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BIOGRAPHIEN / SIMONE WEIL Rote Jungfrau

aus DER SPIEGEL 43/1968

Der Leichenbeschauer des englischen Städtchens Ashford gutachtete, daß sich die Verblichene durch Nahrungsverweigerung »selbst getötet« habe. Knapp ein Jahr zuvor, im Spätherbst 1942, hatte Simone Weil die französische Exilvertretung unter Charles de Gaulle in London angefleht, ihr »einen tüchtigen Anteil an Leiden und Gefahren« zu gewähren, indem man sie als Spionin in das besetzte Frankreich schicke. Maurice Schumann, Gehilfe de Gaulles, hatte ihr den Anteil verweigert; sie nahm ihn sich selbst.

Die Tote von Ashford war eine nahezu unbekannte »Verrückte«, wie de Gaulle auf dem Rand einer ihrer Eingaben vermerkte. Obwohl sie mit vielen Literaten, Staatsmännern und Revolutionären, zum Beispiel mit Leo Trotzki, bekannt war, erfuhr die Öffentlichkeit erst nach ihrem Tode, daß sie eine geborene Jüdin -- eine moderne Mystikerin war, gleicherweise vertraut mit Plancks Quantentheorie wie mit den Lehren tibetanischer Mönche, eine Anarchistin, die visionäre Begegnungen mit Jesus Christus erlebt haben will. Ihre Bücher wurden erst nach dem Kriege ediert -- so in der Bundesrepublik »Schwerkraft und Gnade« 1952 und »Das Unglück und die Gottesliebe« 1953.

Jetzt, 25 Jahre nach ihrem Tode am 24. August 1943, erschien eine deutsche, verbesserte Fassung der seit Jahren auf französisch und englisch vorliegenden Biographie der Philosophin von Jacques Cabaud**. Ihr Verfasser bewährt sich darin, obwohl ein Verehrer Simone Weils, als solider Schilderer ihres ekstatischen und revolutionären Lebens.

1909 als Tochter reicher Eltern in Paris geboren, 1931 zum Gymnasialdienst zugelassen, anfänglich am Kommunismus interessiert, aber bald von Stalins Terror abgestoßen, begann Simone Weil Anfang der dreißiger Jahre durch die Bistros der Pariser Arbeiterviertel zu streunen und mit Anarcho-Syndikalisten Kontakt zu suchen. Die zierliche Gestalt (1,59 Meter) in eine düstere Pelerine gehüllt viel rauchend, sich selbst auf einen Tagessatz von drei Franc beschränkend, suchte Simone Weil Berührung mit den leidenden Menschen, »weil ich sie kennenlernen möchte, um sie so zu lieben, wie sie sind«.

1936 reihte sie sich »eine rote Jungfrau«, wie einer ihrer Lehrer sie genannt hat -- in die Bürgerkriegsarmee Spaniens ein. Doch ihre Körperkräfte reichten nicht für den Umgang mit einem Gewehr aus. Man steckte sie in die Küche. Dort beendete ein Fehltritt in eine Schüssel kochenden * In Spanien.

** Jacques Cabaud: »Simone weil«. Verlag Karl Alber, Freiburg; 424 Seiten; 42 Mark.

Öls ihre Soldatenlaufbahn. Tief erschreckt von den Grausamkeiten auf beiden Seiten, kehrte sie nach Frankreich zurück.

1940 mußte sie vor den Deutschen zunächst nach Südfrankreich, 1942 nach Amerika fliehen. Nächtens diskutierte sie mit dem katholischen Philosophen Thibon und dem Dominikaner-Pater Perrin, der sie später eine Heilige nannte -- freilich, wegen ihrer Intransigenz, mit dem Zusatz: »Gott behüte uns vor lebenden Heiligen.« Am Tage ruinierte sie ihre zerbrechliche Gesundheit als Landarbeiterin.

Zwischendurch lernte sie Sanskrit und Tibetanisch, schrieb über Platon und moderne Physik, las römische Schriftsteller und die Bibel -- und begann, beides abzulehnen: Rom und das Judentum. Die Religion ihrer Ahnen verabscheute sie als »chauvinistisch«.

Zwischen 1938 und 1942 hatte sie mehrere Christus-Visionen wie diese: »Er trat in mein Zimmer und sagte: »Elendes Geschöpf, du verstehst nichts, du weißt nichts! Komm mit mir, und ich werde dich Dinge lehren, von denen du keine Ahnung hast. Ich folgte ihm

Gleichwohl ließ sie sich niemals taufen. Jüdin von Abstammung, mystische Christus-Verehrerin, mit einem ungewöhnlichen Verstand begabt -- »die leuchtendste Intelligenz des 20. Jahrhunderts« (so der englische Kulturkritiker Malcolm Muggeridge) -, sah sie sich härter und erbarmungsloser als andere der Undurchsichtigkeit der modernen Welt konfrontiert. So suchte sie die Wirklichkeit dort, wo sie am wirklichsten ist: im Schmerz, im Leiden.

Am Ende -- als de Gaulle ihr nicht »das nötige Leid- und Gefahrenquantum verschaffen« wollte -- fand sie die Wirklichkeit im selbstgewählten Hungertod zu Ashford.

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