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FILM Ruhmloser Abgang

aus DER SPIEGEL 47/1971

Trotta (Deutschland, Farbe). Es stimmt alles, und es stimmt nichts. Wieder, wie schon im Kino-Erstling »TätowierUng« (1967), hat der Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Johannes Schaaf, 38, eine schöne, beinahe perfekte Bildfolge arrangiert, nahezu unbekannte Darsteller (darunter Doris Kunstmann, Rosemarie Fendel, Andras Balint) zum Top-Ensemble verbunden und mit intelligenten Dialogen in gutgebauten Szenen Spannung erzeugt.

Doch leider spielt Schaafs jüngstes Werk (eine Adaptation des Romans »Die Kapuzinergruft« von Joseph Roth) in Wien, genauer: in jenem Wien der bankrotten Monarchie, das deutschen Fernsehzuschauern aus wehmütigen Roth-, Schnitzler- und Horváth-Abenden so vertraut ist, daß jeder Zuwachs im Repertoire unweigerlich Déjà-vu-Gefühle weckt.

Déjà-vu: die hochverschuldeten k.u.k. Leutnants vor und nach dem Ersten Weltkrieg (einer davon ist die Titelfigur), die Kaffeehaus-Rebellen, verarmten Adligen (etwa Trottas arthritische Mutter) und Künstler mit ihrem »esprit de finesse, der immer mehr zum Feuilletonismus entgeistet« (Musil).

Auf dieser allzu gut ausgeleuchteten Szene geben sich Schaafs Roth-Charaktere wie Entdecker der Wiener Décadence: Der junge, nach langer Kriegsgefangenschaft arbeitslose Trotta verkriecht sich vor Kriegsgewinnlern, Karrieristen und sozialistischen Umstürzlern in sein zur Familienpension umgewandeltes Palais, wo die Einladung zu einer Partie Bridge von schmarotzenden Freunden schon als »a gute Idee« honoriert wird. Seine Frau praktiziert derweil in den Armen einer emanzipierten Lesbierin frühe Women"s Liberation.

Aber auch Trottas ruhmloser Abgang -- in Selbstmordgedanken streift er durch den Wienerwald, verliert jedoch vor dem Schuß seine Pistole -- macht die von Schaaf anvisierten »Entsprechungen und Parallelen zu unserer Zeit« kaum sichtbar. Das Thema, traurig, aber wahr, ist abgenutzt und vom Kulturbetrieb längst folgenlos konsumiert.

Eines immerhin kann der Regisseur. der um die Produktionsmittel für »Trotta« lange kämpfen mußte, als Erfolg buchen: Anders etwa als Ulrich Schamoni, der seinen jüngsten Film ("Eins") im Selbstverleih lancieren muß, hat Schaaf beim Filmkommerz nicht vergebens antichambriert. »Trotta«, bereits »besonders wertvoll« und mit einer Bundes-Spielfilmprämie bedacht, wird vom mächtigen Constantin-Verleih ins Kino geliefert.

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