht habe, gebe es »keinen Begriff und keine Tradition«.

»Die Leute«, konstatiert sie mit kühlem, vorwurfslosen Bedauern, »trauen immer noch viel zuviel der Musik und dem Wohlklang«; sie selbst stellt sich taub für klassische Schalmeien. Gewiß, Mozart sei »toll«. Aber: »Ich kann nichts damit anfangen.« Das Alltagsleben, die laute, lärmende Umwelt, biete »viel mehr Anregung als die Musik«.

Als sie vor Jahren Babyflaschen, Bratpfannen und Dachrinnen in den Orchestergraben holte, war sie bei der philharmonischen Konsumgesellschaft erst einmal unten durch: noch so eine Spinnerin mit dem Kopf voll Krach und Chaos. Ein Vorurteil.

Als sie 1988 zu Rainer Werner Fassbinders »Bremer Freiheit« griff und aus dem Mordsstück um die Giftmischerin Geesche Gottfried ihr »Singwerk auf ein Frauenleben« konstruierte, da wurde zwar auch schon nicht mehr »richtig gesungen«, da ging sie auch schon »von Schwingungen aus, nicht von Melodien«. Trotzdem wuchs sich ihr Bühnen-Erstling rasch vom Achtungs- zum Publikumserfolg aus.

»Die Wände« werden sich schwerer tun - zu anstößig für die Harmoniesucht der »Aida«-Schwärmer. Und der Wiener Premieren-Regisseur Hans Neuenfels hat auch gar nicht erst versucht, das Verwirrspiel plausibel zu illustrieren: Er setzt auf Hölszkys akustisches Rätsel nur sein magisches Rebus.

Nun ist Genets Kriegsschauplatz auch noch Kriegsshowplatz und auf dem Feld der Ehre sogar Slapstick erlaubt. Wo der Sex drastisch wird, steigert ihn Neuenfels ins Groteske, sogar in die Klamotte. Und im Finale, für Genets himmlischen Hades, arrangiert er zwischen 16 Zinksärgen ein Variete der Grufties.

In dieser Mischung von Requiem und Revue hat die Oper einen neuen Dreh: Künftig tanzt sie über Leichen.

Klaus Umbach

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 82 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.