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Safaris in die Seele

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über den argentinischen Regisseur Augusto Fernandes
Von Fritz Rumler
aus DER SPIEGEL 14/1981

Ein Atlantis ruht in jedem Erdenbürger, ein versunkener Kontinent aus Erinnerungen, Verletzungen, Bildern, Düften, Tönen, Kinderglück und Mondscheinglanz, ein Konservenlager.

»Phantasie«, sagt der Theatermensch Augusto Fernandes, 44, »ist verwahrte Erfahrung.« Als Einjähriger war er zum ersten Male übers weite Meer gefahren; seine Eltern, arme portugiesische Bauersleute, Vater Kommunist, emigrierten 1938 nach Argentinien.

»Verschwommene Bilder, mit Freude verbunden«, hat Fernandes von der Reise in Erinnerung: das Meer, das Schiff, Bilder »von Schuhen und Hosen«, er war ja ein Krabbelknirps, von »nassem Boden«.

Aus der Jugend bewahrt er ein »Trauma« auf. Mit fünf Jahren hatte ihn die Mutter schon auf eine Theaterschule geschickt, das führte zu einer »schizophrenen Kindheit« und zu »ernsten Problemen in der Pubertät": »Ich war drei verschiedene Menschen.«

Zu Hause ein empfindsames Unterschicht-Kind, in dem »wilden Viertel, in dem er wohnt, »ein Wilder«, in der Theaterschule ein »Feiner aus einer besseren Familie«. Als er mit 14 aus dieser Schule entlassen wurde, bekam er auf der Straße einen Schreikrampf: »Das war wie Exil.«

Der Regisseur und Bühnenbildner, Theater-Didakt und Gruppen-Experimentator Augusto Fernandes ist ein enigmatischer, auf eine Aura von Distanz bedachter Mensch. Er lebt und arbeitet seit knapp zehn Jahren in Deutschland, seit einer Saison in Hamburg, er spricht vorzüglich Deutsch, doch ein Dolmetsch folgt ihm wie ein Schatten.

In der arroganten deutschen Kunst-Szenerie hat er sich mit oft betörenden Inszenierungen durchgesetzt. Mit Calderon, Lorca, bilderfülligen Bühnen-Zaubereien, heroischen Farcen, poetisch-witzigen Seh-Reisen -- Segeltücher wogen häufig -- in die Phantasie.

Das ist der eine Fernandes, der andere unternimmt Safaris in die Seele. Ohne vorgegebenes Stück, mit verschworenen Gruppen taucht er nach dem Kontinent der Erinnerungen, formt aus den Psycho-Funden seiner Tiefseefischer Theaterabende; »Atlantis« hieß so eine Produktion.

Damit ist er in den Ruch eines Gruppen-Gurus gekommen und seine Adepten in den einer behüteten Werkstatt für Selbstverwirklicher. Hannelore Hoger, die stärkste Fernandes-Protagonistin, springt im Quadrat, wenn sie solche Reden hört.

In der jüngsten Gruppen-Kreation, »Camouflage« genannt, fünf komische Menschen im Hotel, tritt sie als eine Art Huhn auf, erleichtert sich auf dem Pißpott, erleidet Angstzustände, mampft zum Einschlafen an einem rohen Fisch, am Morgen ist im Kacktopf Gold; Freud, schöner Götterfunken.

»Wir wollten herausfinden«, sagt Hannelore Hoger, »wie psychische Mechanismen ablaufen.« Ein gutes halbes Jahr lang übte sich das Team in den Exerzitien des Meisters, Entspannen, Versenken, Improvisation, Besuch im Zoo; mählich wuchs das Werk.

Mit den modischen Selbsterfahrungsgruppen, sagt die Hoger, habe ihre Arbeit überhaupt nichts zu tun: »Theater ist älter als Psychoanalyse.« Das Instrument des Schauspielers ist er selbst, das muß er kennen und beherrschen; Psychomechanik gehört zum Handwerk.

Muß er auch spüren, was er spielt, der Schauspieler? Stanislawski, der Regie-Pionier, hat dafür das klassische System entwickelt; ein trainiertes »Sinnesgedächtnis« kann blitzschnell Emotionen aus dem Fundus abrufen. Lee Strasberg, der Hollywood-Trainer, steht in Stanislawskis Schuhen und verabfolgt hilfreiche Tricks:

Um die Phantasie zur Formung einer Figur zu beflügeln, empfiehlt er, an ein Tier zu denken. Marlon Brando hatte als »Pate« einen Affen im Sinn; die »Camouflage«-Crew ging in den Zoo.

Fernandes kniet, sozusagen, auf den Schultern Stanislawskis und Strasbergs. Und ein berühmtes Beispiel für die Macht des Sinnesgedächtnisses las er bei Proust; der Autor, »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, findet beim Aroma von Madeleine-Gebäck seine Kindheit wieder.

Der Proust war für den argentinischen Sensibilissimus ein »sehr wichtiges Buch«, fürs Leben wie für die Theaterarbeit. Einem Ethnographen gleich fasziniert ihn der dunkle Erdteil Atlantis, ein Hang zu sprirituellen Geheimwissenschaften, Gnosis, Astrolologie, Ägyptisches, ist auch da, »zu allem, was es wieder zu entdecken gilt«.

Castaneda würde an Fernandes seine Freude haben, Fernandes hat sie an S.264 Castaneda. An dem Ethno-Poeten und an seinen Indianer-Weisheiten schätzt er vor allem eine Einsicht: Vorgeprägt durch Sprache und Erziehung, sehen wir die Welt und die Menschen durch ein starres Raster; andere Kulturkreise sehen die Welt ganz anders.

Was fürs Leben gut ist, taugt, wie auch anders bei Fernandes, für die Bühne. Seine Adepten lehrt er, Menschen ohne Bewerten und Projizieren zu beobachten und so zum »Ontologischen« vorzustoßen. Den freien Blick, freilich, sagt Hannelore Hoger, habe bisher »nur er«, Fernandes.

Über das Fremde das Eigene kennenlernen, geht das Motto der neuen, mit der Psychologie vermanschten Ethnologie. Perikles, Fürst von Tyrus, schaudert vor seiner Braut zurück, die mit ihrem Vater im Inzest lebt; das Trauma treibt ihn um die halbe alte Welt, am Ende verliebt er sich in die eigene Tochter.

Fernandes inszeniert Shakespeares Alterswerk »Perikles« derzeit am Hamburger Schauspielhaus, am Freitag dieser Woche soll Premiere sein. Segeltücher wogen, Stürme brausen, Schiffskatastrophen dräuen, antikisch-orientalische Pracht entfaltet sich.

Die »Melodie« des Stücks, Trauma als Schicksal, die »Reise als Metapher«, das Lebens-Rätsel, »das wir alle für uns entdecken müssen": Ein »tolles Stück«, sagt Fernandes. Der »Perikles«-Übersetzer Erich Fried, der die Proben begleitet, spricht gar von einer »Mythologisierung der eigenen Biographie«; auch der Barde hatte Töchter.

Nach der Perikles-Reise wird Fernandes selbst die Segel setzen. Mit Weib und Kind kehrt er dahin zurück, wo er seine »Wurzeln« hat, nach Argentinien.

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