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THEATER / SCHELL Roter Prinz

aus DER SPIEGEL 30/1968

Noch geht, grünlich und grämlich, der Geist des gemeuchelten Dänen-Königs um. Aber schon weht ein neuer Geist auf Helsingör: Am Hamlet-Hofe musizieren die Münchner Beat-Knaben »The Funny Figures«.

Sie beaten im »Hamlet«, den Maximilian Scheu jetzt in Münchens »Deutschem Theater« in eigener Inszenierung spielt. Und als der Künstler dann, rank und rotgelockt, zum Premierenbeifall an die Rampe trat, da war auch Edda Göring, des verblichenen Reichsmarschalles Tochter, unter den Hingerissenen.

Denn so einen fashionablen »Hamlet« hatten die Mitglieder der Münchner »Theatergemeinde e. V.«, für deren sommerliche Kunstbedürfnisse das Spiel hauptsächlich gemacht war, noch nicht gesehen; auch nicht gehört.

Nicht mehr »Sein oder Nichtsein": »Leben oder nicht leben, das ist hier die Frage«. »Halt dich zurück«, rät Polonius seiner strammblonden Tochter Ophelia, und er selbst »will Rosen züchten«, wenn er einmal nicht mehr Staatsminister ist.

»Hamlet ist die Mona Lisa der Literatur«, beschied der gelehrte Dichter T. S. Eliot. Legionen von Literaten und Menschendarstellern haben am Dänenprinzen gerätselt -- den Melancholikus entdeckt, den Jüngling mit dem Ödipus-Komplex, den Existentialisten und den Zauderer.

Selbst Damen sind in die Hosenrolle gestiegen. Mit schwarzumflorten Augen spielte sie Asta Nielsen für den Film, und ihr Duell-Tod war nicht ohne Heiterkeit: Wie bei Blessierten üblich, will ihr Horatio vorn das Wams öffnen; mit letzter Kraft weist sie die Freundes-Hand zurück.

So muß ein jeder, der den »Hamlet« bringt, von neuem am Geheimnis nesteln. Scheu, der Oscar-Preisträger, bat sich allmählich eingespielt: 1961, in einer TV-Inszenierung, gab er einen »sehr intimen, fast privaten« Prinzen; bei Gründgens 1963 dann erfuhr er den »klaren, klassischen Hamlet«; jetzt, in eigener Regie, personifiziert er den »Revolutionär«.

Einen Revoluzzer freilich, der wie der »letzte Buddenbrook« am »Ende einer Epoche« steht und die Welt, die aus den Fugen ist, nicht mehr einrenken kann: Dazu ist er »zuwenig Politiker«.

Mit den rotgefärbten Haaren will Scheu allerdings nicht an den gleichgetönten Studenten-Revoluzzer Cohn-Bendit gemahnen. Das eigene dunkle Haar schien ihm für den Prinzen »zu romantisch«; ein Rotschopf »streicht sofort den Dänen heraus«.

Nordische Helle stand ihm auch als Ziel vor Augen, als er die stelzende Schlegel-Übersetzung für seine Inszenierung revidierte; vom Shakespeare-Experten Philip Burton, dem Vormund Richard Burtons, ließ er sich zudem über Shakespearische Doppelsinnigkeiten informieren:

»Fishmonger«, von Schlegel als »Fischhändler« übersetzt, heißt auch »Zuhälter« und kränkt den so genannten Polonius weitaus mehr; Ophelia schickt der enttäuschte Hamlet nicht mehr »ins Kloster«, sondern »ins Bordell« -- »nunnery« bedeutet beides.

Neuer sind Bedeutungen und Bezüge, die Schell hinterm Stück-Personal erspürte; dem Betrachter springen sie freilich nicht immer ins Auge.

Polonius, kasinoforsch von Hubert von Meyerinck verkörpert, soll an Adenauer erinnern; das etwas gespannte Verhältnis zum Sohn Laertes ähnelt dagegen den Beziehungen, die Außenminister Brandt zum Sohne Peter unterhält.

Weltpolitische Aktualität verbirgt sich in der Pantomime, die dem Spiel im Spiel vorausgeht: Zu heftigem Schlagzeuggerassel und Living-Theatre-Exaltiertheit imitieren die reisenden Schauspieler die Ermordung Robert Kennedys.

»Vietnam müßte man spüren«, sagt Schell, hinter dem Zuge jener 20 000 Mann, die Fortinbras gen Polen führt und die, schreibt Shakespeare, »zum Grab gehen wie ins Bett«. Und anstehende Theaterprobleme greift der Regisseur in dem Bericht über jene Kindertruppe auf, die mit ihrer Sensationstechnik die alten Ensembles gefährdet: In der Übersetzung werden daraus »junge Leute«, die »Politik« aufs Theater bringen und sich »wie junge Aasgeier breitmachen«.

Das gute Alte tritt mit dem großen, greisen Rudolf Forster (als Direktor der Tournee-Truppe) ins Bild: Selbst im Worte Hamlet läßt er noch R"s rollen, und vor dem Wort »Metze« zuckt er zurück.

So mischen Schell und Shakespeare sich zu einer wunderlichen Abend-Unterhaltung, in der Playboys, Pfaffen und Potentaten über eine schmucklose Schiebetafel-Bühne (Filippo Sanjust) wandeln, auf harten Stühlen aus leeren Bechern Wein trinken und an einem Spiel teilnehmen, das auch »Djangos späte Rache« heißen könnte.

Denn seine Ideen transportiert Schell nur vage vor sein Publikum. Milde, wie er auch die Proben leitete, blickt er auf ein Action-Stück, fällt einmal wüst über Ophelia her und läßt seinen großen Monolog hell von einem Laufsteg tönen, der ihn in Hautnähe seiner Anbeter bringt.

Beim großen Show-down freilich, beim letzten Gefecht mit Laertes, bangt jeder um den Dänenprinzen; denn die Rapiere kreuzen sich mit Blitzesschnelle, und leicht kann derlei ins Auge gehn.

Doch auch in diesen Todeskampf schritt Scheu vorbereitet: Als Student war er einst ins Finale der Schweizer Fechtmeisterschaften vorgestoßen.

* Schell (Hamlet), Rudolf Forster (Direktor der Schauspieltruppe). Werner Kreindl (Claudius) und Elisabeth Flickenschildt (Königin).

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