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PHILOSOPHIE / LÉVI-STRAUSS Rückkehr der Wilden

aus DER SPIEGEL 40/1968

Gesellschaftliche »Veränderung« und »Revolution« sind seit Karl Marx Hauptschlagworte der Moderne -- der Studenten zumal und ihres Idols Jean-Paul Sartre, neuerdings auch vieler Theologen.

Diesem »gierigen Bedürfnis nach Veränderung, das unserer Zivilisation eigen Ist«, hat der französische Völkerkundler und Philosoph Claude Lévi-Strauss (SPIEGEL 13/1967) in einem Buch, das 1962 in Frankreich und jetzt auch auf deutsch erschienen ist, ein völlig anderes Denkmodell gegenübergestellt: das der prähistorischen Gesellschaften. Statt an »Revolution«, »Veränderung« und »Geschichte« orientieren sich diese sozialen Systeme, wie Lévi-Strauss ausführlich beschreibt, an Leitwerten wie »Kontinuität«, »Dauer« und »Ordnung«.

In dem Buch -- deutscher Titel: »Das wilde Denken"* -- sympathisiert Lévi-Strauss offen mit den »Wilden Deren wichtigstes Ideal, nämlich »Ordnung«, bilde die »Grundlage jeden Denkens« überhaupt. Sich mit Sartres letztem Hauptwerk »Kritik der dialektischen Vernunft« auseinandersetzend, wagt Lévi-Strauss schließlich sogar die Vermutung, daß die auf »Veränderung« bedachte Philosophie Sartres und des Marxismus in Wirklichkeit schon überholt sei, Tatsächlich knüpften, meint der Ethnologe, die neuesten Denkrichtungen, wie etwa die Kybernetik, an die Philosophie des prähistorischen Menschen an: Das »wilde Denken« stehe mithin jetzt vor seiner Rehabilitierung.

Unter dem »wilden Denken« versteht Lévi-Strauss die Denk-Strukturen illiterater Gesellschaften auch solcher, die bis in die Gegenwart hinein lebendig geblieben sind: also zum Beispiel die der Amazonas-Indios, der Ureinwohner Australiens oder einiger Südsee-Insulaner. Er betont aber zugleich« daß »wildes Denken« auch noch In den modernen Industriegesellschaften überlebt habe.

Einen Wesenszug des wilden Denkens sieht Lévi-Strauss in dessen Intellektualität: Während das moderne Denken auf »Ertrag« und auf ertragreiche Veränderung der Verhältnisse gerichtet sei, ziele das wilde jedenfalls nicht in erster Linie auf das Praktische, sondern wolle eigentlich nur theoretischen, »intellektuellen Ansprüchen« genügen, vornehmlich dem Verlangen nach Ordnung.

Dieser Tendenz entspricht -- so der Ethnologe -- die bei allen primitiven Völkern anzutreffende Leidenschaft, alle Dinge und Ereignisse« von der Pflanzen- und Tierwelt bis hin zu Phänomenen wie Krieg und Frieden

* Claude Lévi-Strauss: »Das wilde Denken«. Suhrkamp Verlag; 344 Seiten; 30 Mark.

oder böse und gut, In raffiniert ausgetüftelten, riesigen Klassifizierungssystemen unterzubringen. Die Unterbewertung des Praktischen schlage sich dabei allerdings in einem leichtfertigen Umgang mit den Dingen selbst nieder. So entstünden zum Beispiel Klassifizierungssysteme wie diese: Das Opossum hüpft, der Frosch hüpft, also Ist der Frosch der Vater des Opossums. Oder: Der Adler Ist dem Blitz verwandt, der Blitz dem Feuer, das Feuer der Kohle, die Kohle der Erde; also ist der Adler ein Herr der Kohle und ein »Erd«-Tier.

Das wilde Denken ist also nicht-empirisch, aber kombinatorisch und logisch -- und zwar insofern, als es weniger Wert auf die Dinge oder Substanzen, um so mehr aber auf die Beziehungen und Operationen der Dinge legt, ganz ähnlich wie die der Computer-Technik zugrunde liegende moderne Logik, die nicht das durch Zeichen (Symbole) Bezeichnete, sondern alle denkbaren Beziehungen der Zeichen zueinander untersucht.

Die Stabilisierung der menschlichen Gesellschaft gelingt -- laut Lévi-Strauss -- dem wilden Denken dadurch, daß es die an sich der Veränderung durch die Geschichte unterworfenen Klassifikationen des Menschen (Volk, Stamm, Sippe, Familie und so weiter) an Klassifikationen der unveränderlichen Natur festmacht: an denen der Sterne, Tiere und Pflanzen etwa.

Indem der »Wilde« sich zum Beispiel als dem Clan des Bären zugehörig definiert und sich durch diese Definition in ein System von Lebensregeln, Speise- und Heiratsverboten eingefügt weiß, erkennt er sich zugleich als Bestandteil einer zeitenthobenen, zyklisch immergleichen Welt-Struktur und Gruppen-Identität, die auch nicht durch historische Katastrophen zerstört werden kann.

Lévi-Strauss unterstreicht mit Emphase, daß dieses »unhistorische« Denken der Wilden weder in moralischer noch in intellektueller Hinsicht hinter dem »historischen« der modernen Zivilisation zurückstehe. In der Tat drückten die Denk- und Gesellschaftssysteme der Primitiven eine ursprüngliche, »bewußt oder unbewußt getroffene Wahl aus": Die Wilden entschieden sich, ihr Leben auf »Kontinuität« und »Anciennität« zu stellen. Es sei ihnen darum gegangen, die Wirkung »historischer Faktoren« auf die Gesellschaftsordnung, von Kriegen, Seuchen, Überschwemmungen etwa, »gleichsam automatisch zu annullieren«, sozusagen die Geschichte zum Stillstand zu bringen -- obwohl sie, wie Lévi-Strauss mit Marx betont. nicht stillstehen könne, Tat. sächlich kommen historische Ereignisse in den Mythen und Riten der Primitiven entweder überhaupt nicht vor c"der aber als Erlebnisse grauer Ahnen, die für alle Zeiten als Verhaltensmodelle gelten.

Lévi-Strauss nennt diese Gesellschaften wegen ihres unbeweglichen Charakters »die kalten« im Unterschied zu der »warmen Gesellschaft« der Moderne, welche das historische Werden »zum Motor ihrer Entwicklung« gemacht hat, also sich selbst als eine bewegte und sich bewegende versteht.

In seiner Auseinandersetzung mit Sartre macht Lévi-Strauss geltend, daß es »naiv« und »egozentrisch« sei, vom Standpunkt der »warmen«, also historisch denkenden Moderne her die zehn- oder hunderttausend »kalten« Gesellschaften der Menschheitsgeschichte als, wie Sartre es getan hat, »verkümmerte oder formlose« zu disqualifizieren. Zwar sei es richtig, daß im Augenblick der von Sartre gepflegte »Mythos« der Geschichte am besten geeignet sei, das praktische Handeln des Menschen zu inspirieren, aber das brauche nicht immer so zu sein. An dieser Stelle weitet sich die Kritik von Lévi-Strauss an Sartre zu einer Kritik am Marxismus aus.

Die dialektische Vernunft -- so behauptet wenigstens Lévi-Strauss -- sei von der schlicht vorausgesetzten »Situationsgebundenheit« des menschlichen Denkens beherrscht.

Tatsächlich versteht sie Ideologien und Religionen als »Überbauten« jeweilig gegebener ökonomischer »Basen«, die ihrerseits als Resultate bestimmter historischer Situationen aufzufassen sind. Zugleich aber versäumt diese historisierende Auffassung nach Ansicht des französischen Ethnologen, ihre eigenen Erkenntnisse auf sich selbst anzuwenden: Die dialektische Vernunft selbst sieht sich als absolute Norm, als allgemeingültig für alle Zeiten an und widerspricht damit den konstatierten Abhängigkeiten des angeblich einzig wahren, des historischen Denkens, die sie selbst verkündet hat. Lévi-Strauss: »Hier wendet sich die Dialektik gegen sich selbst.«

Daß die historisierende Denkart sich zu überleben droht, hält Lévi-Strauss für eine jedenfalls erlaubte Behauptung. Im Blick auf Sartre und die gesamte Linke meint er: »Der Mann der Linken klammert sich noch an eine Periode der neueren Geschichte, die ihm das Vorrecht einer Übereinstimmung zwischen den praktischen Imperativen und den Schemata der Interpretation gewährt. Vielleicht ist dieses goldene Zeitalter des historischen Bewußtseins (aber) bereits endgültig dahin.«

In der Tat vermutet Lévi-Strauss, daß »der wissenschaftliche Geist in seiner modernen Form« schon jetzt dabei sei, das strukturale Denken der Wilden »wieder in seine Rechte einzusetzen«, Lévi-Strauss steht nicht an, im wilden Denken ein Vorbild für den modernen Informations-Theoretiker zu sehen, der -- ganz ähnlich wie die »Wilden« -- versucht, die unübersehbare Vielfalt der Welt durch Zeichen-Kombinatorik für den Menschen theoretisch wie praktisch operabel zu machen.

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