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BÜCHER Rotes Gesicht

Lisa Witasek: »Die Umarmung oder Das weiße Zimmer«. Paul List Verlag, München; 174 Seiten; 25 Mark. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

In einer Wiener Wohnung quälen sich ein Mann und eine Frau, indem sie sich ihre Phantasien verheimlichen. Er, ein Sproß reicher Eltern und ewiger Student, findet so lange Ausreden für seine neurotische Angst vor Prüfungen, bis ihn kein Mensch mehr danach fragt. Sie, eine Lehrerin ohne Arbeit, verdient ihren Lebensunterhalt bei einem kleinen Verlag.

Aus der Sicht der Frau (Karin) erzählt das Buch von den großen und kleinen

Lügen, mit denen ihr Lebensgefährte (Stephan) sie scheinbar ahnungslos verletzt. Ihre Fähigkeit zur genauen Beobachtung nutzt aber die vor Selbstmitleid schier platzende Karin keineswegs zur Erkenntnis eigener Fehler; sie setzt ihr Talent vielmehr ein, um dem verschlossenen Stephan auf die Schliche zu kommen.

Ihren abgelegten Freund Josef, dessen immerzu rotes Gesicht ein einziger Schweißausbruch ist, »haßte sie vielleicht«. Und ihr unerledigter Neid auf den zu Hause bevorzugten Bruder steigert sich noch nach Jahren in Tötungsgelüste: »Wenn irgendeine automatisch schließende Tür meinen Bruder eines Tages zerquetscht, mit einem Schlag seinen Körper entzwei gedrückt hätte, wäre seine letzte Bevorzugung die Beerdigung gewesen, von der ich hätte fernbleiben müssen.«

Kein Wunder, daß in diesem Milieu der stummen Gewalt und der manischen Eifersüchteleien, in der die Gefühle so weiß sind wie »Das weiße Zimmer« der Miseren-Dame Karin, eben nicht gedeihen kann, wovon unentwegt die Rede ist: vertraute Nähe zwischen den Menschen. »Ich bin ein glücklicher Mensch, aber ich gebe den Schmerz nicht her«, zitiert Stephan den Dichter Adalbert Stifter. Unglücklicherweise hat der Schmerz der Autorin Lisa Witasek, 27, eine ganze Novelle hergegeben.

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