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BUCHHANDEL Run in die roten Zahlen

Viele bundesdeutsche Buchhändler sind in finanziellen Schwierigkeiten. Daher fordern sie von den Verlegern größere Handelsspannen und wollen notfalls die Preisbindung lockern.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Wegen Konkurseröffnung geschlossen kündete am 22. Juni ein Pappschild an der Dortmunder Buchhandlung Borgmann. Die Hinterlassenschaft: eine Million Mark Schulden. Das war weder die einzige noch die spektakulärste bundesdeutsche Buchhändler-Pleite während der letzten beiden Jahre.

Andere gingen voraus: der Zusammenbruch von Weitbrecht & Marissal in Hamburgs Bergstraße, mit fast fünf Millionen Mark Jahresumsatz zweitgrößte Buchhandlung der Hansestadt, ebenso der »Flop« (so das Buchhändlermagazin »Buchmarkt") des Journalisten und Bestsellerautors Kurt Blüchel, dessen »Bücher-Börse« in Bensberg nach zehn Monaten mit rund 800 000 Mark Schulden scheiterte. Sogar ein so angesehenes Unternehmen wie die 1934 gegründete Kölner Universitätsbuchhandlung Dr. Joseph C. Witsch wurde von der Pleite ereilt.

Daß es um die Finanzen des bundesdeutschen Buchhandels schlecht bestellt ist, hatte ihm die Hamburger Verleger-Inkasso-Stelle zur letztjährigen Buchmesse bestätigt: Der sprunghafte Anstieg von Inkasso-Aufträgen lasse neue Zusammenbrüche befürchten, schrieben die Schuldenbeitreiber den aufgeschreckten Verlegern.

Doch dazu kam es nicht. Das Schulbuchgeschäft im Herbst und Weihnachten 1978 füllte die Kassen und ließ auch die Prognosen sonniger ausfallen, allerdings nur für kurze Zeit.

Schuld an der Misere seien die Verleger, stellte eine Gruppe von Buchhändlern fest, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels im März vergangenen Jahres nach Gravenbruch bei Frankfurt geladen hatte, damit sie sich dort Gedanken über die Situation der Branche machen sollten. In einem später durch Indiskretion im Dortmunder »Buchreport« veröffentlichten Elf-Seiten-Papier forderten sie für sich und ihre Kollegen mindestens 30 Prozent vom Ladenverkaufspreis der Bücher.

Denn der Buchhandel kann nicht frei kalkulieren, sondern ist an die von den Verlagen vorgegebenen Buchpreise und Handelsspannen gebunden. Betroffen sind vor allem die wissenschaftlichen Verlage, die den Buchhandlungen häufig nur den niedrigsten Anteil von 25 Prozent einräumen.

Daß dieser Anteil zum Sterben zuviel und zum Leben zuwenig ist, hat den Buchhändlern schon 1976 sogar die von Verlegern gegründete und finanzierte »Arbeitsgemeinschaft wissenschaftliche Literatur« bestätigt. Ein Buchhändler, hieß es da, brauche zumindest 34,3 Prozent des Ladenpreises für die Betriebskosten und für einen Gewinn von 1,2 Prozent.

Doch während die wissenschaftlichen Verlage sich großzügig der ihnen gebotenen Finanzbeihilfen bedienen -- 1978 sahnten sie allein bei der »Deutschen Forschungsgemeinschaft« für 159 Bücher, 152 Habilitationen, 38 Dissertationen und 80 Zeitschriften 7,7 Millionen Mark ab -, sind sie bei den Sortimentern eher knausrig. So mußten sich 204 der rund 2300 Buchproduzenten von der Hannoveraner Buchhandlung Fr. Weidemann's vorhalten lassen, daß sie nur eine Handelsspanne von 25 Prozent und weniger hergäben.

Bei der Hauptversammlung des Börsenvereins Anfang Juni konnte der drohende Konflikt zwischen Verlegern und Sortimentern nur mit dem Gemeinplatz entschärft werden, daß man zwar im Grundsatz einig, in den Details jedoch uneins sei. Eine Strukturuntersuchung soll nun klären, wie schlecht es den Buchhändlern wirklich geht. Damit ist das Thema allerdings nicht vom Tisch. Denn der beschworenen Gemeinsamkeit zum Trotz sind mehr Prozente Handelsspanne für den Buchhandel »im Verlag einfach nicht drin«, so der Stuttgarter Zwischenbuchhändler Jürgen Voerster.

In dieser Situation bleiben nur zwei Auswege: höhere Bücherpreise oder die Aufhebung der Preisbindung, wenigstens bei den Büchern mit niedrigen Handelsspannen.

Beide Medizinen haben freilich gefährliche Nebenwirkungen. Schon werden die Buchpreise von vielen Käufern als zu hoch empfunden, und das Ende der Preisbindung würde für viele finanzschwache Buchhandlungen den Run in die roten Zahlen beschleunigen.

Eben das wollen alle, Buchhändler wie Verleger, verhindern. Noch hat die Branche eine probate Lösung des Konflikts nicht gefunden. Mit dem Ruf nach »genereller Bewußtseinsänderung«, den Konrad-Dietrich Riethmüller, Vorsitzender der wissenschaftlichen Buchhändler, ausgestoßen hat, ist es offensichtlich nicht mehr getan.

In Frankreich gehen auch hierbei die Uhren anders, also vor: Wirtschaftsminister René Monory hat mit Wirkung vom 1. Juli an die Preisbindung für Bücher aufgehoben -- laut »FAZ« »zur Freude der Buchhändler, Bestürzung der Verleger und betroffenen Ratlosigkeit der Experten«.

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