Zur Ausgabe
Artikel 58 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

RÜCKSTURZ ZUR ERDE

aus DER SPIEGEL 7/1971

SPIEGEL: Herr Dr. von Braun, Sie haben 20 Jahre lang in der Weltraumfahrt eine »große Menschheitshoffnung« gesehen. Vom Vorstoß zu den Sternen erwarteten Sie die »technische Überwindung des Krieges« und ein »neues kosmisches Bewußtsein« der Menschheit. Jetzt aber, Anfang der siebziger Jahre, beschäftigt die Menschheit offenbar mehr die Verschmutzung ihrer Umwelt als die Eroberung des Weltraums. Jetzt muß die Weitraumbehörde Nasa drastische Budgetkürzungen hinnehmen, ihr Programm einschränken und Entlassungen vornehmen. Teams hochqualifizierter Spezialisten brechen auseinander, und sogar Mitarbeiter aus alten Peenemünder Zeiten wandern ab. Sehen Sie nun nicht Ihre Hoffnungen enttäuscht?

VON BRAUN: Nein, ich bin mehr denn je davon überzeugt, daß die Weltraumfahrt auch weiterhin halten wird, was sie versprochen, auch wenn im Augenblick andere Probleme mehr in den Vordergrund gerückt sind. Es war schon bei der Inangriffnahme des Apollo-Programms klar, daß die Zusage von Präsident Kennedy an die amerikanische und an die Weltöffentlichkeit sich ja nur darauf beschränkte, einen Amerikaner in den sechziger Jahren auf dem Mond zu landen. Von irgendwelchen Nachfolgeprogrammen war damals keine Rede, aber wir sind heute überwiegend mit Nachfolgeprogrammen beschäftigt.

SPIEGEL: Lassen wir doch einmal den Ausgang des Apollo-Programms beiseite. Blenden wir fünf oder zehn Jahre zurück, Damals propagierten Sie mehr als nur ein kurzfristiges Mondprogramm. Ihre Ziele waren doch höher gesteckt -- Kolonisierung des Mondes, Expeditionen zum Mars und noch weiter.

VON BRAUN: Alle diese Sachen werden noch kommen. Präsident Nixon hat selber vor etwa einem Jahr die Zielsetzung für das Programm nach der ersten Mondlandung ganz klar ausgedrückt -- erstens: mehr Flüge zur Mondoberfläche mit den verbliebenen Apollo-Geräten, zweitens Bau einer Außenstation auf einer Erdumlaufbahn. Er hat weiterhin gesagt, daß wir fortfahren werden, die Planeten zu erkunden und die Weltraumfahrt für mehr irdische Interessen nutzbar zu machen.

SPIEGEL: Herr von Braun, wenn man Ihre alten Veröffentlichungen durchblättert, stößt man auf Bilder, die wahr geworden sind. Astronauten schweben im All und spazieren über den Mond. Aber man stößt ja auch auf Bilder, die nicht wahr geworden sind und nach allen vorliegenden Plänen auch nicht wahr werden: etwa Wissenschaftler-Kolonien auf dem Mond, die da in großen Plastik-Domen wohnen und offenbar nach irgendwelchen Bodenschätzen forschen. Glauben Sie, daß diese Bilder in absehbarer Zeit oder auch überhaupt Wirklichkeit werden können?

VON BRAUN: Sie werden in absehbarer Zeit Wirklichkeit werden, davon sind die meisten von uns in der Nass ganz fest überzeugt.

SPIEGEL: Obwohl zur Zeit noch keine konkreten Pläne dafür bestehen und gebilligt wurden?

VON BRAUN: Es sind durchaus konkrete Pläne vorhanden. Aber nur für einen Teil dieses Zukunftsprogramms sind die Pläne offiziell gebilligt in dem Sinne, daß wir fest mit den erforderlichen Haushaltsmitteln rechnen können, um mit der Entwicklung anfangen zu können. Lassen Sie mich hier mal etwas spezifischer werden. Eine der Aufgabenstellungen, die Präsident Nixon uns gegeben hat, ist: Ihr müßt die Weltraumfahrt billiger machen. Denn viele der nützlichen Anwendungen, die die Weltraumfahrt der Menschheit oder der Wissenschaft verspricht, sind einfach nicht diskutabel bei den heutigen Preisen der Raumfahrttechnik.

SPIEGEL: Dann war also die Kritik berechtigt, die Ihr ehemaliger Chef von Peenemünde, General Dornberger, im Sommer letzten Jahres äußerte? Er sagte, es sei falsch gewesen, diese riesigen Wegwerfraketen vom Typ Saturn zu bauen für 200 Millionen Dollar das Stück und sie auf Nimmerwiedersehen für Apollo ins All zu schießen,. Zur Erde zurück kommt ja nur die Kapsel. Das ist fast so, als ob die Lufthansa jede Boeing 707 nach einem Flug wegwirft.

VON BRAUN: Ich würde nicht sagen, es war falsch, denn es war der bisher einzig zur Verfügung stehende Weg, ein Ziel wie eine bemannte Mondlandung überhaupt durchzuführen.

SPIEGEL: Aber Sie haben ja früher selbst einen anderen Weg propagiert: Erst Bau von Raumfähren, die auf einer Erdumlaufbahn eine Raumstation zusammensetzen, dann Start der Mondraketen von der Raumstation aus -- das war doch Ihre ursprüngliche Konzeption.

VON BRAUN: Das ist richtig. Man darf aber nicht vergessen, daß das Apollo-Programm die Antwort auf eine Herausforderung durch die Sowjets war. Innerhalb der kurzen Zeitspanne von acht Jahren hätte man alle diese Zwischenschritte nicht bewältigen können.

SPIEGEL: Die Entscheidung für das Apollo-Programm war also eine politisch gerechtfertigte, aber eine technisch vielleicht nicht vernünftige Entscheidung, wenn man die Kostenwirksamkeit bedenkt, oder um ein amerikanisches Modewort zu benutzen: die cost effectiveness?

VON BRAUN: Cost effectiveness für Großvorhaben dieser Art ist unmöglich zu definieren, Ich glaube nicht, daß man zum Beispiel die Reise von Kolumbus mit cost-effectiveness-Methoden nachrechnen kann. Selbst als er starb, hätte Kolumbus nicht Rechenschaft ablegen können, ob seine Reise cost effective war, und wenn er es versucht hätte, wäre er wahrscheinlich zu einem negativen Ergebnis gelangt. Er hatte seiner Königin schließlich einen Haufen Gold versprochen und nichts nach Hause gebracht. Er war bis an sein Lebensende enttäuscht, daß er seine hohen Versprechungen nicht hat halten können.,.

SPIEGEL: Zumindest haben Sie Ihre Versprechungen bisher halten können;

* Mit Johannes K. Engel und Hermann Schreiber im Kennedy Space Center, Cape Kennedy,

immerhin kann man Sie fragen, ob es gerechtfertigt war, 21 Milliarden Dollar und eine halbe Million Menschen für dieses Projekt Apollo einzusetzen.

VON BRAUN: Darf ich diese ganze Frage -- war Apollo richtig, war es wichtig, war es cost effective -- mal so beantworten: Ich bin absolut davon überzeugt, wir können das mit Zahlen beweisen, daß Amerika durch Ausgabe dieser 21 Milliarden nicht ärmer, sondern reicher geworden ist.

SPIEGEL: Sie meinen die Auswirkungen auf die Technik?

VON BRAUN: Ja, es sind durch das Apollo-Programm auf vielen Gebieten wissenschaftliche und technologische Fähigkeiten entwickelt worden, die vorher einfach nicht da waren und die auf vielen Wegen ihren Weg in die Wirtschaft zurückgefunden haben. Außerdem ist Ja nicht ein Pfennig von dem Geld auf dem Mond ausgegeben worden. Das ganze Geld ist vielmehr ausgegeben worden in amerikanischen Fabriken, in amerikanischen Universitäten, in amerikanischen Forschungsanstalten und hat über Gehälter und Löhne seinen Weg zurückgefunden in Lebensmittelgeschäfte, Automobilfabriken und Banken, und die amerikanische Wirtschaft hat gelernt, daß man Programme dieser Größenordnung einfach braucht, um den fokusierenden Effekt zu erzeugen, der heute nötig ist, um Wissenschaft und Technik energisch voranzutreiben.

SPIEGEL: General Dornberger ist auch hiervon offenbar nicht überzeugt. Er sagte, der amerikanische Steuerzahler frage sich verzweifelt, was ist aus den 21 Milliarden Dollar für Apollo geworden? »Nichts als ein paar Säckchen voll Steine und Sand vom Mond.« Wörtlich so.

VON BRAUN: Dornberger und ich sind nach wie vor gute Freunde, und wir haben so viele Jahre gemeinsam von der Weltraumfahrt geträumt und für sie gearbeitet, daß ich mit Gewißheit sagen kann, daß auch er weiß, daß Apollo mehr als Steine hervorgebracht hat. Auch der durchschnittliche amerikanische Steuerzahler sieht den Ertrag des Apollo-Programms nicht nur in den Steinen vom Mond, sondern sieht sehr wohl, was es für die Wirtschaft getan hat. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Die amerikanische elektronische Rechenmaschinen-Industrie hat sich während der Laufzeit des Apollo-Programms von einer Industrie mit etwa einer Milliarde Umsatz zu einer mit acht Milliarden Umsatz entwickelt. Heute ist beinahe jeder »real time, on-line«-Hochgeschwindigkeitsrechner amerikanischer Herkunft. Diese ganze Technologie ist ein direktes Produkt der Weltraumfahrt.

SPIEGEL: Sie wäre Ihres Erachtens nicht entwickelt worden ohne die Herausforderung durch Gagarins Flug um die Erde?

VON BRAUN: Nicht ohne die beinahe phantastisch anmutenden Anforderungen, die das Weltraumprogramm an die Computer-Industrie gestellt hat. Infolgedessen können Sie mit Recht sagen, daß der Umstand, daß heute Amerika auf diesem Spezialgebiet viele Milliarden Dollar Exporte hat, es vielen Amerikanern erst ermöglicht, Ihren Frauen italienische Schuhe und sich selbst Scotch Whisky zu kaufen.

SPIEGEL: Bedeutet nicht alles, was Sie jetzt sagen, Herr von Braun, eine Umkehr der Prioritäten auch innerhalb des Weltraumprogramms? Nämlich: Sehr viel interessanter als der Vorstoß zu den Planeten wird das, was für uns hier auf der Erde als unmittelbar anwendbare Erkenntnis nutzbar wird?

VON BRAUN: Ich glaube nicht, daß man hier von einer Umkehr der Prioritäten sprechen sollte, denn was die Raumfahrt für die Wissenschaft und Technik tut, ist ein ungeplantes Beiprodukt. Hierzu möchte ich allerdings folgendes sagen: Diese gewissen wissenschaftlichen und technologischen Durchbrüche erzielt man nicht das hat die Geschichte nun wirklich ad nauseam bewiesen -, wenn man einfach versucht, bessere Kochtöpfe herzustellen oder bessere Herde oder auch bessere Automobile oder bessere Rechenmaschinen. Sie müssen Forderungen an die Wissenschaft und Technik stellen, die sehr exotisch sind, wenn Sie neue Linien erschließen oder neue Möglichkeiten eröffnen wollen. Ich sage nicht, daß nur die Aufgabe einer Landung auf dem Mond uns diese Durchbrüche hätte geben können. Vielleicht hätte ein wiederverwendbarer Raumtransporter, wenn im Jahre 1961 diese Aufgabe gestellt worden wäre, etwas Ähnliches erreicht. In diesem Sinne stimme ich völlig mit Dornberger überein.

SPIEGEL: Aber die politische Entscheidung wies einen anderen Weg, vielleicht den falschen?

VON BRAUN: Das würde ich nicht sagen. Ich glaube nicht, daß die Entwicklung eines Raumtransporters in den sechziger Jahren die Menschheit ebenso emotionell mitgerissen hätte wie die Mondlandung. Es Ist mit Recht gesagt worden, daß die gesamte Menschheit sich zum erstenmal bewußt als Bürger des Planeten Erde gefühlt habe, als Armstrong den Mond betrat.

SPIEGEL: Es hatte natürlich einen großen Schaueffekt, aber die Frage, ob dadurch ein neues kosmisches Bewußtsein geweckt wird, möchte man doch sehr bezweifeln.

VON BRAUN: Ich bin fest davon überzeugt, daß das kosmische Bewußtsein geweckt worden ist. In Amerika zumindest ist es so, daß die Photos von der Erde, die. die Astronauten vom Mond zurückgebracht haben, auch auf die Ökologen hierzulande, einen ungeheuren Eindruck gemacht haben. Warum? Sie zeigten zum erstenmal das Bild der winzigen Erde mit ihren beschränkten Rohstoffquellen, ihrer hauchdünnen Atmosphäre und ihrer Verwundbarkeit gegenüber Mißbrauch. Die Menschen sahen hier das Raumschiff Erde mit seiner Besatzung von dreieinhalb Milliarden Astronauten und mit einem life-supportsystem, das sie sehr schnell vergiften können. Alles, was die Ökologen seit Jahren gepredigt hatten, wurde plötzlich augenfällig.

SPIEGEL: Was doch nur wieder die Erkenntnis beweist, die man gewonnen zu

haben scheint: daß die Erdanwendbarkeit dessen, was aus der Weltraumfahrt herauskommt, auch dieser Blick zurück aus dem All, wichtiger wird als der Blick zu den Sternen.

VON BRAUN: Ja, da stimme ich völlig überein. Wir leben nun einmal auf diesem Stern. Ich glaube, nachdem die sechziger Jahre uns die Mondlandung beschert haben, so wird das wichtigste Produkt der siebziger Jahre die Anwendung der bei der Raumfahrt gelernten Dinge auf Probleme auf der Erde sein. Nehmen Sie zum Beispiel die Nachrichten-Satelliten, die schon jetzt im Begriff sind, zum erstenmal in der Geschichte so etwas zu erzeugen wie ein Nervensystem der Menschheit, etwas, das die Menschheit noch nie besessen hat. Ein System, durch das die ganze Menschheit den Schmerz fühlt, wenn an einer Stelle eine Wunde geschlagen wird.

SPIEGEL: Haben Sie als der Pionier der Weltraumfahrt das so erwartet?

VON BRAUN: Viele dieser Möglichkeiten haben mich selbst überrascht. Ich bin aber sehr dankbar, daß diese Sache sich als so nützlich erweist.

SPIEGEL: Die Folge der grandiosen Mondlandung von Apollo 11 ist nun ein Antiklimax -- das Ziel ist erreicht, das Interesse schlafft ab, die Mittel werden gekürzt -, ein neues Ziel von ähnlicher Faszination ist nicht erkennbar, jedenfalls keines, für das die Nation sich noch einmal zu einem solch gigantischen technischen und finanziellen Kraftakt aufraffen würde. Oder sehen Sie ein solches Ziel? Wie erklären Sie sich eigentlich das immer geringer werdende Interesse am Weltraumprogramm?

VON BRAUN: Die Entwicklung der Menschheit ist immer in Wellenbewegungen erfolgt. Gucken Sie in die Geschichte zurück, jede zweite Generation war rasiert, und die nächsten zwei Generationen trugen einen Bart.

SPIEGEL: Diese neue Wellenbewegung haben Sie immerhin noch nicht mitgemacht ...

* Oben: US-Astronaut Edwin Aldrin nach der Landung von Apollo 11; unten: aus Wernher von Brauns 1954 erschienenem Zukunftsbuch »Die Eroberung des Mondes«.

VON BRAUN: Ich weiß, ich bin sehr altmodisch, Genauso hat es Generationen gegeben, die sich auf materielle Dinge konzentriert haben, andere haben sich mehr auf Schöngeistiges konzentriert. Ich persönlich finde es zum Beispiel eine außerordentlich erfreuliche Sache, daß sich gerade heute die Jugend der Bekämpfung der Umweltverschmutzung so widmet. Es ist unbestritten, daß die Industrie in der ganzen Welt -- je mehr Industrie, desto schlimmer -- mit ihrer Verseuchung der Flüsse und der Atmosphäre eine ziemliche Schweinerei angerichtet hat.

SPIEGEL: Sie erklären sich mit einer historischen Wellenbewegung das abschlaffende Interesse an der Raumfahrt und die Hinwendung zu Umweltproblemen? Auf dem Flug nach Cape Canaveral sagte uns ein Amerikaner: »I am very pollution minded« -- er sagte nicht »space minded«, raumfahrtbewußt.

VON BRAUN: Ja, dazu kann ich sagen, ich bin auch very pollution minded. Ich finde, die Leute haben völlig recht, und es wird allerhöchste Zeit, daß wir sagen, wir dürfen nicht unbeschränkt und ohne Rücksicht auf Verluste unsere Umwelt vergiften, wir müssen uns auch daran gewöhnen, einen etwas höheren Preis für die Güter zu bezahlen, ohne die wir angeblich nicht leben können.

SPIEGEL: Geht das nicht auf Kosten der Weltraumfahrt?

VON BRAUN: Nicht notwendigerweise, im Gegenteil, ich glaube, daß die Weltraumfahrt einen sehr aktiven Beitrag leisten kann, auch in diesen Fragen mitzuhelfen.

SPIEGEL: Welchen?

VON BRAUN: Ja, wir machen zum Beispiel mit unseren Satelliten Vermessungen von Verschmutzungsquellen. Wo werden Flüsse oder Seen verschmutzt, wo fließen Schmutzstoffe in die Flüsse hinein, In das Meer?

SPIEGEL: Also Satelliten als Himmelspolizisten oder Himmelsspione, um gegen Verschmutzungssünder vorgehen zu können?

VON BRAUN: Ja, ich möchte aber damit nicht die anderen Ziele der Raumfahrt aufgeben. Diese Anwendung ist nur eines Ihrer Nebenprodukte.

SPIEGEL: Es klingt aber doch anders als in Ihren früheren Veröffentlichungen. Da war doch nach einer Mondlandung das nächste Ziel die Marslandung. Entschuldigen Sie, wenn wir Ihre Äußerungen daran messen möchten.

VON BRAUN: Ich glaube, diese Zielstellung hat sich in keinster Weise geändert, und das Ziel wird auch erreicht werden. Wir müssen bloß natürlich mit der Tatsache rechnen, daß die Bedürfnisse und auch die Prioritäten der Menschen sieh in Wellen bewegen. Dinge wie eine bemannte Marslandung können deshalb etwas länger dauern. Nehmen wir mal an, während der ganzen nächsten Generation landet niemand auf dem Mars, der Mars läuft uns ja nicht weg. Dann verwenden wir eben In der nächsten Generation unsere im Weltraum gesammelten Kenntnisse, um einen Brot-und-Butter-Beitrag auf der Erde zu leisten. Wir benutzen dann die dadurch gewonnene Wirtschaftsbasis der Raumfahrt, um später weiter in den Weltenraum vorzustoßen.

SPIEGEL: Wollen Sie prophezeien, wann das sein könnte?

VON BRAUN: Lassen Sie uns mal einen Moment zurückblenden, wie wir beim Mond vorgegangen sind. Wir haben zunächst unbemannte Rangers auf die Mondoberfläche niederfallen lassen, dann haben wir unbemannte Surveyors auf dem Mond weich gelandet, dann haben wir unbemannte Mond-Sonden den Mond umfliegen lassen, um Mondlandkarten zu bekommen. Und erst nachdem wir das alles gemacht haben, sind unsere Apollo-Astronauten auf dem Mond gelandet. Niemand, auch Ich selbst nicht, würde je vorschlagen, daß wir ohne unbemannte Vorreiter dieser Art einfach eine Mannschaft zum Mars schicken, So etwas wäre reiner Wahnsinn.

SPIEGEL: Wie wollen Sie denn vorgehen?

VON BRAUN: Wir haben nun den ersten Schritt zum Mars bereits gemacht, mit den Mariner-Sonden, die Landkarten vom Mars herstellen werden. 1975 soll ein sogenanntes Viking-Spacecraft auf dem Mars weich landen. Der Großangriff auf Mars ist also in vollem Gange.

SPIEGEL: Aber gegenwärtig hat die Nasa, wie Nasa-Chef Dr. Low letzte Woche bestätigte, keinen bemannten Marsflug auf ihrem Programm.

VON BRAUN: Das Ist richtig. Er hat damit durchaus nicht gemeint, daß wir den Gedanken bemannter Flüge zum Mars völlig aufgegeben haben. Über kurz oder lang werden Menschen auf dem Mars landen. Der Zeitpunkt hängt natürlich davon ab, wie wir innerhalb der Nasa die Prioritäten setzen.

SPIEGEL: Eben. Dürfen wir noch einmal auf die überschaubare Zukunft kommen? Da gibt es jetzt erst mal ab Ende 1973 keine bemannte Raumfahrt mehr -- das hat ja Konsequenzen.

VON BRAUN: Wir starten 1973 die erdumkreisende Raumstation »Skylab«. Sie wird von einer Saturn V in Umlaufbahn gebracht und sodann besucht von einem Apollo-Raumfahrzeug mit drei Mann Besatzung, die für vier Wochen oben bleiben. Danach erfolgen zwei weitere Besuche von je drei Mann, die vier oder sogar acht Wochen dort bleiben. Diese drei Besuchsflüge werden mit Saturn-I B-Raketen durchgeführt. Nach Abschluß dieses Programms, also Ende 73 oder vielleicht Anfang 74, werden wir temporär mit der bemannten Raumfahrt Schluß machen. Aber schon im Jahre 76 werden dann die ersten Erprobungsflüge mit der wiederverwendbaren Raumfähre anfangen.

SPIEGEL: Das sieht doch aber alles so aus, als befinde sich die Raumfahrt im Rücksturz zur Erde: Der Mond ist erreicht, wir fliegen noch ein paarmal hin, aber für die weitere Perspektive machen wir die Dinge In Erdnähe. Wir bauen Skylab, die Raumfähre trägt Lasten in eine Umlaufbahn, wir bauen vielleicht eine Raumstation. Alles Dinge, die sehr erdverhaftet sind,

VON BRAUN: Die Raumfähre ist zwar sehr nützlich für erdgebundene Anwendungen, aber sie ist auch die Basis für alles, was wir später an bemannten Flügen im ferneren Weltraum machen werden. Nehmen Sie mal den Mond. Es ist richtig, daß wir nach Apollo 17 den Mond für eine Weile nicht besuchen werden. Aber wir werden wieder hinfliegen, wenn wir die Raumfähre haben, wenn wir von einer Umlaufbahn um die Erde mit einem Fahrzeug in eine Mondumlaufbahn gehen können, das zum Betanken auch wieder in die Umlaufbahn um die Erde zurückfliegen kann.

SPIEGEL: Aber ein solches Projekt muß ja ein Ziel haben. Was wäre das?

VON BRAUN: Unsere Ziele auf dem Mond sind vielleicht am besten mit unseren Zielen in der Antarktis zu vergleichen. Der Südpol wurde von der ersten Welle der Explorer, von Amundsen und Scott, mit Segelschiffen erreicht. Amundsen ist mit einer Anzahl Hundeschlitten von der Küste zum Südpol gestürmt und schließlich mit einigen wenigen überlebenden Hunden und einem einzigen leeren Schlitten wieder zur Küste zurückgekommen. Das war etwa die Grenze dessen, was zu machen war mit dieser Segelschiff- und Hundeschlitten-Technologie. Man hat dann 25 Jahre gewartet, die Antarktis überhaupt nicht besucht und kam schließlich wieder mit Dampfern und mit Raupenschleppern. Heutzutage fliegt man in Lastenflugzeugen zum Südpol und bringt Wohnwagen mit, die man im Schnee eingräbt. In diesen Vehikeln sind komplette Forschungslabors, die bereits in einer Universität In den Vereinigten Staaten schon eingespielt wurden von den Besatzungen, die sie da unten benutzen werden.

SPIEGEL: Also, daß wir In zehn Jahren Straßen auf dem Mond bauen werden, wie Sie mal gesagt haben, glauben Sie immer noch?

VON BRAUN: Ja, ja, ich bin ganz fest davon überzeugt, daß wir im Jahre 2000 auf dem Mond ständige Forschungsstationen haben werden, und daß es für die Leute auch ein sehr attraktives Tätigkeitsfeld geben wird.

SPIEGEL: Und Sie brauchen dazu nicht die Faszination, wie der erste Mondschuß sie hervorgebracht hat?

VON BRAUN: Nein, ich meine, heute macht ja auch kein Mensch mehr ein Aufhebens davon, wenn er in die Antarktis fährt. Ich bin ja selber auf dem Südpol gewesen, Ich bin da aber auch im geheizten Flugzeug hingeflogen, und ich kam mir also ein bißchen snobish vor, wenn ich an die ersten Entdecker dachte. Ich bin überzeugt, im Jahre 2000 werden Leute, die in einer Mondstation tätig sind, sagen, ich möchte jetzt endlich meine Familie nachholen.

SPIEGEL: Aber das Geld, das es kostet, um dahin zu kommen -- das glauben Sie auch zu bekommen?

VON BRAUN: Dieses Geld wird kommen aus den Beiträgen, die die Raumfahrt für die Bewirtschaftung der Erde selber verdienen wird. Es ist ja heute schon so, daß die Nachrichtensatelliten eine Goldgrube sind.

SPIEGEL: Wann wird sich die Weltraumfahrt denn finanziell selber tragen?

VON BRAUN: Ich bin überzeugt, in zwanzig Jahren werden wir eine Situation haben, in der die Raumfahrt mehr Geld einbringt, als sie kostet. Das Hauptproblem wird dann allerdings sein, dafür zu sorgen, daß die Profite, die aus den Brot-und-Butter-Geschäften der Raumfahrt herauskommen, auch wirklich für die Weiterentwicklung der nicht dem unmittelbaren Gewinn dienenden Vorhaben der Raumfahrt verwendet werden können.

SPIEGEL: Woran denken Sie?

VON BRAUN: Wir haben da zum Beispiel die Wettersatelliten, die laufen ja heute schon sehr gut, und da ist ein erhebliches Programm im Gange, eine wirklich zuverlässige 14-Tage-Wettervorhersage für alle Länder zu erarbeiten, die sich an den Kosten des Programms beteiligen wollen. Aber die wichtigsten Satelliten für die Wirtschaft werden wahrscheinlich die sogenannten Rohstoffversorgungssatelliten werden.

SPIEGEL: Was hat man sich darunter vorzustellen?

VON BRAUN: Ein Rohstoffsatellit, oder ein Erdvermessungssatellit, wenn wir ihn so nennen wollen, kann laufend das gesamte Ackerbauland der Erde unter Beobachtung halten. Mit sogenannten multispektralen Vermessungsmethoden können Sie zum Beispiel ein Roggen- von einem Weizenfeld oder ein Baumwollfeld von einem Reispaddy unterscheiden. Und Sie können darüber hinaus feststellen, wie die Ernte steht, und das direkt umsetzen In Erntevoraussagen.

SPIEGEL: Warum halten Sie diesen Satelliten für so wichtig?

VON BRAUN: Lassen Sie mich das mal an dem Beispiel Indien erklären, weil wir in der Nasa gerade mit Indien ein sehr aktives Kooperativ-Programm begonnen haben. Unser Satellit ATS/F soll Anfang 73 gemäß einem Abkommen mit der indischen Regierung In eine Synchronumlaufbahn über den Indischen Ozean gesetzt werden. Die indische Regierung wird in Ahmedabad bei Bombay eine Bildungsfernsehsendestation aufstellen, die ein Programm für ihre Dörfer zu diesem Satelliten hinaufstrahlt. Der Satellit hat einen Empfänger und einen Sender und sendet das Programm auf einem scheinwerferartigen Strahl auf Indien herunter, der den ganzen indischen Subkontinent abdeckt.

SPIEGEL: Wozu?

VON BRAUN: Die indische Regierung verteilt nun unter der ersten Phase dieses Programms 5000 Gemeinschaftsfernsehempfänger an Ihre verschiedenen Gemeinden. Verschiedene Gruppen der Gemeinde werden nun zusammengerufen zu diesen Lehrfernseh-Veranstaltungen. Speziell ist beabsichtigt, etwa vier Stunden am Morgen das System für die indischen Kinder einzusetzen, um damit dem chronischen Lehrermangel abzuhelfen, und da lernen die Kinder also lesen und schreiben. Und eine Stunde am Tag soll übrigens auch der sogenannten Familienplanung gewidmet werden, das heißt also, wie kann man das rapide Wachstum der Bevölkerung etwas beschränken. Mit anderen Worten: die Pille.

SPIEGEL: Würden Sie soweit gehen, Herr Dr. von Braun, zu sagen, daß man angesichts aller dieser Entwicklungen, die verglichen mit der Mondfahrt relativ undramatisch sind, gar nicht mehr darauf angewiesen ist, »die Stimmung der Nation« zu mobilisieren, wenn man die Weltraumfahrt in Gang halten will?

VON BRAUN: Genau, ich glaube, daß die Weltraumfahrt in den 70er Jahren, wie man hier in Amerika sagt, eine Brot-und-Butter-Basis finden wird. Sie wird sich als so nützlich erweisen, daß man sich danach nicht mehr wird vorstellen können, daß man je überhaupt ohne diese Dinge gelebt hat. Wir können uns ja heute auch kaum noch vorstellen, daß Menschen mal ohne Telephon gelebt haben, aber Goethe hat nicht gewußt, was ein Telephon ist. Ich bin überzeugt, daß man im Jahre 2000 sich fragen wird, wie die Welt je ausgekommen ist ohne Nachrichtensatelliten.

SPIEGEL: Das mag im Jahre 2000 so sein, aber jetzt schreiben wir 1971, und hier im Raumfahrtzentrum auf Cape Canaveral herrscht nach allen Eindrücken, die wir haben, eher Weltuntergangsstimmung. Nach den Entlassungen und Einschränkungen haben die Leute hier das Gefühl, an einem Unternehmen zu arbeiten, das keine große Zukunft mehr hat.

VON BRAUN: Wenn Sie hier natürlich am Cape einen Mann fragen, der bei einer Firma arbeitet, deren Apollo-Kontrakt ausläuft, dann mögen Sie hören, Ich habe mir hier vor ein paar Jahren ein Haus gekauft, ich dachte, hier wäre eine große Zukunft, und wenn ich jetzt in das Stammhaus der Fabrik zurückgehe, die mich hergeschickt hat, da kann Ich auch keinen Job landen, Sie können das natürlich Weltuntergangsstimmung nennen. Aber man darf nicht vergessen, daß das bevorstehende Ende des so erfolgreichen Apollo-Programms nur eine Phase eines sehr viel größeren langfristigen Programmes ist.

SPIEGEL: Aber wird dann hier nicht mit dem Pfund gewuchert? Wenn wir hier einmal das »Bulletin« der Atomwissenschaftler zitieren dürfen: Mit den 500 000 Menschen des Apollo-Programms hätten die Vereinigten Staaten sich eine technische Streitmacht aufgebaut, »wie sie niemals zuvor auf der Welt existierte«. Solch eine Truppe, heißt es da weiter, könne mit ihrem geballten Wissen und ihren Fähigkeiten »alles bauen, was ihr in Auftrag gegeben werde«. Jetzt aber läuft diese Truppe auseinander; eingespielte Teams lösen sich auf, die riesige Maschinerie zerbröckelt.

VON BRAUN: Ich glaube, Ihr Ausdruck »mit dem Pfund gewuchert« trifft den Kern eines sehr ernsten Problems. Ich glaube, wir sehen hier den Preis, den die freie Wirtschaft dafür zahlt, dem freien Spiel der Kräfte Lauf zu lassen.

SPIEGEL: Wo alles über den Marktmechanismus läuft ...

VON BRAUN: Ja, wo alles den Gesetzen des market-place folgt. Wir in der Nasa sehen diesen Unterschied täglich, wenn wir unser Programm mit dem sowjetrussischen vergleichen, das ja nach der sowjetrussischen Philosophie der Fünfjahrespläne abläuft.

SPIEGEL: Was kommt dabei heraus, wenn Sie das vergleichen?

VON BRAUN: Wenn ich es vergleiche, dann kann ich nur sagen: Wenn Amerika wirklich in die Hände spuckt und sagt, jetzt wollen wir mal zeigen, was eine Harke ist, wir wollen mal einen Mann auf dem Mond landen, dann bleiben die Russen eben weit zurück. Die haben versucht, vor uns auf dem Mond zu landen, das ist gar keine Frage.

SPIEGEL: Und woran hat es gelegen, daß es nicht klappte?

VON BRAUN: Ich bin überzeugt, daß bei aller Stetigkeit, die die Sowjets in der konsequenten Durchführung ihrer Programmpläne bewiesen haben, sie einfach nicht die Fähigkeit entwickelt haben, wirklich aus ihren Menschen

SPIEGEL: Ihres Erachtens also ein Systemfehler, aber nicht im technischen System, sondern im gesellschaftlichen System ...

VON BRAUN: Ja, ich möchte sagen, wenn wirklich der Wunsch besteht, für eine solche Großaufgabe die latenten Kräfte der Nation auszulösen, dann ist die freie Wirtschaft einfach fähiger, das zu machen. Auf der anderen Seite: So schwierig es für die Planwirtschaft ist, plötzlich ein Programm zu beschleunigen, so unmöglich ist es auch für sie, ein einmal in Gang gekommenes Programm zu verzögern. Es rollt eben wie eine Dampfwalze weiter.

SPIEGEL: Viele der Ingenieure hier säßen natürlich lieber auf der Dampfwalze.

VON BRAUN: Manche der entlassenen Leute des Apollo-Programms werden ohne Zweifel auf den Arbeitsgebieten der Ökologie und Umweltverschmutzung und allen diesen neuen Sachen wieder eine Stelle finden. Es gibt natürlich auch viele erstklassige Wissenschaftler und Techniker, die zur Zeit in großen Schwierigkeiten sind und vielleicht an einer Tankstelle arbeiten müssen.

SPIEGEL: Vorhin fuhr uns ein Taxifahrer, der hier bis vor kurzem Physiker am Apollo-Programm war.

VON BRAUN: Einen hab« ich kennengelernt hier, der verkauft Grabstellen auf Friedhöfen, der sagt, das sei also ein ganz sicherer Beruf.

SPIEGEL: Halten Sie es angesichts der momentan veränderten Stimmung im Land eigentlich für denkbar und wünschbar, daß die Nation noch einmal wie damals von Präsident Kennedy zu einer großen nationalen Anstrengung in der Weltraumfahrt aufgerufen werden könnte?

VON BRAUN: Hier leben zwei Seelen in meiner Brust, ja. Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn morgen Präsident Nixon sagen würde, jetzt geht"s zum Mars.

SPIEGEL: Das wird er wohl nicht tun.

VON BRAUN: Ich halte das für sehr unwahrscheinlich, und zwar nicht, weil ich nicht glaube, daß Präsident Nixon an solch einem Vorhaben nicht Interessiert wäre. Ich glaube im Gegenteil, daß er sehr begeistert ist für die Weltraumfahrt. Aber er befindet sich ja in einer Situation, in der andere Dinge wichtiger erscheinen müssen. Dazu kommt, daß sowohl innerhalb Amerikas als auch In anderen Teilen der Welt kein Zweifel mehr darüber besteht, daß Amerika mit der erfolgreichen Mondlandung bewiesen hat, daß es alles mögliche machen kann, was es sich vornimmt ...

SPIEGEL: Nur nicht die Städte sanieren ...

VON BRAUN: Die Städte sind ein Beispiel dafür, daß der Nachdruck sich verschoben hat.

SPIEGEL: Das ist die eine Seele in Ihrer Brust ...

VON BRAUN: Mit der anderen Seele predige ich innerhalb der Nasa dauernd, daß wir unter so etwas leben wie einem Apollo-Komplex. Daß viele von uns durch die vergangenen acht Jahre einfach verwöhnt worden waren, durch den Umstand, daß hier ein Präsident sagte: »Wir landen auf dem Mond.« Und daß jedes Jahr danach die Geldmittel so kamen, wie wir sie gebraucht haben. In den letzten Apollo-Jahren haben wir für die erforderlichen Geldmittel kaum noch mehr zu kämpfen gebraucht. Wir dürften, jetzt, nachdem wir auf dem Mond gelandet sind, nicht den Fehler machen, uns einzubilden, daß das nun für alle Zeiten so weitergeht.

SPIEGEL: Wird es sicher nicht.

VON BRAUN: Es Ist eine große Gefahr für unser Raumfahrtprogramm, daß man einem solchen Apollo-Syndrom verfällt und nun also sagt: »Wo ist der neue Mann auf dem weißen Pferd, der uns Mars auf dem Silbertablett serviert?« Ich bin sicher, daß er In der nächsten Zeit nicht kommen wird. Infolgedessen sage ich immer, wir müssen uns selbst tragen können. Wir brauchen die Brot-und-Butter-Basis.

SPIEGEL: Dann ist die Raumfahrt jetzt eine Industrie unter anderen -- und nicht mehr, wie Sie mal gesagt haben, die größte technologische Herausforderung unserer Zeit?

VON BRAUN: Das ist sie und wird sie bleiben, aber das schließt doch nicht aus, daß sie sich nicht trotzdem selber tragen kann. Die Fliegerei war die größte technische Herausforderung der vorigen Generation; sie hat weiß

* Geplanter Nachrichtensatellit ATS/F.

Gott die Welt umgestaltet -- fragen Sie die Eisenbahnlinien und fragen Sie die Schiffahrtslinien, die werden Ihnen das bestätigen.

SPIEGEL: Halten Sie es eigentlich für denkbar, daß ein neuer Sputnik-Schock -- etwa eine große militärisch anwendbare Raumstation der Russen -- der amerikanischen Weltraumfahrt noch einmal Auftrieb geben könnte?

VON BRAUN: Ich sagte Ihnen ja, wie Ich das russische Programm sehe: sehr kompetent gefahren, sehr stetig, ja, sehr ein-Schritt-vor-den-anderengelegt. Aber nicht sehr aufregend. Wenn wir uns hier In Amerika zu lange auf unseren Raumfahrt-Lorbeeren ausruhen würden und sagten, wir machen jetzt nur noch unsere Flüsse sauber, dann Ist zu erwarten, daß es eines Tages mal einen neuen sputnikartigen Schock und ein großes Erwachen geben wird. Dann wird die auf Sparflamme stehende Flamme wieder mehr angeheizt. Ich glaube, es täte dem Steuerzahler gut, wenn man dieses, was man »hot and cold blowing« nennt in Amerika ...

SPIEGEL: Diese Wechselbäder ...

VON BRAUN: ... wenn man also diese Wechselbäder-Methode etwas abbauen kann.

SPIEGEL: Will man das nicht erreichen, indem man andere Nationen -- vornehmlich europäische -- an der Weltraumfahrt beteiligt?

VON BRAUN: Zur Beteiligung an der wiederverwendbaren Raumfähre sind die europäischen Länder ganz offiziell eingeladen worden. Eine Reihe von Ländern haben auch Interesse bekundet -- unter anderen Großbritannien, die Bundesrepublik und Frankreich.

SPIEGEL: Warum sollten die Europäer Geld zum Bau der Raumfähre zuschießen?

VON BRAUN: Die haben gesehen, daß ein Programm der Größe und des Schwierigkeitsgrades von Apollo nötig ist, um für Wissenschaft und Technologie neue exotische Herausforderungen zu stellen. Wenn man sich an einem solchen Programm nicht beteiligt, dann sitzt man plötzlich da wie die deutsche Rechenmaschinenindustrie heute und sagt, wie ist das eigentlich passiert. Wir können keine mehr verkaufen.

SPIEGEL: Kann man technische Patente nicht kaufen -- als Lizenzen?

VON BRAUN: Sie können wissenschaftliche und vor allen Dingen technologische Erkenntnisse nicht verpflanzen, indem man einfach Zeichnungen oder Lizenzen verkauft. Es ist erwiesen, daß das nicht geht. Wenn Sie sich nicht selber die Finger in der neuen Technologie schmutzig machen, dann lernen Sie es einfach nicht. Heute kann ja jeder einen IBM-Computer aufmachen und nachsehen, was drin ist. Er kann ihn trotzdem nicht nachbauen, weil da so viele Geheimnisse in den Kleinigkeiten liegen, z. B. Fabrikationstricks, wie man integrierte Schaltkreise baut. Wenn man es nicht selber am eigenen Leibe exerziert, kriegt man es einfach nicht hin.

SPIEGEL: Wir sprachen vorhin von bemannter Raumfahrt, vom Vorstoß des Menschen zu den Planeten. Nachdem der Mensch nun auf dem Mond gelandet ist und das Apollo-Programm zu Ende geht, scheint sich die amerikanische Raumfahrt wieder im Rücksturz zur Erde zu befinden, wenn wir es einmal mit diesem Schlagwort umschreiben dürfen.

VON BRAUN: Rücksturz zur Erde -- ich finde das kein sehr schönes Wort. Das sieht so aus, als gibt"s gleich einen Aufschlag -- und dann ist alles vorbei.

SPIEGEL: Wir meinten damit, daß die Raumfahrt sich wieder mehr in unmittelbarer Erdnähe abspielen wird, daß der Mensch die Nase aus dem Weltraum wieder zurückzieht ...

VON BRAUN: Dieses ist ein temporärer Umstand. Wir werden uns In den kommenden Jahren eine Brot-und-Butter-Basis schaffen für die Raumfahrt und damit, so ähnlich, wie es die Fliegerei gemacht hat, unsere weiteren Entwicklungen finanzieren.

SPIEGEL: Wollen wir es dann verkürzt so zusammenfassen, daß es Ihnen im Moment wichtiger ist, die Wettervorhersage zu verbessern als den Mars zu erobern?

VON BRAUN: Ja, Ich selber würde es befürworten, eine bemannte Expedition zum Mars zurückzustellen, bis diese Brot-und-Butter-Basis auf der Erde besser, stärker geworden ist.

SPIEGEL: Aber für eine Weile ist In der Weltraumfahrt jetzt mal die Erde der wichtigste Planet?

VON BRAUN: Das wird sie wohl für immer bleiben.

SPIEGEL: Herr Dr. von Braun, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Ausgabe
Artikel 58 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel