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Salzburg auf mexikanisch

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach beim Internationalen Cervantes-Festival in Guanajuato
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 21/1981

Schon beim Morgenkaffee erheben sich die Wiener Philharmoniker artig von den Plätzen und applaudieren ihrem Dirigenten Carlos Kleiber, der sich zum Frühstück in die Hotelhalle herabläßt.

Aus der Automaten-Box einer Eck-Bar klimpert den lieben heißen Tag lang Richard Claydermans »Ballade pour Adeline«, schräg gegenüber im Speiserestaurant verstreicht ein Stehgeiger sein Schmalz aus den »Ungarischen Tänzen«, und ältere Damen fächeln sich lächelnd Luft dazu.

Scharen von Touristen ziehen, die Pockets vorm Auge, durch barockes und pittoresk vergammeltes Gemäuer. Am Abend zieht es die Creme ins repräsentative Theater der Stadt: Dort spielen die New Yorker Philharmoniker, dort geigt Yehudi Menuhin. Das ungarische Staatsopernballett tanzt auf Bartok, die Comedie-Francaise deklamiert Claudel. Es stehen abendländische Werte auf dem Spiel, und zum europäischen Glamour fehlt eigentlich bloß Herbert von Karajan.

Die Stadt auf dem dubiosen Weg zu Rummel und Renommiersucht Salzburgs heißt Guanajuato (wörtlich »Ort S.193 der Frösche"), liegt rund 300 Luftkilometer nordwestlich von Mexiko-Stadt, förderte vor über 300 Jahren aus ihrer Mine Valenciana ein Viertel des Welt-Silberbedarfs und trägt bis heute die architektonischen Zeichen einstigen Wohlstands.

Neuerdings ist diese Augenweide dazu ausersehen, das -- laut Veranstalter -- »größte und ambitionierteste Festspiel beider Amerika« zu beherbergen, das »Internationale Cervantes-Festival«, das am vergangenen Sonnabend endete -- wohl die erste einschlägige Veranstaltung, die mit dem internationalen Öl-Geschäft aufgeschossen ist:

Ein Super-Mercado, 23 Tage geöffnet, oft schon vormittags und fast immer bis nach Mitternacht, in Theatern und Kirchen, auf Freilichtbühnen und Plazas, mit mehr als 100 registrierten (und mehreren hundert spontanen) Lustbarkeiten zwischen Birgit Nilsson und Gilbert Becaud, symphonischen Galas und anonymen Folklore-Spektakeln, mit Film-Retrospektiven und geistigen Auslassungen über Shakespeare und Mao und Gott und die Welt. Guanajuato feiert.

Gegenüber dem Theater, wo sich nächtens die Schickeria verlustiert, hockt Tag für Tag eine ledern gegerbte Alte, blind auf einem Auge, und streckt die linke Hand ins Gewühl der Kulturträger, um ein paar Pesos zu erbetteln. Nur wenige Gehminuten oberhalb des barocken Stadtkerns, auf den braun versengten Hügeln ohne Baum und Strauch, hausen die Menschen in Bretterverschlägen.

Ihren Müll kippen sie zwischen Kakteen, ein paar alte Männer stochern selbst diesen Unrat noch einmal um, durch die Reste rennen die Ratten. Der Bundesstaat Guanajuato zählt zu den ärmsten Mexikos, doch Guanajuato feiert.

In der Kapitale, verpestet wie keine zweite Hauptstadt der Erde, ist fast jede fünfte der über zwei Millionen Wohnungen ohne Wasser. In 320 000 Hütten vegetieren die Habenichtse auf der nackten Erde. Zwei Millionen verrichten ihre Notdurft im Freien.

Fast die Hälfte der 70 Millionen Mexikaner ist unterernährt, beinahe jede zweite Familie hat bloß 280 Mark im Monat. Die Arbeitslosenquote liegt bei 40 Prozent, die Inflationsrate bei über 25. Doch Guanajuato feiert.

Allein in diesem Jahr wurden neun Millionen Mark -- fast das Doppelte der staatlichen Zuschüsse, die die Bayreuther Festspiele verjubeln können -in das ehrgeizige Entertainment gepumpt.

Petro-Pesos in erlesene Beethoven-Abende oder volkstümliche Becaud-Konzerte zu investieren, wertet die Schirmherrin dieses Festivals als Teil einer »konzertierten Aktion, um Mexiko zum kulturellen Zentrum Lateinamerikas zu machen«. In diesem Land, inzwischen der fünftgrößte Ölproduzent der westlichen Welt, ist Carmen Romano de Lopez Portillo als Gemahlin des Staatspräsidenten die First Lady. In Guanajuato ist sie Primadonna.

»Unser Land ist stolz auf das internationale Cervantes-Festival«, ließ die Patronin verkünden, wohl auch im Namen aller Analphabeten und Hungernden. Wenn die gelernte Pianistin, deren Großvater einst das Wiener Konservatorium leitete und deren Mutter lange in der Hamburger Zimmerstraße 34 wohnte, adagio pomposo durch das von wuchtigen Kandelabern beleuchtete Flaggenmeer ins Teatro Juarez schreitet, zieht sie den Stolz über ihr Salzburg auf aztekischem Boden wie eine Schleppe hinter sich her.

Auf den Millimeter genau in der Mitte des ersten Ranges läßt sie sich auf einem eigens hereingetragenen Sessel nieder, so im Genuß von weitaus mehr Beinfreiheit als alle anderen Sterblichen in der Spielstätte. Ihre Bewacher dösen bei langsamen Sätzen manchmal ein, am Ende applaudieren sie brav, mit hinreichendem Abstand zur Schirmherrin.

In den Pausen hält die Patronin mit wenigen Auserwählten im gläsernen Separee hof. Wenn sie die Stätte der geistigen Erbauung wieder verläßt, nehmen ihre Untertanen kaum mehr Notiz von ihr. Dann, gegen Mitternacht, feiert das Volk längst sein eigenes Festival -- ohne Schubert, Menuhin und die feinen Kreise.

Um jeden Brunnen herum, wo immer sich in diesem Gewirr von Gassen und Stiegen ein freies Plätzchen findet, treiben Pantomimen ihre Späße, schlagen Gitarristen in die Saiten, tröten Blechmusiker so schön falsch wie hierzulande die Feuerwehrkapellen.

Vor allem am Wochenende zieht es Tausende junger Leute mit Zelt und Schlafsack aus der total versmogten Stadt Mexiko in das engadinisch klimatisierte Guanajuato. Hier, auf dem Zocalo, dem kleinsten Dorfplatz, singen sie wieder und wieder das Lied des einheimischen Dichter-Komponisten Jose Alfredo Jimenez, das so lustig klingt und so bitter gemeint ist: »Das Leben auf dieser Welt hat keinen Wert, so ohne Geld.«

Im Teatro Juarez, auf dessen Freitreppe sie bis zum frühen Morgen die Bierflasche kreisen lassen, kostet das Billett bis zu 40 Mark, eine unerschwingliche Summe. Gleichwohl ist das Haus ständig ausverkauft, die Studenten stehen umsonst für Karten an. Doch bei den Vorstellungen bleiben viele Plätze leer -- vergeben, nicht selten gratis, an Offizielle und Repräsentative, die dann keinen Bock haben auf die »Unvollendete«. Leere als Verschwendung.

Sicher soll, nach dem Willen der Landes-Dame, nicht nur die Elite ihre Erbauung haben. Um das Denkmal, das sie sich setzt, darf das Volk ruhig tanzen wie ums Goldene Kalb. In der Stierkampfarena beispielsweise, wo die ehemalige US-Protestsängerin Joan Baez mit Elan den über sie gehaltenen Schirm wegwirft, um bei einem der seltenen abendlichen Platzregen genauso naß zu werden wie ihre 15 000 Fans, oder auf der Plazuela San Roque, wo die Studenten, wie nun schon seit über 25 Jahren, mit Witz und Charme Stücke von und um Cervantes aufführen, ist der Eintritt erschwinglich.

Hier, bei Folklore-Balletten, chinesischen Akrobaten oder Kathakali-Tänzern aus Süd-Indien, mischen sich denn S.195 auch nobel gekleidete Festivaliers unter Rotznasen in Lumpen, vertragen sich Seidenbrokat mit Schmuddel-Jeans, Lack-Pumps mit ausgelatschten Turnschuhen. Noch ist Guanajuato nicht bloß Laufsteg wie Salzburg.

Und anders als in Salzburg sollen die schönen Künste in Guanajuato nicht exklusiv zelebriert werden, offiziell zumindest: Carmen de Lopez Portillo hat einen demokratischen Hintergedanken realisiert.

Die meisten ausländischen Künstler und Ensembles müssen außer am Festspiel-Ort noch wenigstens in der Hauptstadt, oft auch noch in anderen Städten des Landes auftreten. Das Fernsehen muß für weitere Verbreitung sorgen: Wenigstens 40 komplette Programme aus Guanajuato werden im Laufe des Jahres zu bester Sendezeit ausgestrahlt.

In der Freilichtbühne der Alhondiga wurden ganze Stuhlreihen abgebaut, damit die TV-Kameras auf eigens montierten Schienen in voller Bühnenbreite hin- und herrollen konnten. Im Teatro Juarez krochen die Kameramänner mit transportablem Gerät bis in den Orchestergraben. Durch den Jesuitentempel quietschte selbst bei dezenter Kammermusik ein gigantischer Kran, um die Kunstdarbietungen aus der Vogelperspektive einzufangen. Manchmal hingen die Kabelträger fast am Kruzifix -- ein Festival also auch der Multiplikatoren, die nun in bunten Bildern den »Beweis der politischen Neutralität Mexikos« breittreten. Dieses Festival ist Staatstheater, sein Programm ein Politikum.

Am gleichen Tag, da vom ungeliebten Nachbarn USA die New Yorker Philharmoniker einzogen, tanzte das staatliche Folklore-Ballett Bulgariens. Die Pantomimengruppe »Gag« aus Prag trat auf, als auch das Teatro Stabile aus dem italienischen Genua zu Gast war. Kubanische Künstler, in Reagans USA unerwünscht, waren gern gesehen.

Sogar im deutsch-deutschen Vabanque tariert Mexiko mit neutraler Hand: In diesem April gastierte das Stuttgarter Ballett, im nächsten Jahr soll wieder, wie schon 1980, das Gewandhausorchester Leipzig an die ausgewogene Reihe kommen.

Die wenigsten Bewohner aus Guanajuato ahnen, wieviel sich Carmen de Lopez Portillo ihr liebstes Spielzeug kosten läßt. Sie ärgert sich nur, daß von den rund 110 städtischen Taxis die Hälfte zum Transport der Festival-Offiziellen beschlagnahmt wurde.

Der Biologie-Student Jose Antonio rechnet, nächtens beim Bier, das Prestige-Budget der Festspiele in eine lebensnotwendige Währung um, in Tortillas, die billigen Maisfladen, in Zahnbürsten oder Sandalen. Ein Junge im Rollstuhl, das linke Bein amputiert, den restlichen Körper in Lappen, spuckt daraufhin verächtlich auf die Erde.

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