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GESELLSCHAFT / PHOTOMODELLE Ruck zur Rasse

aus DER SPIEGEL 43/1969

Mit dieser Nigger-Lover-Zeitschrift will ich nichts mehr zu tun haben«, schrieb ein empörter Leser an die Redaktion der Frauenzeitschrift »Ladies' Home Journal« in New York. »Hiermit kündige ich mein Abonnement.«

Hunderte von Lesern reagierten in Briefen und Telegrammen auf das Ereignis, das »Home Journal«-Herausgeber John Carter einen »Meilenstein in der Geschichte des Magazin-Journalismus« nannte. Erstmals hatte vom Titelblatt einer amerikanischen Frauenzeitschrift eine schwarze Schönheit gelächelt: Naomi Sims, 21, 81/58/86, Tochter eines Pittsburgher Gepäckträgers.

Das war im November vorigen Jahres. Inzwischen findet auch das weiße Amerika schwarze Mädchen so schön, daß kaum eine Modezeitschrift ohne dunkelhäutige Modelle auf den Markt kommt.

In den Katalogen der Versandhäuser wie Sears, Roebuck & Co. und Montgomery Ward, in Zeitungsanzeigen und Fernsehspots werben mehr Negerschönheiten denn je zuvor um die Gunst der Käufer. Und selbst »Playboy« entschloß sich letzten Monat, als ausklappbares Spiel-Mädchen eine Negerin zu präsentieren: Jean Bell, schwarzhäutige Texanerin, wurde zum »Playmate« des Oktober-Hefts erkoren.

New Yorker Topmodell-Agenturen wie Ford und Wilhelmina sind schon seit geraumer Zeit für den Run auf Exotisches gerüstet: 15 von rund 125 Ford-Covergirls sind Farbige. Agentur-Chefin Wilhelmina, 29, einst deut-

* In der Agentur des deutschbürtigen Ex-Modells Wilhelmina.

sches Starmodell (225 Titelbild-Aufnahmen), beschäftigt derzeit unter ihren insgesamt hundert Modellen zehn schwarze. Begehrteste der farbigen Modell-Damen ist gegenwärtig Naomi Sims -- mit einem Stundenlohn von 240 Mark.

Dabei kam der »Black is beautiful«-Trend so überraschend, daß die Branche kaum Zeit fand, sich darauf einzustellen. Denn noch vor einem Jahr waren die dunklen Rassemädchen im Werbegeschäft kaum gefragt gewesen.

Der optischen Effekte wegen hatten weiße Photographen nicht selten auch schwarze Schönheiten ins Studio geholt, aber die Photos druckten dann doch nur Farbigen-Blätter wie »Ebony« und »Jet«. Die Werbeagenturen, glaubt Modell-Mutter Wilhelmina« hatten damals noch Angst, weiße Kundinnen würden ein Kleid nicht kaufen, wenn ein schwarzes Mädchen es vorführt. Auch mit dem jetzigen Starmodell Naomi Sims war es in Wilhelminas Agentur »sechs Monate lang mies« gegangen -- »ich wußte einfach nicht, wie ich sie reinkriegen konnte«.

Donyale Luna, die nun erfolgreichste Ford-Schwarze, ergatterte wohl zuweilen Titelseiten von den Modezeitschriften »Harper's Bazaar« und »Vogue«, doch »erst nach dem Tod von Martin Luther King«, so Agentur-Chef Jerry Ford, habe es in der Werbebranche »den großen Ruck gegeben«.

Wie weit der »Schwarz ist schön«-Slogan der farbigen Radikalen inzwischen ins Bewußtsein der weißen US-Bürger vorgedrungen ist, ermittelte kürzlich die »American Telephone & Telegraph Company« (AT&T) mit einer Umfrage: Nach Ausstrahlung des ersten AT&T-Werbespots mit farbigen Schönen erklärten 81 Prozent der weißen Fernsehzuschauer im Norden und 59 Prozent im Süden der Staaten, daß sie gegen das Auftreten schwarzer Modelle keine Einwände hätten.

Bevor der schwarze Boom auf dem Schönheitsmarkt einsetzte, bewarben sich wöchentlich zwei Negerinnen bei Wilhelmina, jetzt sind es wöchentlich an die dreißig, die eine Modell-Karriere anstreben. Selbst Töchter angesehener Väter stellen ihre Kontrastfarbe in den Dienst des Beauty-Business.

So arbeitet die Rechtsanwältin Prinzessin Elizabeth von Toro, Sproß des Ex-Königs Rukidi III, für Ford. Yahne Sangare, Tochter des liberianischen Botschafters in Paris, läßt sich von der Neger-Modellagentur »Black Beauty« vertreten. Und Jolie Jones, Titelschöne der Zeitschriften »Mademoiselle« und »Co-ed«, ist die Tochter des Jazzmusikanten Quincy Jones.

»Weil sie schwarz, nicht weil sie gut sind«, würden diese Modelle hauptsächlich gebucht, glaubt Ford-Chef Jerry Ford. Und daß Qualität inzwischen eine Frage der Schattierung geworden ist, weiß auch die schöne Wilhelmina.

»Vor Monaten noch«, sagt sie, »war die Bitte der Photographen: etwas heller, wenn möglich. Heute heißt es nur: Wie schwarz ist sie?«

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