Direktor der Royal Academy in London "Die richtig schwierige Phase kommt erst noch"

Die Royal Academy in London hat seit Ausbruch der Coronapandemie geschlossen und verliert eine Million Pfund Umsatz pro Monat. Direktor Axel Rüger bangt um die Zukunft seiner Mitarbeiter.
Ein Interview von Ulrike Knöfel
Direktor Axel Rüger: "Die Innenstadt darf nicht in stiller Schönheit sterben."

Direktor Axel Rüger: "Die Innenstadt darf nicht in stiller Schönheit sterben."

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imago stock&people/ imago/Pacific Press Agency

SPIEGEL: Herr Rüger, Städte wie London haben so viel zu bieten. Wie wichtig ist da die Kultur? 

Rüger: Enorm wichtig. London darf sich rühmen als eine der wichtigsten Kulturmetropolen Europas. Die Royal Academy hat 1,3 Millionen Besucher pro Jahr, einige Museen kommen sogar auf sechs Millionen Gäste. Das sind Größenordnungen, an die keine deutsche Stadt mit ihren Museen annähernd herankommt. 

SPIEGEL: Wie maßgeblich ist Kultur in wirtschaftlicher Hinsicht?

Rüger: Kultur ist einer der "selling points" für London. Sie schafft eine besondere Atmosphäre, zieht nationale wie internationale Touristen an. Darin liegt im Moment natürlich auch ein Problem. Der internationale Tourismus wird länger brauchen um sich zu erholen. 

SPIEGEL: In den vergangenen Jahren litten manche Städte wegen ihrer Beliebtheit an der Masse von Touristen.

Rüger: Im Moment wird deutlich, dass es ohne Touristen eben auch nicht geht. Tourismus ist ein wichtiger Teil städtischer Mischökonomien, er bringt Internationalität, er bringt Umsätze. Natürlich war das alles gelegentlich schon zu extrem, natürlich ist die Innenstadt schöner, wenn sie leerer ist, aber sie darf auch nicht in stiller Schönheit sterben. 

SPIEGEL: Ist es so dramatisch?

Rüger: Das Zentrum Londons war in den vergangenen Wochen das stillste Viertel  weit und breit. Für eine Stadt, in der achteinhalb Millionen Menschen wohnen, ist das eigentlich unvorstellbar, es fühlte sich gespenstisch an.

SPIEGEL: Werden die Touristen bald zurückkommen?

Rüger: Das wird dauern. Schon der öffentliche Nahverkehr stellt eine eigene Herausforderung dar. Wenn dort die Abstandsvorschriften voll berücksichtigt werden müssen, dann kann das System nur noch 15 Prozent der üblichen Kapazität bieten. Touristen aber nutzen genau diese Art des Mobilität.  

SPIEGEL: Die Royal Academy ist nun seit fast drei Monaten geschlossen.

Rüger: Gerade in Krisenzeiten wäre es unsere Aufgabe, Gemeinschaft herzustellen, kulturelle Einrichtungen wären ein idealer Zufluchtsort. Das geht so in dieser besonderen Krise natürlich nicht. Das empfinde ich als echte Tragödie.

SPIEGEL: Auch wenn sie womöglich bald vorbei ist – was bedeutet die Zwangspause für Museen wie die Royal Academy?

Rüger: Zurzeit sind 60 Prozent meiner Kollegen beurlaubt. Viele hätten keine echte Aufgabe, weil der Publikumsverkehr fehlt.

SPIEGEL: Mit welchen finanziellen Folgen?

Rüger: Wir verlieren eine Million Pfund Umsatz im Monat, weil wir keine Eintrittskarten verkaufen. Weitere Mittel erhalten wir üblicherweise vom Netzwerk der Freunde der Royal Academy, dem gehören 97.000 zahlende Mitglieder an. Angesichts der wirtschaftlichen Situation im Land werden sicher einige austreten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Institution sind wir auf staatliche Hilfe angewiesen, eigentlich finanziert sich die Royal Academy zu 100 Prozent selbst. Selbst, wenn wir wieder öffnen dürfen, müssen wir davon ausgehen, dass die Besucherzahlen und der damit verbundene Umsatz 70 Prozent unter dem früheren Wert liegen. Aber die richtig schwierige Phase kommt erst noch, die Nachwehen des Ganzen.

SPIEGEL: Inwiefern?

Rüger: Mal abgesehen von der Frage, ob es zu einer erneuten Welle und einem zweiten Lockdown kommt - die nächsten zwei Jahre werden sicher auch ohne schwierig genug. Das gilt für die globale Wirtschaft, für den Tourismus und in der Folge auch für unser Haus. Womöglich müssen wir schwierige Entscheidungen treffen und den Stab der Mitarbeiter vielleicht reduzieren. Aber wir kämpfen. Die Royal Academy hat in mehr als 250 Jahren viele Krisen und Kriege überstanden. Da können wir uns jetzt auch nicht unterkriegen lassen.

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