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BORDELLE Ruhe im Puff

Das »Eros-Center« an der Hamburger Reeperbahn, Beton-Symbol für den aufbrechenden Massensex der sechziger Jahre, wird zu einem Yuppie-Zentrum umgebaut. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Oben vor dem Kellereingang zur »Jungmühle« friert Bernd, der Portier. Die »Jungmühle« ist ein letzter Halt in einem langen Tunnel, der in eine bundesweit bekannte Tiefgarage mündet: den Kontakthof des »Eros-Centers« an der Hamburger Reeperbahn.

Von seinen 50 Mark Tagesgage kann Bernd sich keinen Schluck zum »Aufwärmen« leisten, und mit dem Warmreden ("Schauen Sie mal rein Herr Generaldirektor") ist es auch nicht weit her: Es kommt kaum noch jemand vorbei, dem er gut zureden könnte.

Im größten Dirnensilo der Hansestadt, Symbol für den aufbrechenden Massensex in den sechziger Jahren, damals gedacht als neue Heimat für Straßenmädchen, herrscht eisige Stille. Im dunklen Kontakthof verlieren sich tagsüber, von blauem Neonlicht matt erleuchtet, ein Dutzend Mädchen auf nacktem Asphalt, und auch nachts um halb eins ist Ruhe im Puff.

Im einstmals ersten Hurenhaus der Republik, dessen Name vom Patentamt geschützt werden sollte, ist gerade noch knapp ein Drittel der 246 Zimmer belegt. »Aids«, sagt Bordellbesitzer Wilhelm Bartels, 73, »hat St. Pauli den Rest gegeben.«

Der gelernte Schlachter und Gastronom, der die Liebeskaserne an »Wirtschafter« vermietet hat, will nun durchgreifen. In wenigen Wochen dreht Bartels, dem das halbe Pornoviertel auf St. Pauli gehört, im »Eros-Center« endgültig die Lichter aus.

Den Gesetzen der Marktwirtschaft folgend, wird an der Reeperbahn Nummer 170 entstehen, wonach wirklich Bedarf ist: ein Freizeit-Tempel nach Yuppie-Art. Gleich im Frühjahr sollen Handwerker eine mächtige Glaskuppel über den alten Kontakthof wölben. Bistros Kneipen und Diskos sollen zum Müßiggang einladen - möglich, daß auch die alte Belegschaft im allgemeinen Miteinander mitmischen kann. Die Appartements will Bartels allerdings an brave Bürger vermieten, was immer er darunter versteht.

»Puff-Willi«, wie er auf dem Kiez in Hamburg heißt, hatte stets ein Gespür für die Zeitläufte. Als mit dem Schweinkram noch Geld zu verdienen war, kaufte der clevere Geschäftsmann Teile der Reeperbahn, die Pavillons auf dem Spielbudenplatz und die halbe Große

Freiheit. Das Risiko trugen andere: Bartels verpachtete die Immobilien an die Betreiber von Klubs. Animierschuppen und Peep-Shows.

In den fünfziger Jahren bereicherte er die St.-Pauli-Sexwelt, zunächst noch eigenhändig, mit Unterwasser-Striptease, Damenschlammschlachten und Catch-Veranstaltungen, bei denen die »Tschechische Lokomotive Vavra« gegen den »Würger von Barmbek« antrat, später wirkte er nur noch im Hintergrund.

Mit dem »Eros-Center«, so sagt er gern, habe er vor allem den Behörden einen Gefallen getan. Die hätten ihn schließlich gebeten, den Straßenstrich einzudämmen. Entschlossen, die Rechtschaffenen vor den Anschaffenden zu schützen, machte sich Bartels auf Inspektionsreise in den Düsseldorfer Puff »Hinter dem Bahndamm« (Bartels: »Zu billig gebaut") und ins Stuttgarter Dirnenquartier »Dreifarbenhaus« ("veraltetes Ding") und konzipierte die Hamburger Lösung: In dem zugigen Beton-Hof boten sich die Mädchen dar und überredeten den Kunden zur näheren Besichtigung »aufs Zimmer«.

Beim Richtfest Anno 1967 intonierte eine Dreimannkapelle »Wir winden dir den Jungfernkranz«, und Bartels-Tochter Barbara fand während der Errichtung den Mann fürs Leben, einen Bauingenieur.

Aber das Appartement-Bordell gab fürderhin nicht nur Anlaß zur Freude. Die Stadt verweigerte eine Alkoholkonzession, und ohne Schampus mochten die Mädchen die peinigende Fleischbeschau nicht ertragen. Mit Schnaps oder ohne, die Damen vom Strich konnten der Liebeskaserne wenig abgewinnen. Erst die rohe Gewalt der Zuhälter füllte Haus und Kassen.

Vielen der noch heute bekannten Kiez-Größen diente der Liebesklotz als wirtschaftliche Basis, ein Großteil der St.-Pauli-Legenden entstanden hier. Der »Münchner Jonny« verdiente im »Eros-Center« die Scheine für den Iso Grifo, mit dem er und St.-Pauli-Kellner »Karate-Uwe« bei strömendem Regen auf der Autobahn ihr Ende fanden.

Zuhälter »Waffen-Buttje« verließ das »Eros-Center« im Zinksarg. Im blutigen Wildweststreit zwischen den rivalisierenden Zuhälterbanden »GMBH« und »Nutella«-Gang sausten regelmäßig die Kugeln durch den Liebesbunker und trafen manchmal in die Köpfe.

Beim Kampf um die Pfründe - die Pächter zahlen rund 400 Mark im Monat pro Appartement, für das sie von den Mädchen 100 Mark pro Nacht kassieren - verloren die rüden Zuhälter schnell die Contenance. Schließlich ging es um viel Geld: In der Blütezeit konnte eine Prostituierte im »Eros-Center« einen guten Tausender pro Nacht verdienen. »Heute«, sagt Sabrina, die es wissen muß, »stehen sich die Mädchen für 200 Mark zehn Stunden die Beine in den Bauch.«

Schuld ist nicht nur Aids. Der Nepp, die allzu unkaschierte Geldgier, führte zum Strukturwandel. Viele Puffs und Sauna-Klubs entstanden in Hamburgs besseren Vierteln. In der Provinz blühte das Geschäft auf; Callgirls arbeiten inzwischen in jeder Kleinstadt auf dem Lande. Auf die Reeperbahn kommen fast nur noch Sehleute oder besondere Freunde des Milieus.

Die Geschäftspraktiken der bedrängten Szene haben sich herumgesprochen. Wer im Kontakthof mit 30 Mark »für die Nummer« gekobert wird, soll oben schon 300 Mark zahlen, erläutert ein Reeperbahn-Taxifahrer, »die Skandinavier werden ja schon zu Hause gewarnt«. Der Hamburger Regierungschef Klaus von Dohnanyi hob bereits vor Jahren den Zeigefinger: »Kommerzialisierung« und »Ausbeutung« würden dem Vergnügungsviertel langfristig »den Todesstoß« versetzen.

»Eros-Center«-Besitzer Bartels, den sie »König von St. Pauli« nennen, trifft die Misere zwar als letzten. Schließlich muß »die Miete bezahlt werden, ob der Pächter nun Mädchen hat oder nicht«. Aber wenn seine Mieter pleite sind und, szeneüblich, einfach verschwinden, ist auch er dran.

Also erinnerte sich Bartels der Kaufmannsweisheit, wonach die Investitionen von heute die Gewinne von morgen sind. Zunächst offerierte ein Freund neue Ideen: Das »Eros-Center« sei halb zu einem Studenten-, halb zu einem Asylantenheim umzuformen.

Aber der blonde Thommy, Pächter von »Gurke« und »Jungmühle« im »Eros-Center«, wollte eine ordentliche Abfindung haben. Das wiederum, sagt Bartels-Freund Henning Schneidereit, »hätte meine Planung kaputtgemacht«.

Bartels nahm, wie gewohnt, die Sache selber in die Hand. Aus dem »Eros-Center« soll nun eine Yuppie-Burg werden, mit Glaskuppeldach, Bistros und einer »Kleinstbrauerei«. Alles soll jetzt schnell gehen, denn, sagt der 73jährige. »viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Wie so viele alte Männer möchte er etwas Bleibendes hinterlassen. Er hat Angst, daß seine Erben, »wenn ich morgen den Arsch zukneife alles verklitschen«.

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