Zur Ausgabe
Artikel 71 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FRAUEN Rückkehr zum Rock

Eine der streitlustigsten Kämpferinnen für den Feminismus in den USA verkündet nun ein »strahlendes Comeback« der Weiblichkeit. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Ich fühle mich in die Defensive gedrängt«, schreibt die amerikanische Feministin Susan Brownmiller, 48. »Mein Gesicht, ungeschminkt - was vor einem Jahrzehnt noch Ausdruck der Freiheit war -, wirkt auf einmal trauerklößig, altmodisch und zickig.«

Als »spießige Feministin« werde sie wohl angesehen, als humorlose Sektiererin, die »ganz sicher auch gegen Sex und Spaß« sei.

Spaß, in der Tat, ist ein Begriff, den kaum jemand mit der Autorin Susan Brownmiller verbindet. Ihr vor neun Jahren erschienenes Buch zum Thema Vergewaltigung ("Gegen unseren Willen") hatte ihr begeisterten Applaus aus dem Feministinnenlager, von anderer Seite jedoch scharfe Angriffe als »Männerhasserin« eingebracht: Vergewaltigung, so Brownmiller damals, sei ein »bewußter Prozeß der Einschüchterung, durch den alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Furcht halten«. Auch an der Spitze der von ihr gegründeten Vereinigung »Women Against Pornography« (7000 Mitglieder) hatte sich Susan Brownmiller eher als Aktivistin denn als Humoristin profiliert.

Ihr neues Buch unter dem Titel »Femininity« (Weiblichkeit), das im Herbst nächsten Jahres auch in Deutschland beim Fischer-Verlag erscheinen soll, schlägt nach dem kämpferischen Erstling einen unerwartet elegischen, aber auch oft humorvoll-selbstkritischen Ton an. _(Susan Brownmiller: »Femininity«. Linden ) _(Press/ Simon & Schuster, New York; 272 ) _(Seiten; 14,95 Dollar. )

Amerikanische Frauen, so Susan Brownmillers Hypothese, hätten sich neuerdings wieder einer - schon überholt geglaubten - Weiblichkeit zugewandt und sich zur Freude der Mode- und Kosmetikindustrie wieder »mit dem höheren Absatz, dem kürzeren Rock, der dünneren Augenbraue, der längeren Wimper« angefreundet.

Frauen, zeitweilig schon auf dem Weg zur Emanzipation, schwenken nun - so die Autorin - reihenweise wieder um in Richtung Selbstaufgabe, in Richtung Sichunterordnen und; was am schlimmsten sei, zurück zu einem Konkurrenzkampf der Frauen untereinander. Schuld daran sei, meint Susan Brownmiller, daß in den achtziger Jahren das Gerangel der Frauen um zwei »seltene Ressourcen« - Männer und Arbeitsplätze - besonders hart geworden sei.

»Wenn die Frauen der achtziger Jahre«, so schreibt die Autorin, »nun zum

Make-up als weiblicher Camouflage zurückkehren, bedeutet das, daß der Konkurrenzkampf - nicht nur mit Männern, sondern um sie - intensiver geworden ist: Der traditionelle Köder von knalligen, bunten Farben und die schäkernde Sexualität, die dahintersteht, sind noch nicht entbehrlich.«

Die Frage, wo denn auf einmal alle Männer geblieben seien, beantwortet Susan Brownmiller mit der gewagten Hypothese, es liege an der zunehmenden Homosexualität. In New York allein, so meldete »Time« am Jahresanfang, leben 300 000 bis 400 000 homosexuelle Männer. Addiert man dazu einen ohnehin vorhandenen Frauenüberschuß von einer halben Million, so ergibt sich (jedenfalls für New York) eine Männerknappheit von epidemischen Ausmaßen - in Brownmillers Worten »ein Reservoir von desperaten Frauen«.

Nur die wenigsten von ihnen, meint die Autorin, suchen Trost in flachen Schuhen und Overalls. »Wann immer Leben und Freiheit von Frauen bedroht sind«, verkündete Susan Brownmiller einem Reporter, »besinnen sie sich auf eine uralte Überlebensstrategie: Wenn man keine guten Karten hat, muß man bluffen können.«

Dieses Element des Bluffens ist es, was Brownmillers »neue Weiblichkeit« von dem »Weiblichkeitswahn« unterscheidet, den die Soziologin Betty Friedan vor 20 Jahren bei amerikanischen Frauen beobachtet hatte. Während die von Betty Friedan beschriebenen Frauen der »Silent Fifties« nichts von ihrer Malaise wußten, sind sich die Frauen der achtziger Jahre, durch 15 Jahre feministisches Fegefeuer gestählt, ihrer prekären Situation bewußt.

Mit Fakten über die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen allerdings wartet Susan Brownmiller in »Femininity« kaum auf. Während die Fußnoten von kulturhistorischen Fakten nur so wimmeln, werden die »soziologischen Tatsachen der achtziger Jahre«, auf denen Susan Brownmillers Argumente wesentlich beruhen, völlig außer acht gelassen.

Ihr impressionistisches Gewebe aus persönlichen Eindrücken und Beobachtungen, Ausflügen in die Geschichte der »Weiblichkeit« und persönlichem Bekenntnis ist denn auch nicht, wie ihr erstes Buch, eine Kriegserklärung, sondern eher eine melancholische Bilanz. Brownmiller äußert sich selbst über den Unterschied: »Damals sammelte ich alle Beweise und ließ die Panzerdivisionen losrollen.« Das neue Buch aber sei »kein Ruf zu den Waffen - man kann gegen eine Ästethik schließlich nicht die Truppen mobilisieren«.

Das Diktat der »Natürlichkeit« bei eingefleischten Feministinnen sieht Susan Brownmiller inzwischen nüchterner: »Von Frauen zu verlangen, daß sie im Namen der Befreiung ihre Lippenstifte fortwerfen und ihre Nägel kurz feilen sollten, warf den Schatten der Repression auf die Frauenbewegung.«

Obwohl Susan Brownmiller Frauen gern als Amazonen sehen möchte, die flachabsätzig und in flatternden Hosen mit Erobererschritten auf Wesentliches zusteuern, ist sie selbst nicht frei von altmodischer Weiblichkeit - und gibt es auch offen zu.

»An schlechten Tagen«, lamentiert die dogmatische Hosen-Trägerin, »trauere ich meinen alten Kleidern nach. Ich vermisse den eleganten Fluß der Stoffe, die weichen Formen - Hosen sind langweilig. Man kann kein neues Selbst finden, indem man die Hose wechselt.«

Mit entwaffnender Ehrlichkeit zeigt Susan Brownmiller auf die Widersprüche zwischen Ideologie und überkommenen weiblichen Verhaltensmustern. »Ich kann immer noch nicht an einer Gruppe von Bauarbeitern vorübergehen«, bekennt die Feministin, »ohne dabei ganz unfreiwillig den Bauch einzuziehen.«

Susan Brownmiller: »Femininity«. Linden Press/ Simon & Schuster, NewYork; 272 Seiten; 14,95 Dollar.

Zur Ausgabe
Artikel 71 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel