Zur Ausgabe
Artikel 111 / 137
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MUSIK Rumpelstilzchen in Big Apple

Kölns Philharmonie-Chef Franz Xaver Ohnesorg geht als Intendant an die New Yorker Carnegie Hall. Die Berufung beweist: Deutsches Musikmanagement findet weltweit Anklang.
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 5/1999

In der Kölner Philharmonie ist immer Karneval. Jeden Abend gibt es im Foyer Kamelle, kiloweise und kostenlos. Bevor die rheinischen Konzertgänger zum Musikgenuß schreiten, greifen sie zum Zuckerzeug.

Gedacht ist das Naschwerk zur Dämpfung bronchialer Attacken während der klassischen Weisen. Aber so mancher Besucher steckt sich gleich ein paar Handvoll für den Nachhauseweg ein. Der Einfall, allen Gästen des rheinischen Musiktempels Hustenhemmer zu spendieren, war dem Philharmonie-Chef Franz Xaver Ohnesorg vor gut zehn Jahren gekommen. Damals mußte sich der frisch berufene Direktor des frisch geweihten Konzertsaals noch Extras einfallen lassen, um den musikentwöhnten Kölnern die schmucke Rotunde schmackhaft zu machen.

Inzwischen lutscht das Publikum dort massenhaft. Bis heute hat die Firma Klosterfrau dem Kölner Konzerthaus an die 40 000 Kilo ihrer Kräuterwürfel »Ricola« gestiftet - ein echtes Bonbon: Kein anderer Konzertsaal versüßt seiner Kundschaft Sang und Klang mit Gratisgaben.

Mittlerweile ist das rheinische Schleckparadies aber auch zu einer ersten Adresse im deutschen Musikleben geworden und selbst im globalen Konzertbetrieb ein Markenartikel.

Bis Ende letzten Jahres, in knapp zwölfeinhalb Spielzeiten, verzeichnete das unterirdische Amphitheater 4377 Konzerte mit über 7,2 Millionen Besuchern.

Hier fanden rund 140 Uraufführungen statt, 60 davon waren hauseigene Auftragswerke. Hier ließen sich selbst kapriziöse Dirigenten wie Carlos Kleiber, Sergiu Celibidache, Sir Georg Solti und Sir Simon Rattle regelmäßig feiern. Erst letzten Sommer reisten die New Yorker Philharmoniker für gleich neun Auftritte an; alle Rheinbrücken waren mit dem Konterfei von Orchesterchef Kurt Masur beflaggt.

Der gewitzte Ohnesorg, 50, hat Luciano Pavarotti, Plácido Domingo, Ella Fitzgerald und Englands Lärm-Virtuosen Stomp an den Rhein geholt, mit der »MusikTriennale Köln« ein Avantgardefestival ins Leben gerufen und, klar doch, dem 175 Jahre alten Festkomitee Kölner Karneval das Geburtstagsständchen gerichtet.

Immer war es der Schelm mit Zweireiher und Fliege, der die Programme ausdachte und auch gleich werbewirksam ausposaunte. »Wir sind heute der am besten ausgelastete Konzertsaal der Welt«, brüstet sich dieser Intendant, »wir haben inzwischen die größte Kammermusik-Gemeinde des Kontinents.« Die Kölner besäßen »den einzigen Klassik-Saal der Welt, der keine Sommerpause macht« und im Schubert-Jahr 1997 an 38 Abenden sämtliche Lieder des Romantikers geboten habe, »eine weltweit einmalige Sache«. Ohnesorg, der Bäckerssohn aus dem oberbayerischen Weilheim, backt keine kleinen Brötchen.

»Im Schatten des Doms«, urteilte beeindruckt die »Welt«, sei »ein Musikimperium von Hope and Glory« entstanden. Der verstorbene Kunstsammler Peter Ludwig rühmte Ohnesorg als »Meister seines Fachs«, der Berliner »Tagesspiegel« salbte ihn gar zum »König von Köln«, und spätestens nachdem seine Majestät beim Rosenmontagszug vom eigenen Wagen »Strüßjer« unter die Jecken geworfen hat, konnte er als philharmonische Tollität mit dem Stadtheiligen Willy Millowitsch gleichziehen. Seitdem küßt Köln ihm die Hände.

Doch nun, kurz vor der Jahrtausendwende, dankt der Hofierte ab und läßt sich für »den wohl interessantesten Job des internationalen Musikbetriebs« in die USA locken: Im kommenden September wird er als »Executive and Artistic Director« - zu deutsch: als Intendant - der Carnegie Hall das berühmteste Konzerthaus der Welt übernehmen - New York ist fein raus und Köln aus dem Häuschen.

Tatsächlich signalisiert Ohnesorgs Wechsel im globalen Konzertgeschäft eine doppelte Sensation: Erstmals in der 108jährigen Geschichte des von dem Stahlmagnaten Andrew Carnegie gebauten Konzerthauses rückt ein Deutscher in dessen Führungsposition auf; erstmals aber wird damit auch anerkannt, daß Musikmanagement made in Germany durchaus auf Zack ist.

Der greise Geiger und Carnegie-Hall-Präsident Isaac Stern jedenfalls hieß Ohnesorg letzte Woche als Kandidat »mit erwiesenen Leistungen und kreativen Ideen« willkommen; Chairman Sanford Weill begrüßte ihn als Mann mit »einfallsreichem, dynamischem Image«, »genau das, was wir brauchen«; das über 60köpfige Board wählte ihn am vergangenen Dienstag einstimmig auf New Yorks philharmonischen Thron.

Für Ohnesorg ist die Berufung nach Manhattan ebenso ehren- wie risikovoll. Kein Konzertsaal der Welt hat - von Horowitz bis Bernstein und von Louis Armstrong über die Beatles bis Frank Sinatra - mehr Stars und Promis beherbergt als diese Halle mit ihrer sagenhaften Akustik; kein Publikum erwartet regelmäßig soviel Attraktionen wie die verwöhnten Konzertgänger in Big Apple; und keine vergleichbare Einrichtung, mit über 200 Angestellten und 600 Events pro Jahr, läßt sich die Kunst mehr kosten.

Dieses Flaggschiff der Musikszene, hatte dessen letzte, im Dezember verstorbene Intendantin Judith Arron immer wieder betont, betrachte sich als »Weltbühne« und »zugleich als ureigene amerikanische Institution«. Für Arron stand schon vor Jahren fest, daß Ohnesorg, der gelernte Flötist und studierte Betriebswirt, dafür der richtige Mann sei.

In der Tat hat der umtriebige Manager in der Kölner Philharmonie vorgemacht, daß sich mit Phantasie, dem richtigen Riecher und einem gehörigen, oft auch ungehörigen Schuß gußeiserner Hausherrn-Attitüde ein musikalisches Traumhaus geradezu aus dem Boden stampfen läßt.

Von Anfang an hatte Ohnesorg den im Land Bachs sonst verpönten Spagat zwischen erlesenem Streichquartett und dröhnender Blasmusik riskiert und in dem schmucken rheinischen Konzertbunker einen Gemischtwarenladen aufgezogen.

Dort hofierte er die Primadonna Jessye Norman mit gleicher Huld wie die Hammerauer Musikanten, trommelte für die Münchner Philharmoniker mit demselben Eifer wie für die Bläck Fööss und machte selbst mit Zyklen vergessener Tonsetzer wie Arthur Vincent Lourié oder Karl Amadeus Hartmann dem Publikum Beine.

Er führte mit »KölnTicket« ein vorbildliches, zentrales Buchungssystem ein, das neuerdings, via Internet, auch per Mausklick funktioniert, und er öffnete McKinsey & Company sein als GmbH geführtes Dienstleistungsunternehmen und dessen Buchführung bereitwillig für eine betriebswirtschaftliche Bilanz.

Im Foyerteam, das in der Philharmonie den Service besorgt, hat er die müden, mürrischen Platzanweiser von Anfang an durch freundlich lächelnde Musikstudenten ersetzt. Wann immer fremde Orchester anreisen, läßt er für die Musiker Freibier zapfen, und die üppigen Blumengebinde, die er den Divas und Maestros auf seiner Bühne möglichst eigenhändig überreicht, sind stadtbekannte Preziosen der Floristik. Sein Image und das des Hauses hat Ohnesorg zu einem kommerziellen Gesamtkunstwerk hochgemanagt, das wie geölt läuft und ihn nun selbst für Amerikas knallharten Musikbetrieb qualifiziert.

Ob sich der Kölner Intendant allerdings auch in New York die Allüren und Kapriolen eines absolutistischen Lokalmatadors wird leisten können, ist zweifelhaft. Denn das haben nicht nur die Rheinländer zu spüren bekommen: Wenn Ohnesorg austeilt, ist er dickfellig; wenn er einstecken muß, reagiert er dünnhäutig.

Kaum im Kölner Amt, legte er sich mit dem Kulturdezernenten Peter Nestler, dem Dirigenten Marek Janowski und mit der Lokalpresse an. »Cäsarenwahn«, wetterte damals die »Zeit«.

Im März 1995 warnte Ohnesorg den Mannheimer Agenten Matthias Hoffmann davor, den Auftritt der drei Tenöre nach Berlin zu vergeben. Dort werde es zum Zeitpunkt des Konzerts ungeahnte »Ost-West-Spannungen« geben, das Ganze eskaliere »zu einem hochbrisanten Ereignis, bei dem sowohl Ihre Künstler als auch ein großer Teil des Publikums gefährdet sein würde«. Dieses Schreiben, polemisierte die »FAZ«, sei »eine Denunziation, die aus dem Dusseligsten schöpft, was in der Bundesrepublik Deutschland zu haben ist«.

Vor seinem Publikum spielt der alerte Intendant stets den lächelnden Botschafter der schönen Künste, vor seinem Schreibtisch indes, so ein früherer Mitarbeiter aus der philharmonischen Kommandozentrale, führe er sich gern »wie ein wild gewordenes Rumpelstilzchen« auf, das »jeden Tag die Musik neu erfindet und einen Veitstanz um seine großartigen Einfälle macht«.

Als Ohnesorg am vorletzten Tag des Jahres 1995 die Jurastudentin Katharina Plum heiratete, verlief die Zeremonie vor dem Standesbeamten zwar in kleinem Kreise. Aber damit die Welt dennoch von dem Ereignis gebührend Notiz nahm, tat der Dirigent und Ohnesorg-Intimus Daniel Barenboim die Novität nach Beethovens Neunter kund, und die ganze Kölner Philharmonie beklatschte das junge Glück.

Okay, New York importiert also nicht nur einen neuen Intendanten, sondern auch einen erfahrenen Showmaster.

KLAUS UMBACH

Zur Ausgabe
Artikel 111 / 137
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.