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»Rosthaufen am See«

aus DER SPIEGEL 46/1971

nennen die Züricher das neueste Bauwerk des Schweizer Architekten Justus Dahinden, 47. Das »Ferro«-Haus am Zürcher See, ein teilklimatisiertes Büro- und Wohngebäude. ist ein bislang beispielloses Gebilde: Das Haus hat die Form einer Pyramide und einen Mantel aus rostigem Stahl und farbigem Glas. Es entstand in dieser Form und Fertigung, weil der Baumeister nur so die Vorschriften der Baubehörden mit seinen Vorstellungen und den Wünschen des Bauherrn kombinieren konnte.

Vor mehr als vier Jahren erhielt Dahinden von der Handelsfirma »Ferrolegeringar AG« den Auftrag. im Züricher Villenviertel Seefeldquartier ein repräsentatives sechsstöckiges Gebäude zu errichten. Entsprechend den üblichen Licht-, Luft- und Sonne-Auflagen schrieben die Baubehörden vor, die höhergelegenen Geschosse müßten zurückgestaffelt werden.

Formalist Dahinden, der auch das Münchner Freizeitzentrum »Schwabylon« entworfen hat, machte aus der Not durch Vorschriften eine formale Tugend. Als Verfechter des Dreiecks, der schiefen Kanten und schrägen Wände konzipierte er ein Bauwerk, wie es seit der Frühzeit des ägyptischen Pharaonen-Reichs und den indianischen Hochkulturen nicht mehr realisiert wurde: eine 20 Meter hohe Pyramide. Dahinden: »Eine Pyramide sieht nie so hoch aus wie sie ist, das haben schon die Ägypter, die Mayas und Inkas gewußt.« Die schräggestellten Fenster spenden mehr Licht und ermöglichen so tiefere Büroräume.

Doch nicht nur die Form, auch das Material hebt das Haus aus dem gebauten Einerlei heraus: Die Fassade ist aus Cor-Ten-Stahl und Stop-Ray-Gläsern zusammengesetzt. Der Stahl rostet an und sieht aus wie Schrott, aber der Rost bildet die denkbar beste Schutzschicht gegen Korrosion. Die Fenstergläser sind mit Kupfer bedampft und reflektieren 75 Prozent der Wärmeeinstrahlung. Stahl-Rost und Kupfer-Glas geben dem Gebäude zudem eine Farbe »Ton in Ton«.

Form und Material stellten Probleme, die vorher noch nicht gelöst worden waren -- etwa: Die Stahlblechplatten mußten bereits während des Bauens »hinterlüftet« werden, damit sie nicht von innen nach außen durchrosteten. Jegliches Wasser mußte abtropfen können.

Das Bauwerk -- Kosten: sieben Millionen Franken -- schwimmt nun. mit zwei Kellergeschossen. in einer Betonwanne (da der Grundwasserspiegel am Bauplatz ungewöhnlich hoch liegt). Über den vier Geschäftsgeschossen sind zwei luxuriöse Wohnungen in Form von Maisonetten. Die Wohnungen haben, jeweils über zwei Etagen hinweg, Boudoir und Kamin-, Eltern-, Kinder-, Herren-, Damen- und Angestelltenzimmer -- und dazu den Ausblick auf den Zürcher See. Monatsmiete je Wohnung: 3000 Schweizer Franken --

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