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FILM Sadismus in Cayenne

»Papillon«. Spielfilm von Franklin J. Schaffner. USA 1973, Farbe, 150 Minuten.
aus DER SPIEGEL 1/1974

Das ist einer der Filme, die ihre Buch-Vorlagen ausweiden, statt sie umzusetzen: »Papillon«, nach Henri Charriéres ungestümer, haßerfüllter, dann wieder zärtlicher und optimistisch geschriebener Autobiographie einer 13jährigen Flucht aus der französischen Gefangenen-Hölle von Guayana gedreht, verwandelt das »Bagno« von Cayenne in eine Szenenreihung sadistischer Mord-, Folter- und Hunger-Orgien. Der Schmetterling, der seinen Spitznamen einer Brust-Tätowierung verdankt, wird in Dunkelhaft immer mehr vom Alter eingemehlt, ehe ihm die endgültige Flucht von der Teufelsinsel auf einem Kokosnußsack gelingt. Wurde bei Charrière auch das soziale System der Untergrund-Welt von Häftlingen farbig beschrieben, so stutzt Schaffner das Film-Plot auf eine billig kontrastierende Zweimännergeschichte mit Ausflügen in eine Ferienwelt à la Club Méditerranée zurecht. Aus Papillons siebenmonatigem Aufenthalt bei den Goajira-Indianern, deren Mädchen bei Charrière neben schönen Brüsten vom Perlen-Fischen schwielige Hände haben, wird eine kurze Strandromanze -- wie für den »Playboy« photographiert. Und die zwei Männer gehorchen dem Kino-Prinzip, daß jeder Don Quijote seinen Sancho Pansa braucht. Der eine, Papillon (Steve McQueen), von Fluchtideen besessen, der andere (Dustin Hoffman), Mischung aus Kompanie-Trottel und Abitur-Rekruten beim Latrinen-Reinigen, der sich einzurichten versucht: am Schluß sind beide alt und fertiggemacht, eine Tatsache, aus der beide Stars reichlich Gelegenheit schöpfen, tapernde Greise gruselig und komisch zu chargieren.

Hellmuth Karasek

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