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THEATER Sag dem König leise Servus

Claus Peymann, seit elf Jahren Herrscher im Wiener Burgtheater, gelang mit Peter Handkes jüngstem »Königsdrama« ein Triumph naiven Kinderglücks - doch trotz des Premierenjubels droht dem Burgtheater-Direktor die Ablösung. Von Wolfgang Höbel
aus DER SPIEGEL 8/1997

Kann sein, daß die Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eines Tages die ganze Welt in ein kuscheliges Friedensidyll verwandeln - die Kunst giert trotzdem immerzu nach Kriegern, Eroberern und Titanen.

Keiner unter den Theaterkünstlern hat das so gründlich begriffen wie Claus Peymann. Vor bald elf Jahren hat er das Wiener Burgtheater erstürmt, und dabei half ihm nicht das per Direktionsvertrag verbriefte Herrscherrecht, sondern vor allem sein »Richard III.«-Darsteller Gert Voss, der glorreiche Heerführer seiner Schauspielerrotte.

Seither verteidigt Peymann sein Reich gegen kleinliche Mäkler und zähnefletschende Volkstribunen, und mit den Jahren fand er viel Spaß an seiner schönsten Rolle: Ich, Claus, Theaterkönig von Wien.

Nun hat sich Peymann von seinem Dichterfreund Peter Handke ein Theaterstück mit dem Titel »Zurüstungen für die Unsterblichkeit« schreiben lassen, das ganz nebenbei als »Ein Königsdrama« ausgewiesen ist. Das Stück spielt in einer »Enklave«, die am Premierenabend am Samstag vorletzter Woche unschwer als Bühne des Burgtheaters zu identifizieren war. Es handelt vom Kampf gegen Neid, Mißgunst und gierige Okkupanten - und von der Sehnsucht nach einem guten König, der die Welt heil macht.

Das klingt nicht bloß wie ein Märchen, es sieht auch so aus. Die Bühne ist eine Scheibe, vorn an der Rampe ragt ein Grenzbalken in die Luft; und dahinter hat der Bühnenbildner Achim Freyer diverse Zaubersachen aufgebaut: Hier eine Leiter, da ein Säulenstumpf. Ein zertrümmerter Triumphbogen und eine Art Mühlrad ragen aus dem schwarzen Torf, der die Bühne bedeckt. Und ganz rechts gammelt ein verrußtes Papierschiffchen vor sich hin.

Ein Märchenkönigreich vor drohend aufragenden Bergen, in dem sich wahrhaft Märchenhaftes ereignet. Zwei ulkig kostümierte Bauernschwestern verkünden, daß sie zwei höchst unterschiedliche Söhne geboren haben, und schon kriegen wir die wunderlichen Gesellen zu Gesicht: Der eine ist Gert Voss, der stolze Recke - aber diesmal ist er ein drolliger Kerl in Sepplhose und mit Baskenmütze. Und zur Seite steht ihm der große Clown Johann Adam Oest, der eine Panzerglasbrille im Gesicht trägt und ein schiefes Lächeln: Dick und Doof oder Becketts Hamm und Clov sind ihre Brüder.

Von der grandiosen Putzigkeit dieses ersten Auftritts erholt sich die Dreieinhalb-Stunden-Aufführung nicht mehr. Zwar werden die kindlichen Traumtänzer bald erwachsen; zwar läßt Handke fast jede seiner Figuren von den ganz großen Dingen wie Frieden, Erlösung und finalem Durchblick schwärmen - aber ernst nehmen muß man hier von all dem nichts.

Auf dem Papier sind die »Zurüstungen für die Unsterblichkeit« ein wahres Monsterstück. Ein »neues Gesetz« wird da herbeigewünscht, und zwar ein »Gesetz aus Begehren und Besonnenheit«, ein Ende der Knechtschaft und ein »Recht auf die Ferne, täglich«. Nicht nur auf Platons Entwurf des idealen Staats, das Gilgamesch-Epos oder das alte Ägypten spielt Handke an, sondern auch auf ungleich Aktuelleres wie den Krieg im ehemaligen Jugoslawien.

Handke treibt ein priesterlicher Ernst, Peymann der pure Ministrantenschalk: Die bösen »Raumverdränger«, die sich der Dichter ausdachte, verwandeln sich durch die gütige Hand des Regisseurs in einen Haufen lachhaft unbeholfener, kahlköpfiger Dickwanste.

Handke hat ein Monumentaldrama geschrieben, das allenfalls mit dem »Rad der Geschichte« zu vergleichen ist, von dem einst Thomas Bernhards berühmter »Theatermacher« träumte. Peymann aber erkundet Handkes Riesenstück auf dem Dreirad der Geschichte.

Das Wortgeklaube und die Sinnhuberei des Autors Handke spielen die sehr zauberelfenmäßige »Erzählerin« Anne Bennent und ihre Burgtheater-Gefährten einfach als Schelmenkomödie - und vielleicht haben sie ja recht damit. Denn Handkes neue Weltordnung ist esoterischer Kitsch: Den »Riß« durch die Welt will er kitten und den, der durch jeden einzelnen geht. Die Menschen sollen der Entzweiung abschwören und »der Sorge« - und dann? Vermutlich werden sie selig Tautropfen von Grashalmen pflücken und Handkes Glück des »An- und Hinschauens« feiern.

Ein Königs- und Kaiserschmarrn also. Insofern ist es nur gerecht, daß der Burgtheater-Chef bei der Premiere mit seinem entschlossen kindsköpfigen Zaubertheater triumphierte. Am Ende, als es ans Verbeugen ging, küßte der Dichter Handke den Regisseur gar auf die Wange, und das Publikum jubelte fast viertelstundenlang.

Ob's dem Theaterdirektor hilft? Die Wiener Zeitungen berichten seit Wochen von der angeblich so gut wie beschlossenen Ablösung Peymanns: Der Deutsche habe kaum Chancen, daß sein Vertrag, der derzeit bis 1999 läuft, zum vorgesehenen Termin im Sommer vom neuen österreichischen Bundeskanzler Viktor Klima verlängert werde. Klima hat den mit Peymann befreundeten bisherigen Kunstminister Rudolf Scholten ziehen lassen und die Kulturgeschäfte zur »Chefsache« (Klima) erklärt.

Noch verweigert der neue Kanzler jede Aussage zu Peymanns Zukunft. Besonders freundlich klingt es allerdings nicht, wenn er dem Wiener FALTER patzig sagt, Peymann sei »kein gutes Beispiel« für sein Kulturverständnis, das sich nicht »auf ein Verhältnis zu einer Person reduzieren« lasse.

»Aber ist der König für hier denn eine Lösung?« fragt sich »das Volk« einmal in Handkes Stück. Die Antwort lautet: »Für den Kopf eines Kindes, ja« - in der Wirklichkeit aber sei für ihn kein Platz. Es scheint, als kollidiere nun auch die Wiener Regentschaft des Königs Peymann mit der majestätenfeindlichen Realität.

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