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MUSIKBETRIEB Saitensprung nach Jericho

Das Berliner Philharmonische Orchester, Deutschlands edelster und teuerster Klangkörper, drängt ins Geschäftsleben: Unter dem Etikett »Berliner Philharmoniker« betreiben die Musiker einen schwunghaften Handel mit Medienrechten, CD-Aufnahmen und Baseball-Kappen.
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 39/1999

Für die Haute Couture der Tonkunst ist die Berliner Philharmonie eine erste Adresse. Hier hat einmal der emsigste Plattenspieler der Klassik rotiert, und bis heute ist Karajans Goldgrube ein Hort des Wohlklangs und des Wohlstands.

Denn in Hans Scharouns fünfeckigem Schachtelbau hat das Berliner Philharmonische Orchester, Deutschlands beste und bestbezahlte Big Band, seine Heimstatt.

Die 122 fest angestellten Musiker, die jährlich mit rund 25 Millionen Steuer-Mark subventioniert werden, gelten als Edelleute der Spielkultur und übernehmen durchaus auch vaterländische Pflichten.

Nächsten Monat beispielsweise starten sie zu einer Kurztournee in die Metropolen der ehemaligen Siegermächte und treten, mit Gerhard Schröder als Schirmherr, in Moskau, London, Paris und Washington zum sinfonischen Dank für alliierte Obhut an. Motto der Reise: »50 Jahre Bundesrepublik Deutschland«.

Kein Zweifel - wenn es um Kunst und Kasse, um Stand und Standesdünkel geht, ist das Berliner Philharmonische Orchester die deutsche Nationalmannschaft. Und mit der lässt sich Staat machen.

Seit dem Start in die neue Saison haben die Berliner Senatsmusikanten allerdings ihr Sortiment ungewöhnlich erweitert. Neuerdings liefern sie nicht mehr nur klingende Stoffe, etwa Debussys duftige Tonschleier oder deftiges Gewirk von Wagner, sondern auch allerlei handfeste Web- und Strickwaren sowie diversen Schnickschnack für den gehobenen Nichtsnutz.

Neu im Repertoire der staatstragenden Tonkünstler sind etwa Polo-Hemden von M bis XXL (69 Mark), Baseball-Caps aus »100 Prozent gekämmter Baumwolle mit verstellbarem Verschluss« (29 Mark), ein 150 Zentimeter langer Kaschmir-Schal (189 Mark) und eine »elegante Schreibtisch- oder Vitrinenuhr mit integriertem Wecker und einklappbarem Aufstellrücken« für 89 Mark, »in Silber oder Matt«.

Der Solitär unter den philharmonischen Juwelen aber ist eine »spielbare Sammler-CD in Geigenform«, deren Edition »weltweit« auf 1000 Stück begrenzt ist und auf der der verblichene Karajan den fünften Ungarischen Tanz von Johannes Brahms dirigiert, sonst nichts - mit 2 Minuten und 35 Sekunden Spielzeit für 189 Mark wahrlich ein Schnäppchen der Spitzenklasse.

Damit das Orchester als neuer Markenartikler auch sichtbar wird, ziert alle Produkte ein dreifach ineinander geschachteltes Fünfeck, Abbild des Philharmonie-Grundrisses; daneben steht, dezent natürlich, der Namenszug des Klangkörpers: »Berliner Philharmoniker«, Deutschlands jüngste Handelsmarke.

Wie sich die Bilder und Briefköpfe gleichen: Das Berliner Philharmonische Orchester residiert in der Herbert-von-Karajan-Straße 1, schmückt sich seit Jahren mit dem Tripel-Fünfeck und setzt seinen Titel rechts unter das Emblem. Die Berliner Philharmoniker haben dieselbe Adresse, ein paar Striche des Pentagons kaum merklich verdickt und ihren Namen rechts neben das Logo gedruckt.

Scheinbar fein getrennt, sieht doch alles zum Verwechseln ähnlich aus, und genau das ist der Trick: Hinter dem Doubletten-Image verbirgt sich, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und von den Kulturpolitikern gern übersehen, eine der dubiosesten Konstruktionen des Betriebs - ein Klangkörper mit Januskopf.

Juristisch ist die Sache okay. Das luxuriös subventionierte Berliner Philharmonische Orchester ist eine Institution der deutschen Hauptstadt, untersteht dem weisungsberechtigten Kultursenator Peter Radunski, hat einen Intendanten und einen Chefdirigenten mit Programmhoheit und verrichtet mit Tuten und Blasen öffentlichen Dienst. Eine Behörde für Beethoven.

Das von denselben Musikern gebildete Orchester namens »Berliner Philharmoniker« ist eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), braucht sich von keinem Senator, Intendanten oder Maestro etwas sagen zu lassen, musiziert, managt, mauschelt nach eigenem Gusto und

* Am 3. Oktober 1998 bei der Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Hannover.

schaufelt Kohle in die privaten Taschen, als Zubrot zum Gehalt.

Durch die Zwitterstellung sind die Musiker fein raus: Als Senatsensemble genießen sie alle Segnungen der deutschen Subventionspraxis und profilieren sich als hoch bezahlte Champions der deutschen Klassikliga; gleichzeitig nutzen sie in der GbR ihren öffentlichen Status und verwerten diesen für ihre eigenen Interessen - Berliner Filzharmonie.

Bei den von Chefdirigent Claudio Abbado geleiteten Salzburger Osterfestspielen beispielsweise geben die Berliner ihre Konzerte als Philharmonisches Orchester, machen also Dienst nach Vorschrift und ohne Sondervergütung. Sobald die Herrschaften aber, vielleicht schon am nächsten Abend, vor Ort Oper spielen, firmieren sie als Philharmoniker und kassieren die Gage als Extra. Oper ist nicht ihr Ding.

»Wie das alles mit den immerhin vom Berliner Senat bezahlten Kosten einer Dienstreise verrechnet wird«, sagt ein philharmonischer Insider zum SPIEGEL, »weiß keiner«, »den Kuddelmuddel durchschaut niemand.«

Ursprünglich herrschte bei dem deutschen Eliteorchester strenge Gütertrennung. Die Berliner Philharmoniker sollten, als kommerzielle Sachwalter des Berliner Philharmonischen Orchesters, dessen Interessen auf dem Schallplattenmarkt vertreten. Da das senatseigene Ensemble keine privaten Geschäfte betreiben soll und der Senat vom Getrickse der Labels nichts versteht, schlossen sich die fest angestellten Musiker Anfang der fünfziger Jahre zur GbR »Berliner Philharmoniker« zusammen, wählten zwei Geschäftsführer und betrieben fortan alle Medienaktivitäten in freier, einträglicher Selbstbestimmung.

Was immer sie, vor allem in der Ära des hochtourigen DJ Karajan, für Plattenfirmen einspielten, ging auf ihr Konto - Millionenbeträge. Durchaus logische Versuche des Senats, wenigstens einen Teil dieser Nebeneinkünfte in die Staatskasse zu lenken und so indirekt die Subventionskosten für das Philharmonische Orchester zu drosseln, schlugen fehl. Niemand wollte es mit den empfindlichen Kulturträgern und ihrem Goldesel Karajan verderben. In den fetten Jahren des Klassikgeschäfts dürfte jeder Berliner Philharmoniker durch diese Praxis sein Festgehalt verdoppelt haben.

Doch inzwischen sind die rosigen Zeiten des Platten-Booms passé. Zwar wirft das CD-Geschäft immer noch schön was ab, vor allem bei Live-Produktionen, die die knapsenden Plattenfirmen neuerdings bevorzugen. Dabei müssen die Musiker nämlich gar nicht erst ins Studio und in ihrer Freizeit fiedeln. Vielmehr werden die Generalprobe und die öffentlichen Darbietungen des Philharmonischen Orchesters einfach mitgeschnitten und, wenn nötig, zusammen mit ein paar nachträglichen Korrekturdetails zum veröffentlichungsreifen Band gemixt. Auf der fertigen CD spielen dann - bewährter Rollentausch - die Philharmoniker, und die kassieren.

Dennoch »ist ganz klar«, sagt ein Musiker, »dass sich die GbR bei sinkendem Plattenverkauf neu orientiert. Ihr Fernziel sind mehr Konzerte und Events in Eigenregie. Das bringt Mäuse«.

Das bringt allerdings auch Ärger in den eigenen Reihen. »Wenn es so weitergeht«, sieht ein Philharmoniker schon »die traditionelle Reputation des Berliner Philharmonischen Orchesters gefährdet«.

Während die fest angestellten Senatsmusiker gern ihren abendländischen Kulturauftrag herausstreichen, machen sich ihre freischaffenden Doppelgänger inzwischen mit Tingel und Tangel hundsgemein.

Im vergangenen Februar suhlten sich die Philharmoniker vor den Mikrofonen des BMG-Labels Ariola im Schmuse-Sound eines neuartigen Gesamtkunstwerks. Das hieß »Die Krone der Schöpfung« und war die Krone des Schwachsinns.

Da schnulzten und schluchzten die Streicher, das Schlagzeug machte endzeitlichen Wirbel, Pauken und Trompeten beschworen Jericho. Mario Adorf zitierte zwischen wuchtigen Tutti-Schlägen ein paar Bibelsprüche, und dann, nachdem das Orchester wieder sein apokalyptisches Donnerwetter herausposaunt hatte, begann der weltenmahnende Barde Udo Jürgens, der Menschheit am Pianoforte 13 Minuten lang die Leviten zu lesen: »Wir fragen nicht, wir nehmen, wir leben uns''re Gier!«, heulte der Oldie zur philharmonischen Dröhnung - ein vor Ort angemessener Singsang.

Kaum war das Jürgens-Album mit »besonderem Dank« für die »kreative Mitarbeit« der Berliner in Umlauf, kam in der Philharmonie neue Verwirrung auf: Erst kündigte der amtierende Intendant Elmar Weingarten wegen »Entfremdung« mit dem Orchester seinen Abgang an, dann gingen die Wogen hoch, weil sich das Orchester bei der Expo 2000 in Hannover mit der lokalen Popband Scorpions zum gemeinsamen Auftritt zusammentun würde. Nur - welches Orchester?

»Ganz eindeutig das Berliner Philharmonische Orchester«, behauptet Olaf Maninger, 34, Solocellist und einer der beiden Geschäftsführer der GbR. Weingarten selbst habe der Expo den Abend unter der Bedingung zugesagt, dass die Berliner in Hannover noch ein zweites, rein klassisches Programm darbieten dürften. Die Veranstalter hätten das zugesagt. Daraufhin habe die GbR mit dem ZDF über die TV-Rechte verhandelt: Auf der Mattscheibe hätte sich das elitäre Berliner Philharmonische Orchester nämlich wieder lukrativ in die geschäftstüchtigen Berliner Philharmoniker verwandelt.

Doch »urplötzlich«, so Maninger, habe Weingarten der GbR mitgeteilt, dass die, laut »Zeit«, »wundersame Liaison« mit den vom Bundeskanzler hoch geschätzten Rockern doch nicht stattfinde. Schon sah die GbR ihre Felle davonschwimmen, da griff - seltener Fall - Kultursenator Radunski ein und durch: Es werde gespielt. Weingarten gehorchte.

Während sich der um das Ansehen des Philharmonischen Orchesters besorgte Intendant nun auf sein Valet einstimmt, planen die Philharmoniker munter drauflos.

»Präsenz ist alles«, umschreibt GbR-Sprecher Maninger den wachsenden Trend zum Koofmich-Ensemble. Im Orchester gebe es »keinen kommerziellen Geist«, beteuert er, es kümmere sich nur »selbstbewusst um das, was es macht. Wir gehen nicht leichtfertig mit der Würde des Orchesters um, aber wir wollen raus aus dem Elfenbeinturm« - und rein ins Geschäft mit Tand und Trödel.

Wann immer das Berliner Philharmonische Orchester an seinem Stammplatz zum Konzert lädt, lädt seit September im Foyer der Philharmonie der blau schimmernde Stand der Philharmoniker zum Shopping ein und preist seine Accessoires an.

Dieses Verkaufsprogramm, versichert Maninger, sei »kein kommerzielles, sondern ein rein kommunikatives Konstrukt«. Auf diese Weise könnten Konzertbesucher »Erinnerungsstücke von einem der besten Orchester der Welt erwerben«, »ein heißer Wunsch vieler Klassik-Freunde«.

Ab Mitte November wird der Souvenirhandel auf das neue Sony-Kommunikationscenter am Potsdamer Platz ausgeweitet; vom Jahr 2000 an soll das philharmonische Sortiment auch auf Tourneen und im Internet angeboten werden.

Zur Einweihung des gesamten Sony-Komplexes wollen die umtriebigen Philharmoniker einen besonders grotesken Saitensprung wagen: Zur Taufe des Riesenbaus parieren die sonst so stolzen Olympier, für Beethovens Neunte und ordentlich Zaster, erstmals dem Taktstock eines Amateurdirigenten. Den schönen Götterfunken schlägt dann der Bariton Norio Ohga, Sonys erhabenes Oberhaupt. KLAUS UMBACH

* Am 3. Oktober 1998 bei der Feier zum Tag der DeutschenEinheit in Hannover.

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