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Sächsisches Herz

Der New Yorker Bankier Henry H. Arnhold ist ein ungewöhnlicher Wohltäter. Er wurde in Dresden geboren und von den Nazis verfolgt. Dennoch hat er für die Frauenkirche gespendet.
aus DER SPIEGEL 43/2005

Vor den Fenstern des weitläufigen New Yorker Penthouses breiten sich Manhattans Wolkenkratzer als zerklüftete Landschaft aus. Henry H. Arnhold ist stolz auf den Ausblick aus seiner Wohnung. Er ist es in einem weichen, flüssigen Deutsch, dem man nicht anhört, dass er schon seit über 60 Jahren in Amerika lebt.

Der jüdische Investmentbanker Arnhold, 84, stammt aus Dresden, er gehört zu den Mäzenen, mit deren Hilfe diese Stadt viel von ihrer alten Schönheit zurückgewinnen durfte.

Er hat die ersten 15 Jahre seines Lebens in Dresden verbracht, und er hat heute noch jede Menge Dresden um sich.

Da hängt, gegenüber der Sitzgruppe, ein kraftvolles Stadtporträt des Expressionisten Oskar Kokoschka. In Vitrinen und auf den Tischen glänzt Meißner Porzellan der ersten, spätbarocken Generation, Figuren, Vasen, Dosen, Teller.

Vor kurzem hat er einen originalen Entwurf für den Dresdner Zwinger - diese pompöse Festarchitektur von August dem Starken - als Tapete vergrößern lassen und mit der Barockkulisse nun hier, hoch über dem Hudson-River, eine ganze Wand dekoriert. »Das ist toll, oder?«

Arnhold ist ein Mann der Gegenwart, mit Freunden wie dem Schauspielerstar Harrison Ford setzt er sich etwa für Umweltschutz ein. Ebenso hat er eine enge Verbindung zur Vergangenheit: Seiner Familie gehörte mit Gebr. Arnhold & S. Bleichröder eine der größten Privatbanken der Weimarer Republik. Das Stammhaus war in Dresden ansässig, Henry H. Arnhold kam dort 1921 als Heinrich-Hartmut Arnhold zur Welt - er wurde in eine Familie von bekennenden Juden, überzeugten Deutschen, begeisterten Dresdnern und fortschrittlichen Philanthropen hineingeboren.

Einer der Arnholds schenkte den Preußen die Akademie Villa Massimo in Rom, ein Atelierdorf für deutsche Künstler, das es noch heute gibt. Ein anderer Arnhold richtete 1908 in Dresden eine soziale Stiftung ein; Geld floss nur an solche Vereine, die keinen Unterschied bei »Geschlecht, Religion und Nationalität« machten. Kunst, Wissenschaft, Friedensbewegung, Esperanto-Bund - es gab kaum etwas, was nicht gefördert wurde. Im Winter veranstalteten Arnholds Eltern Vortragsabende. »Andere gaben Bälle, zu uns kam die Dresdner Boheme zum Diskutieren.« Der Maler Wassily Kandinsky dozierte über moderne Kunst.

Dann durfte der Teenager Arnhold plötzlich nicht mehr das von seinem Großvater gestiftete öffentliche Georg-Arnhold-Bad betreten. Sein Vater Heinrich starb 1935 mit erst 50 Jahren an einem Schlaganfall. »Ihn hatten die Qualen der Verfolgung zerbrochen«, sagt der Sohn.

Henry, damals noch Heinrich-Hartmut, fand sich in einem Internat in der Schweiz wieder. Ein paar Jahre später besuchte er einen Freund in Norwegen. Der Krieg brach aus, er kam nicht mehr aus dem Land. Es folgten Verhaftungen, Internierungen, die Flucht über Schweden und Kuba in die USA, wo er 1942 ankam. Seine Mutter und andere Mitglieder der Familie waren bereits dort. Nicht alle Verwandten überlebten.

Göring hatte die »Angelegenheit Arnhold« zu seiner Sache gemacht, nach der »Reichsfluchtsteuer« und der »Judenvermögensabgabe« gegiert. Die Familie kam für die Abfindungen und die »Auswanderungsfinanzierung« der jüdischen Mitarbeiter auf.

Als US-Soldat überprüfte Arnhold die Gesinnung deutscher Gefangener. Er sah seine ehemaligen Landsleute ohne Hass: »Ich habe nie an eine Kollektivschuld geglaubt.«

Nach dem Krieg machte er Karriere als Banker - in einem Haus, das sein Onkel in New York etabliert hatte. 1974 besuchte er Dresden. In diesem Jahr war die Urne der verstorbenen Mutter dorthin überführt worden. Bald nach der Wende kehrte er zurück, aus Neugier und weil sich eine Restitution anbahnte. Mit dem Geld wollte die Familie das Georg-Arnhold-Bad sanieren. Der Bürgermeister bat auch um Hilfe für die neue Frauenkirche. »Diese Kirche gehört zum Stadtbild, da konnten wir nicht anders. Sie ist von Alliierten zerstört worden, zwei von uns gehörten zu alliierten Armeen, ich in Amerika, mein Cousin in England.« Man beteiligte sich mit einer Million Mark, das Freibad-Projekt verschlang wesentlich mehr.

Später engagierten sie sich beim Neubau der Synagoge. Darüber hinaus regte Arnhold einen Austausch zwischen der Dresdner Technischen Universität und der New Yorker New School an, richtete ein Stipendium für Studenten der Dresdner Palucca-Schule ein: Die legendäre Ausdruckstänzerin Gret Palucca war eine Freundin der Familie gewesen.

Seinen Altruismus begründet Arnhold mit den Grundsätzen der Ahnen. Vielleicht falle ihm das leicht, »weil ich viel Glück hatte, ich musste auch die Kristallnacht nicht miterleben«.

Beim jüngsten Familientreffen kam man erstmals in Deutschland zusammen, in Brandenburg. Wer wollte, konnte einen Abstecher nach Dresden anhängen. Arnhold war erstaunt, »welche Bedeutung es für die jüngste Generation hatte, die Grabstellen der Urgroßeltern zu sehen«.

Er selbst kam häufiger in den vergangenen Jahren. Natürlich hat er beobachtet, wie die neue Frauenkirche in die Höhe wuchs. Den Bau hält er für eine großartige Leistung. Ob er tatsächlich ein Symbol der Versöhnung werden könne? Darauf antwortet er in englischer Sprache.

»Let's hope.« ULRIKE KNÖFEL

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