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»Runter mit der Hose!«

aus DER SPIEGEL 2/1995

SPIEGEL: Mr. Jones, Sie sehen ziemlich mitgenommen aus und haben, so heißt es, die ganze Nacht nicht geschlafen, weil Ihnen übel war. Zu viele Drogen genommen?

Jones: Haben Sie einen Knall? Ich habe nichts übrig für Drogen. Leute, die Drogen nehmen, sehen einfach grauenhaft aus. Ich habe nie verstanden, warum sich Menschen Geldscheine in die Nase stecken, dieses blöde weiße Pulver vom Tisch schnüffeln und danach herumschwadronieren wie durchgedrehte Finanzbeamte.

SPIEGEL: Sie könnten es ja mit einem Joint versuchen . . .

Jones: . . . um diesen übelriechenden Rauch tief in mich hineinzupressen und dann blöd in eine Ecke zu starren. Nein, vielen Dank. Mir genügt Alkohol. Ein feines Kristallglas voll Rotwein in einer rauhen Männerhand, das, finde ich, sieht ziemlich sensationell aus.

SPIEGEL: Sie sollen in zwei Stunden auf der Bühne stehen. Macht Sie so etwas noch nervös?

Jones: Fieber, Grippe oder ein schlimmer Kater, das ist mir egal. Solange _(* Mit Redakteuren Wolfgang Höbel und ) _(Thomas Hüetlin in London. ) meine Stimme funktioniert, kann mir nichts passieren. Sie ist mein Werkzeug und eigentlich so ziemlich alles, was ich habe. Ich bin meine Stimme.

SPIEGEL: Und das seit mehr als 30 Bühnenjahren. Was denken Sie, bevor Sie vor den Vorhang treten?

Jones: Daß ich Spaß haben will, daß ich den Leuten und mir beweisen will: Hier kommt Tom Jones - die Stimme. Sie hat zum erstenmal vor 32 Jahren die Welt erschüttert, und sie ist auch noch heute so etwas wie ein Thunderball.

SPIEGEL: Klingt selbstbewußt. Aber ganz sicher wirken Sie da nicht . . .

Jones: . . . weil einer, der mit solch einer Stimme arbeitet, niemals sicher sein kann. Sehen Sie, ich habe schon alles durch: Ich habe es mit Champagner und Zigarren versucht, und ich habe es sogar mit pünktlich Schlafengehen probiert. Ergebnis: Manchmal brauche ich nach zwei Stunden Schlaf nur den Mund aufzumachen, und ich bin so gut, daß ich mir das Mikrofon sparen könnte.

SPIEGEL: Vor kurzem haben Ihre jungen Fans Sie auf dem größten englischen Underground-Festival mit einem Transparent begrüßt, auf dem stand »Tom! Fucking! Jones!« Freut Sie so etwas?

Jones: Ich dachte mir: »Fucking«, was für ein schöner zweiter Vorname. Noch dazu mit Ausrufezeichen. Das hat Kraft. Tom! Fucking! Jones! Dazu kann einer an einem schönen, klaren und sonnigen Tag sogar tanzen. Ich wollte das auf T-Shirts drucken. Aber ich habe es gelassen. Meine Mutter ist 80 Jahre alt, und sie liebt solche Scherze nicht besonders.

SPIEGEL: Was hält Ihre Mutter von diesen berühmten schwarzen Hosen, die so eng aussehen müssen, daß keine Taschen zugelassen sind?

Jones: Ich habe es über die Jahre mit weit geschnittenen, eleganten Designer-Anzügen und anderem bunten Unfug probiert. Das ist nichts für mich. Sehen Sie: Ich arbeite auf der Bühne, und ich schwitze. Und wenn ich da irgendwelche bunten Fummel trage, sehe ich nicht aus wie ein sexy Sänger. Ich sehe aus wie jemand, der in die Hose gepißt hat.

SPIEGEL: Das Alter Ihrer Zuschauerinnen reicht von 10 bis 70, und alle wollen diese engen schwarzen Hosen sehen?

Jones: Alle. Am härtesten sind die älteren Damen drauf. Die hätten mich, glaube ich, am liebsten in Tangaslips. Kaum bin ich auf der Bühne, fordern sie: Zieh die Sachen aus! Mach dein Hemd auf! Und natürlich: Runter mit der Hose! Aber diesen Gefallen werde ich ihnen nicht tun.

SPIEGEL: Sie sind eben ein Draufgänger, der sich mit Damenunterwäsche bewerfen läßt . . .

Jones: Das ist zu einem Kult geworden, aber am Anfang war das eine ziemlich sexy Angelegenheit. Ich sang 1968 im New Yorker Copacabana Club, und wie immer schwitzte ich. Die Damen reichten mir Servietten und Taschentücher nach oben, und ich tupfte mir die Stirn damit ab. Na ja, dann zog eine Dame ihren Schlüpfer aus und gab ihn mir. Ich benutzte ihn wie die Taschentücher vorher.

SPIEGEL: Es gibt jede Menge Leute, die halten Sie wegen Ihrer Donnerstimme, Ihrer Brusthaare und Ihrem Hang zu Juwelen für den Kiesgrubenbesitzer der Popmusik.

Jones: Ich kenne diese Haltung, seit ich zum erstenmal vor den Rolling Stones sang, das war 1965. Bis dahin war ich immer der Meinung: »Okay, du gehst auf eine Bühne, und du ziehst dich gut an.« Dann sah ich diese Jungs in Jeans, T-Shirts und langen, ungewaschenen Haaren, und ich wußte: Die ziehen sich extra für die Bühne schlecht an. Ich fand das ziemlich unfaßbar. Egal, ich stand also da draußen und sang, wie die Stones, Stücke von Chuck Berry und Jerry Lee Lewis nach. Aber ich muß wie ein sehr männlicher, furchterregender Kraftprotz ausgesehen haben. Jedenfalls bekamen eine Menge Mädchen Angst und fingen an zu weinen.

SPIEGEL: Sie waren erst 25 und auf einmal ein alter Mann.

Jones: Ich war 25 und hatte die nächste Generation im Nacken. Ich war ein Star, der von den fünfziger Jahren beeinflußt wurde, ich war mit Elvis und fetten Koteletten und Samtkrägen aufgewachsen, und auf einmal war Rock ''n'' Roll das Letzte. Denn am Anfang, da war er wild und bedrohlich gewesen, und dann hatte die Industrie ihn domestiziert, Elvis in die Army gesteckt und diese neuen weichen Stars in die Musikboxen gepackt: Pat Boone, Frankie Avalon und Ricky Nelson, und die Teenager haßten diese neue Erwachsenenmusik, weil sie den Trick durchschauten. Schade nur, daß sie mich gleich mit auf den Müll werfen wollten.

SPIEGEL: So haben Sie dann eben für die Hausfrauen und die anderen gesungen, denen der Zeitgeist egal war, aber die trotzdem Sex sehen wollten. Jetzt aber sind Sie mit Ihrem neuen Album »The Lead and how to Swing it« noch einmal hip geworden. Trent Reznor von Nine Inch Nails arbeitet ebenso für Sie wie Flood, ein Produzent von U2, oder Trevor Horn und The Wolfgang Press. Was finden die an Ihnen?

Jones: Sie mögen, daß ich keine Umwege gehe, daß ich hart draufhaue und im richtigen Augenblick explodiere. Aber um genau zu sein: Ich war es, der mit denen arbeiten wollte.

SPIEGEL: Weil Sie genug davon hatten, gemütlich zu Hause in Ihren Polstermöbeln herumzusitzen?

Jones: Ich sitze gern in meinem Wohnzimmer und höre Musik. Mein Sohn Mark ist 34 und bekommt von mir immer eine Liste mit neuen CDs, und denen lauschen wir dann in unseren Polstermöbeln. Immer, wenn es laut, gewaltig und vollkommen genialisch-irre klingt, sage ich: »Mark, besorg dir die Telefonnummer, der Verrückte soll mir einen Song schreiben.«

SPIEGEL: Rap, House und Elektronik - Ihr später Drang zur Modernisierung scheint vor nichts haltzumachen. Gibt es irgendeine Musik, die Sie nicht mögen?

Jones: Ich hasse alles, was apathisch klingt und was apathisch macht. Manche Grunge-Bands gehen mir auf die Nerven. Immer nur leiden. Leiden. Leiden. Am Boden liegen, leiden und nie mehr aufstehen wollen. Was soll das? Das ist doch eine trübsinnige Angelegenheit.

SPIEGEL: Was stört Sie daran?

Jones: Es geht um nichts. Es geht nicht einmal um die traurigen Dinge des Lebens wie bei Hank Williams, Jerry Lee Lewis oder Elvis. Es geht nur darum zu greinen, schlapp zu sein und gar nichts dafür tun zu wollen, daß es wieder besser wird.

SPIEGEL: Hätte Elvis schlappe Bands gemocht?

Jones: Sind Sie wahnsinnig? Elvis war schließlich einer meiner besten Freunde. Wir waren uns immer einig. Es ging uns um das große Gefühl. Trauer oder Freude. Liebe oder Haß. Immer roter Bereich. Nimm es, streng dich an, laß dir nichts anmerken und trag den Song nach Hause.

SPIEGEL: Wann bemerkten Sie und Elvis Ihre Seelenverwandtschaft?

Jones: Ich war zum erstenmal in Hollywood auf einem Filmset, und er saß in irgendeinem Helikopter. Auf einmal steigt er aus und läuft auf mich zu. Dabei singt er laut »With these Hands«, was damals gerade mein Hit war. Ich fing an zu zittern. Dann gab er mir einen Klaps und fragte: »Sag mir, wie du so singen kannst? Und sag mir, warum du so weiß dabei bist? Ich dachte bis jetzt immer, solche Stimmen haben nur Schwarze.« Und als ich ihm dann sagte, daß ich aus Wales stamme, bestand er darauf, daß dies mindestens das Memphis von Europa sein müsse.

SPIEGEL: Warum haben Sie dann nie zusammen eine Platte aufgenommen?

Jones: Der Colonel, sein Manager, wollte das nicht. Er dachte, Elvis ist sein Privateigentum, und er hatte etwas dagegen, es zu teilen. Aber in Hotelzimmern und bei ihm zu Hause in Graceland, da haben wir nächtelang zusammen gesungen. Wir hörten Radio, und wenn uns etwas gefiel, haben wir es nachgesungen. Wir liebten das Singen. Wir waren besessen davon. Ich weiß noch, als wir zum erstenmal Roberta Flacks »Killing me Softly with his Song« hörten. Elvis und ich haben es die ganze Nacht gesungen. Ab und zu kam der Colonel und sah nach, ob nicht irgendwo Aufnahmegeräte versteckt wären. Dann wurde es hell, und ich wollte gehen, weil ich am nächsten Abend eine Show hatte. Aber Elvis sagte: »Let''s sing it one more time.« Und dann haben wir es an diesem Morgen noch dreimal gesungen.

SPIEGEL: Hat es Sie nie gestört, der Interpret von Songs zu sein, die andere geschrieben haben?

Jones: Meine Stärke ist das Singen, nicht das Schreiben. Ich habe mich am Anfang hingesetzt und geschrieben. Und das, was herauskam, war ganz okay, aber nichts Besonderes, nicht gut genug für mich. Ich meine, ich wache nicht nachts auf und habe einen Song im Kopf. Ich höre Radio. Und dann kommt manchmal etwas, wo ich weiß: Guter Song, ich sollte mich ein wenig anstrengen und ihn zu einem Tom-Jones-Song machen.

SPIEGEL: Es gibt Popkritiker, die sagen, um einen Song wirklich gut interpretieren zu können, _(* Dusty Springfield, Beatles McCartney, ) _(Starr (1966). ) muß man ihn auch geschrieben haben. Leiden Sie darunter?

Jones: Nein, weil der Ansatz nicht stimmt. Jemand, der Songs schreiben kann, der ist noch lange kein wirklich guter Sänger.

SPIEGEL: John Lennon, kein guter Sänger?

Jones: Eine starke Stimme und der Sprecher seiner Generation.

SPIEGEL: Mick Jagger, kein guter Sänger?

Jones: Ein Sexsymbol. Und ein Sprecher für die Leute, die mit den Beatles nichts anfangen konnten.

SPIEGEL: Prince, kein guter Sänger?

Jones: Hören Sie auf. Haha. Prince ist, ganz klar, ein großer Komponist, Instrumentalist, Tänzer und Popstar. Aber ein guter Sänger? Das glaubte doch nicht mal Miles Davis, und der war einer seiner größten Fans.

SPIEGEL: Warum hatten die Beatles dann solchen Erfolg?

Jones: Sicher nicht wegen ihrer Stimmen. Elvis war immer der Meinung, daß sie viel besser aufgehoben gewesen wären als unsere Back-up-Band.

SPIEGEL: Die Beatles waren längst weltberühmt, als Sie noch in den Pubs von Treforest sangen.

Jones: Ich habe mein ganzes Leben gesungen. Auf Hochzeiten, in Pubs und im Fußballstadion. Ich wäre auch ein glücklicher Bergmann geworden, der zu Hause unter der Dusche singt. Mit zwölf hatte ich Tuberkulose, ich lag zwei Jahre im Bett, und als ich wieder gesund war, stand fest: Mit dem Bergmann wird das nichts mehr. Also durfte ich es mit dem Singen versuchen. Und daß es da draußen eine Band namens Beatles gab, hat mich nicht gestört. Irgendwann hat dann auch Paul McCartney Songs für mich geschrieben.

SPIEGEL: Dann haben Sie Ihre Karriere vor Männern begonnen. In walisischen Pubs sind Frauen an der Bar nicht zugelassen.

Jones: Aber in den Tanzsaal durften sie rein. Nur sonntags war »Men only«-Tag - da waren weit und breit nur Männer. Und das hat mir richtig gut gefallen.

SPIEGEL: Wie bitte?

Jones: Es geht rauh zu in so einer Bar, wenn die Männer unter sich sind. Da streitet man sich, man flucht laut und behauptet Blödsinn, an den man sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern kann. Das ist stets eine ruppige und noch öfter eine ziemlich peinliche Angelegenheit. Das kann man Frauen nicht antun. Davor muß man sie beschützen. Das geht mir bis heute so: Ich respektiere Frauen mehr als Männer. Ich bin kein Tier. Ich würde niemals fluchen vor einer Frau.

SPIEGEL: Mittlerweile leben Sie längst in Beverly Hills - weit weg von den Kohlegruben und ihren strengen Barbestimmungen. Wie kommen Sie dort zurecht?

Jones: Ich kam dort als Flüchtling an. 1974 kam Labour an die Macht, und die Steuern betrugen 98 Prozent. Ich habe das Haus von Dean Martin gekauft, der damals jeden Cent wegen einer Scheidung brauchte.

Er gab es mir für eine Million Dollar, heute ist es zehn Millionen wert. Es ist ein sehr gemütliches Haus im englischen Tudor-Stil, gebaut aus roten Ziegeln. Wir haben dort englische Saucen und Yorkshire Pudding, und wenn es draußen heiß ist und die Air-condition voll arbeitet, machen wir sehr gern schon mittags den Kamin an.

SPIEGEL: Ziemlich mutige Investition in den siebziger Jahren, als Ihre Karriere in den Keller ging.

Jones: Ich hatte nicht direkt das, was man ein Karrieretief nennt, ich bekam nur keine einzige Platte mehr in die Charts. Und alles, was den Plattenfirmen einfiel, war, mich zu einem Country-and-Western-Star zu machen. Ich wollte Disco spielen - keine Chance. »Du hast hier einen Vertrag über sechs Platten, und wir wollen, daß die sich wie ein John-Ford-Western anhören.«

SPIEGEL: Und Sie bekamen zum erstenmal jenen Alptraum, der davon handelt, daß Sie in einem Keller eingesperrt sind und nicht mehr herauskönnen?

Jones: Na ja, so schlimm war das nicht. Ich hatte ja immer noch Las Vegas. Keine Platte in der Hitparade, aber in Las Vegas immer noch ganz gut. Ich machte mir also keine wirklichen Sorgen, fuhr ab und zu nach Las Vegas und kaufte mir jedes neue Rolls-Royce-Modell, das auf den Markt kam. Kein Rolls-Royce mehr und Las Vegas halb leer - erst dann wäre ich ein wenig unruhig geworden.

SPIEGEL: Sie sind jetzt 54 Jahre alt, wie alt fühlen Sie sich?

Jones: So Anfang 30. Ein guter Song und eine tolle Frau sind immer noch das einzige, was mich umhauen kann.

SPIEGEL: Auch Autos haben es Ihnen angetan. Sie besitzen drei Range Rover, einen Mercedes und einen Rolls-Royce.

Jones: Ich brauche das. Schon als kleines Kind in unserem Dorf war ich süchtig nach dieser Rolls-Royce-Form.

SPIEGEL: Wie viele Bergarbeiter sind Rolls-Royce gefahren in Treforest?

Jones: Sie bestiegen ihn in einem Sarg auf ihrem letzten Weg. Verdammt noch mal, Junge, dachte ich, du solltest so ein Auto fahren, bevor du tot bist.

SPIEGEL: Mr. Jones, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

* Mit Redakteuren Wolfgang Höbel und Thomas Hüetlin in London.* Dusty Springfield, Beatles McCartney, Starr (1966).

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