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FILM Ruf in die Wüste

Wim Wenders' Erfahrungen mit Hollywood *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Für Wim Wenders war es »eine Überlebensfrage, nicht aufzugeben«. Der Grund: »Ich hab' noch niemals aufgegeben.«

So hat er »mit einer wahnsinnigen Dickköpfigkeit« weitergemacht, obwohl die Probleme mit dem Film, an dem er arbeitete, immer unüberwindlicher wurden. Die Verbissenheit hat sich gelohnt, denn schließlich kam das Werk doch noch ins Kino, aber »der Film hat darunter gelitten, daß ihn seine Entstehungsgeschichte immer verdrängt hat«.

Die Rede ist nicht von »Paris, Texas«, sondern von Wenders' Hollywood-Film »Hammett«. Als Wenders 1977/78 in Australien Motive suchte für sein damals nächstes Projekt, einen großen Science-fiction-Film mit dem Titel »Das Ende des Jahrhunderts«, schickte ihm Francis Coppola ein Telegramm in die Wüste und bot ihm die Chance, einen Film in Amerika zu drehen: Er sollte eine Episode aus dem Leben des Kriminalschriftstellers Dashiell Hammett zu einem Kinofilm a la Hollywood verarbeiten.

Daß der Autorenfilmer und abendländisch ins Filmemacher-Ego versenkte Künstler in der amerikanischen Filmindustrie überhaupt einen Fuß auf den Boden bekommen könnte, schien zweifelhaft.

Der einsam schaffende, seine Filme offen und improvisierend zu melancholisch-getragenen Kino-Gebilden stilisierende Deutsche in der effektiv funktionierenden Hollywood-Maschinerie - ein krasserer Gegensatz war kaum vorstellbar.

Aber Wenders griff trotzdem nach Coppolas Angebot und dem Traum von Hollywood und hatte kommendes Leid schon einkalkuliert. Er dachte an Vorbilder, die vor ihm in die kalifornische Film-Metropole gegangen waren oder dorthin emigrieren mußten, an Fritz Lang und Ernst Lubitsch zum Beispiel, »die da gelitten und trotzdem ihr Lebenswerk geschafft haben«.

Vier lange Jahre arbeitete Wenders in Hollywood und ging dabei seinem »Riesenübervaterbild Amerika« auf den Leim. Denn in zähen Auseinandersetzungen mit seinem Produzenten Coppola mußte Wenders erstmals ungewohnte Rücksichten auf eherne Regeln des US-Kinos nehmen: eine Geschichte einigermaßen spannend zu erzählen, plausible Figuren zu entwickeln und Langeweile zu vermeiden.

Wenders hielt durch in Hollywood und brachte seinen »Hammett«-Film zu Ende, obwohl er mit immer neuen Drehbuchversionen konfrontiert wurde und den Krimi schließlich noch einmal fast von vorne neu drehen mußte.

Die Hollywood-Erfahrungen bescherten dem selbstbewußten deutschen Regisseur, dem Europas Kritiker schon einen Platz in der Ruhmeshalle der Filmgeschichte gesichert hatten, einen Knacks im Ego. Mit zwei spontan in Angriff genommenen Filmen versuchte Wenders während längerer »Hammett«-Drehpausen, die Frustrationen zu bekämpfen und sich wieder zu alter Größe aufzurichten.

In der Manier europäischer Autorenfilmer und in ungefilterter Subjektivität schilderte er das Dahinsiechen des krebskranken Regisseurs Nicholas Ray ("Denn sie wissen nicht, was sie tun"), dieses eigenwilligen Mannes, dem Hollywood übel mitgespielt hatte. »Nick's Film - Lightning Over Water« geriet zum fast brutalen Dokument einer Agonie, gespiegelt im Ich des jungen Kollegen Wenders.

Eine Atmosphäre von Verzweiflung und Ausweglosigkeit entwickelte auch der Spielfilm »Der Stand der Dinge«. Von den amerikanischen Geldgebern im Stich gelassen, strandet da der deutsche Regisseur Friedrich Munro mit seinem Team und einem halbfertigen Film in Portugal. Die unbefristete Drehpause wird gefüllt mit zäher Nabelschau, mit larmoyanter Passivität im Angesicht einer düsteren Zukunft.

»Das ist natürlich was, wo ein Publikum sowieso draußen steht«, blickt Wenders heute auf den »Stand der Dinge« zurück. Gleichwohl: Der Film brachte ihm 1982 beim Festival von Venedig den Höchstpreis, einen Goldenen Löwen ein. Dies war der tröstende Lohn Europas für den Wendersschen David-Kampf gegen den Goliath Hollywood und eine Entschädigung für die in Amerika erlittenen Blessuren.

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