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THEATER »Sächsisch ist wie Gesang«

Der russische Autor Wladimir Kaminer über sein Stück »Marina«
Von Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 2/2003

Kaminer, 35, ein gelernter Tontechniker, kam 1990 aus Moskau mit einem Besuchervisum nach Berlin. Seit 1998 schreibt er seine skurrilen Zeitungskolumnen, Romane und Erzählungen ("Russendisko«,"Militärmusik") in deutscher Sprache. Am 10. Januar wird Kaminers Stück »Marina. Wiedersehen in der Russendisko« im Jungen Theater Göttingen uraufgeführt. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Kaminer, mit Ihren Erzählbüchern sind Sie der bekannteste lebende russische Schriftsteller geworden, der auf Deutsch schreibt. Wollen Sie nun auch noch ein berühmter Dramatiker werden?

Kaminer: Nein, eigentlich nicht. Die Geschichte dieses Paares Marina und Alik, das wie ich vor zwölf Jahren nach Deutschland kam, um ein neues Leben anzufangen, sollte eigentlich ein Drehbuch werden. Dann habe ich gemerkt, dass man in einen Film keine realistischen Geschichten hineinstecken darf. Ein Film braucht eine märchenhafte Handlung.

SPIEGEL: Sie übertreiben.

Kaminer: Nein, im Film ist ja alles anders als im Leben. Im Film müssen junge Menschen auf Schatzsuche gehen oder vor einem Killer fliehen, etwas in dieser Art. Aber dass zwei Leute einfach von Moskau nach Berlin fahren, um ein anderes Leben zu führen, das glaubt einem im Film ja keiner.

SPIEGEL: Aber auf dem Theater soll das überzeugend wirken?

Kaminer: Ja, sicher. Die Episoden, aus denen mein Stück besteht, sind Verhaltensforschung en miniature. Sie handeln von dem Schwanken zwischen Hoffnung und Enttäuschung, wie es nicht nur die Russen in Berlin erleben, sondern auch die Menschen in Ostdeutschland. Es geht um eine Welt, die sich schnell verändert. Und diese kleinen Geschichten kann man komischerweise am besten auf dem Theater rea-

lisieren. Dabei wollte ich mit dem Theater nur so wenig wie möglich zu tun haben.

SPIEGEL: Sie haben in Moskau schon als Tontechniker an einer Bühne gearbeitet.

Kaminer: Eben, ich weiß, wie es da zugeht. Theater ist eine kollektive Leistung. Als Autor bin ich für meine Arbeit allein verantwortlich. Ein schlechtes Stück Prosa kann ich wegschmeißen, auf ein gutes bin ich stolz. Beim Theater kann man gar nicht vorhersehen, wie die Arbeit wird. Ich habe mein Stück, mit dem ich zufrieden bin, abgegeben. Was daraus in Göttingen nun wird, kann ich nicht einmal als Autor vorhersagen.

SPIEGEL: Wird es ein zweites Stück geben?

Kaminer: Jetzt arbeite ich erst mal an meinem neuen Prosaprojekt, einem deutschen »Dschungelbuch«. Das sind Erlebnisse und Beobachtungen, die ich auf meinen Reisen durch die deutsche Provinz gemacht habe.

SPIEGEL: Haben Sie da auch viele depressive Deutsche getroffen? Angeblich gibt es wegen der wirtschaftlichen Flaute immer mehr davon.

Kaminer: Was diese so genannte Depression der Deutschen anlangt, so wird sie, glaube ich, von Journalisten heraufbeschworen. Es liegt wohl mit daran, dass dieser Berufsstand zum ersten Mal seit Jahren auch von Entlassungen betroffen ist. Mir scheint, es gibt mittlerweile mehr Journalisten ohne Job als arbeitslose Automechaniker. Aber das interessiert mich in meinem »Dschungelbuch« nicht. Ich möchte darin lieber beschreiben, wie unterschiedlich die deutschen Kleinstädte sind und dass sich alle 20 Kilometer eine neue Welt auftut.

SPIEGEL: Ist das in Russland anders?

Kaminer: Aber ja. In Russland sind die ländlichen Gebiete viel gleichförmiger - und größer natürlich. Außerdem gibt es einen enormen Unterschied zwischen dem Leben auf dem Land und dem in den Metropolen. In Deutschland sehe ich nicht ein solches Gefälle, da hat ja jede Gegend den Anspruch, das wahre Deutschland zu sein.

SPIEGEL: Und wie kommen Sie inzwischen mit der Sprache zurecht?

Kaminer: Die Sprache ist ein Kommunikationsmittel wie eine Gitarre. Der eine spielt toll auf ihr mit zehn Fingern, der andere macht mit nur zweien auf seine Weise auch sehr schöne Musik. Doch so viele unterschiedliche Blumen, wie sie in der deutschen Sprache blühen, gibt es woanders nicht. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um mich an diese verschiedenen Dialekte zu gewöhnen. Neulich war ich in Bayern, da habe ich kein Wort mehr verstanden.

SPIEGEL: Welcher Zungenschlag ist Ihnen der liebste?

Kaminer: Ich finde, wie viele meiner russischen Kollegen, Sächsisch besonders lustig. Wenn ich das höre und die Augen schließe, denke ich: Mensch, du bist im Wald, die Vögel zwitschern. Sächsisch ist wie Gesang für mich.

SPIEGEL: Sie haben innerhalb erstaunlich kurzer Zeit Deutsch gelernt. War das eine Kopf- oder eine Herzensentscheidung?

Kaminer: Das kam vom Kopf. Ich wollte, dass meine Geschichten gelesen werden. Ich will mit meinen Lesern in einen Dialog kommen. Die sollen mir erzählen können, was ihnen passiert ist. Ich will mich so klar wie möglich ausdrücken.

SPIEGEL: Ist die deutsche Sprache dazu geeigneter als die russische?

Kaminer: Es gibt keine klare Sprache. Es gibt nur den richtigen Umgang mit einer Sprache. Ich versuche so zu schreiben, dass jeder Satz die Geschichte weiterbringt. Jeder Satz muss so wichtig sein, dass man ihn nicht wegstreichen kann.

INTERVIEW: JOACHIM KRONSBEIN

* Mit Thomas Kornmann, Daniel Mezger, Stephanie Kühn bei derProbe in Göttingen.

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