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»Sag doch einfach ja zum Ja!«

aus DER SPIEGEL 49/1992

Er hebt die Kaffeetasse mit einer Mischung aus Bedächtigkeit und Entschlossenheit. Die kleinen Augen suchen die Tiefe des Raumes. Seine Lippen schlürfen das heiße Getränk, und es ist, als wolle der Trinkende mit seinem Körper ausdrücken, was er sonst nicht herausbringt: »Ich bin Harald Schmidt, der Entertainer, der seine Verletzlichkeit hinter Scherzen versteckt, der nicht weiß, wer er ist . . .«

Die Szene - alles kalter Kaffee. Da sitzt im Kölner Cafe Reichard zwar wirklich Harald Schmidt, aber was spricht ein Körper? Die Sätze aus dem psychologischen Klischee-Baukasten hat sich der Kabarettist gerade ausgedacht. Vielleicht wird daraus irgendwann ein Sketch über eine der idiotischsten Formen journalistischer Prominentenbeschreibung, das Porträt, das aus irgendwelchen Zufallsbeobachtungen zwischen Hauptgang und Nachspeise die Gesamtpersönlichkeit eines Menschen ergründen möchte.

Nein, mit jenem Recherchen-Impressionismus, der die Tiefen der Seele sucht, weil er die Untiefen der Medienwirkung nicht beschreiben kann, ist Harald Schmidt nicht beizukommen. Der Mann - gnadenlos oberflächlich - spiegelt solche Beschreibungsversuche als Persiflagen zurück. Der Brillenträger, der wie ein Sparkassenangestellter aussieht und wie ein Intellektueller spotten kann, verwirrt seine Mitmenschen.

In Satire-Sendungen wie »Gala« oder »Schmidteinander« glaubte man sich sicher, einen Herzensbruder gegen die TV-Dummheit gefunden zu haben, doch dann tritt einem - verstehen Sie das? - der Spötter Schmidt als Samstagabend-Massenonkel entgegen, als Erbe der Kurt-Felix-Sendung »Verstehen Sie Spaß?«.

Sicher ist: So eine Spannweite wie der ausgebildete Kirchenmusiker aus Neu-Ulm hat kein Entertainer im deutschen Fernsehen. Schmidt kann die Geleimten von »Verstehen Sie Spaß?« auf der Studio-Couch derart heimelig behandeln, daß ein schwäbischer Mittfünfziger seine Frau im Anflug ehelichen Affektsturms »Mein Schmetterling« nennt. Andernorts, in »Schmidteinander«, schnappt er mit befreiender Tierfeindschaft nach dem Vierbeiner: »Welche Spur hinterläßt eigentlich ein Winterreifen auf dem Fell eines Pekinesen?«

Seine Einschätzung des Zweibeiners Frau schwankt bedenklich hin und her. Wenn Samstagabend ist, gibt Schmidt sich grüblerisch: »Die modernen Frauen sind typische Brigitte-Leserinnen. Selbstbewußt, superintellektuell, sympathische Mütter, die was gegen Anmache haben. Denen kann man allenfalls so kommen: ,Wir Männer sind so einfallslos, was sollten wir ändern?'«

Anderntags kommt er ihnen anders. »Sind die Weiber draußen?« grölt er in »Schmidteinander« seinen Kompagnon Herbert Feuerstein an, und schon wippt Assistentin Oma Sharif, ganz unwürdige Greisin, im Tutu durch die Szene. Dort, auf dem Schlachtfest der Vorurteile, kann Frauen die ganze Wucht sexistischer Kalauer treffen: »Wie setzen sich prozentual die Liebhaber von Steffi Graf zusammen? 36 Prozent sind Studenten, 29 Tennisspieler, aber 100 Grafiker.«

Schmidt beteuert zwar gern, wie nahe er den Millionen Durchschnittszuschauern steht ("Ich bin kein Intellektueller: Ich liebe mein Publikum"), doch lieber entlarvt er das Fernsehen als Schwachsinn. »Gala« hieß die insgesamt viermal produzierte TV-Selbstverarschung, in welcher der Spottvogel Schmidt das Medium mit dem subversivsten aller denkbaren Mittel hochnahm: mit affirmativer Verstärkung.

Ein »Gala«-Nonsens-Motto war: »Sag ja zu Berlin«. Da lief eine Wiederholung nach der anderen - was die mediale Endlosschleife des immer Gleichen besonders deutlich sichtbar machte: Die »Jacob-Sisters« sangen ihr Ja zu Berlin, ein Kurgast aus dem Harz sprach spontan sein Ja zu Berlin. Von Harald Juhnke forderte Schmidt: »Als Entertainer hast du immer ja gesagt zu Berlin - heute ist mehr der Schauspieler gefragt, der ja sagt zu Berlin.« Selbst jene, die gar nichts sagten, wie etwa Paul Kuhn, hatten »gerade deshalb« ja gesagt. Schmidt: »Rätselhafte Welt - auch das ist Berlin.« »Sag doch einfach ja zum Ja« - TV-Gagga als TV-Gala.

Wie schafft es so ein bitterer Spötter, an einem Samstagabend hohe Einschaltquoten zu erzielen? Wie kann das intellektuelle Schmalhemd Schmidt, Lederhosen um das Gesäß, in Karl Moiks »Musikantenstadl« sitzen, für »Verstehen Sie Spaß?« werben, und keiner merkt, daß etwas nicht stimmt? Hat etwa Ironie das stahlharte Gehäuse volksnaher Fernsehunterhaltung aufgebrochen?

Tatsächlich hat sich - langsam und deshalb kaum wahrnehmbar - im Fernsehen alles geändert. Die Unterhaltung ebnet erbarmungslos Gegensätze ein. Grenzgänger zwischen Kabarettwürze und Massenschmus wie Schmidt waren früher undenkbar. Heute gehört solchen Typen die Zukunft. Denn das Medium Fernsehen ist selbstreferentiell geworden. Wie bitte?

Der Ausdruck stammt aus der Kybernetik und meint, daß sich Systeme aller Art im Laufe ihrer Existenz immer stärker dadurch von ihrer Umwelt unabhängig machen, daß sie ihre eigene Umwelt erzeugen und nur noch auf das reagieren, was mit ihren eigenen Strukturen vereinbar ist. So verarbeitet das Fernsehen zunehmend nur noch jene Wirklichkeit, die sich vorher bereits so inszeniert hat, als ob sie Fernsehen wäre.

Keine Dokumentation über Obdachlosigkeit, in der nicht Berber aufträten, die wissen, wie Berber in Dokumentarfilmen erscheinen. Keine Talk-Show, in der nicht Figuren aufmarschieren, die sich in vielen Redeschlachten zuvor als Talk-Figuren so inszeniert haben, daß keine noch so geschickte Gesprächsführung die Grenze der eigenen Medienpräsentation gefährdet.

Am stärksten aber hat der Prozeß der Selbstreferentialität die populäre Unterhaltung erfaßt: Das Publikum sieht sich am liebsten selbst dabei zu, wie es im Fernsehen auftritt. Jeder Verstehen-Sie-Spaß-Kandidat, glaubt Schmidt, schaue schon bei den Proben so auf sich selbst, als wäre er Schmidt: Der Kandidat ist zugleich sein eigener Moderator.

Diese Veränderungen des Mediums haben auch die Entertainer verändert: Die stehen nicht mehr für eine TV-unabhängige Realität, sondern müssen so künstlich sein, daß sich das Publikum durch sie selbst angucken kann. Kein Wunder, daß das Image einer Sendung wichtiger wird als die Sendung selbst: Niemand möchte bei einer Veranstaltung von Versagern dabeisein. Das Geheimnis einer hohen Quote ist das Gefühl, zur hohen Quote zu gehören.

Konsequent nahm im Laufe auch der deutschen Fernsehgeschichte der Realitätsgehalt der Moderatoren ab. Hans Joachim Kulenkampff stand für die Bonhomie des besseren Herrn, der den Kleinbürger zu Hause beehrte. Peter Frankenfeld war sein schattiges Pendant, bisweilen höhnischer Freund der kleinen Leute, weil er sich selbst aus kleinsten Verhältnissen emporgearbeitet hatte. Selbst der skandalumwitterte Lou van Burg, der mit holländischem Schmelz das schmierige Flair der Kaffeefahrten fernsehtauglich machte, repräsentierte ein Stück Realität und führte sie dem Medium zu. Aber wofür stehen die Gottschalks und Schmidts?

Der smarte Harald zumindest hat aus dem Weltverlust die Konsequenzen gezogen und sich in Fernsehen aufgelöst. Wenn er seine Zuschauer in »Verstehen Sie Spaß?« begrüßt, spricht er so krachledern treuherzig wie Karl Moik: »Liebe Schweizer, liebe Österreicher, super, ich freu' mich riesig, hättet ihr das gedacht, daß wir uns so wiedersehen.«

Noch einen Harald gibt es: den Kabarettisten, der durch die meist ausverkauften Säle ländlicher Gemeindezentren oder Kneipen tingelt. Sein Programm ist eine einzige Abrechnung mit linker Betroffenheitskultur, die nach dem Motto funktioniert »Frauen menstruieren für den Frieden.« Da nimmt er Leidensbiographien mit Sprachnonsens hoch: »Ich hatte eine schwere Kindheit. Ich wurde sexuell mißbraucht. Ich stand zu lange auf dem Innenski.«

Seine kabarettistischen Reisen an die Grenzen des Verstandes, laut Schmidt für viele nur ein Tagesausflug, führen aber auch zu purer Kalauerei ("Plastiktüten, die türkische Antwort auf Samsonite") und zu einem Spruch, der gegenwärtige Lebensmaxime des Erfolgreichen sein könnte: »Vom Feeling her hab' ich ein gutes Gefühl.«

Nikolaus v. Festenberg
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