Ulrike Knöfel

Umgang mit der Sammlung Gurlitt Ein deutscher Skandal

Ulrike Knöfel
Ein Kommentar von Ulrike Knöfel
Das vorerst letzte Raubkunstbild aus der Sammlung Gurlitt wurde zurückgegeben – nun müsste das unsägliche Verhalten der Bundesregierung in dieser Angelegenheit aufgearbeitet werden.
Max-Liebermann-Gemälde »Zwei Reiter am Strand« (1901): Die deutsche Regierung fühlte sich ertappt

Max-Liebermann-Gemälde »Zwei Reiter am Strand« (1901): Die deutsche Regierung fühlte sich ertappt

Foto: picture alliance / dpa

Im November 2013 erfuhr die Öffentlichkeit von einer geheimnisvollen Kunstsammlung in München, die eineinhalb Jahre zuvor in einer Schwabinger Wohnung beschlagnahmt worden war. Bekannt war bald auch: Der Besitzer, ein älterer Herr namens Cornelius Gurlitt, hatte sie von seinem Vater geerbt, einem Kunsthändler der Nazis – und sie dann jahrzehntelang versteckt.

Nach der Enthüllung durch den »Focus«  wurde weltweit berichtet über dieses Deutschland, das sich doch für seine Wiederaufarbeitung rühmt und plötzlich so unverbesserlich erschien. Denn es ermöglichte Menschen wie Gurlitt, sich mit ihrem Raubgut einzuschließen – mit Bildern, die aller Wahrscheinlichkeit nach jüdischen Familien entrissen worden waren. Und dann hatten die deutschen Behörden die Heimlichtuerei in die Länge gezogen, hatten die Werke selbst viele Monate lang weiter versteckt.

Die deutsche Regierung fühlte sich ertappt, reagierte nervös, sie wollte fortan alles richtig machen, Wiedergutmachung leisten. Sie stellte sich dann aber unsäglich an. Wie sie vorging, war ein mehrfacher Skandal – und ist es noch immer.

Der über 80-jährige Gurlitt, der ein schwaches Herz besaß und doch nicht von der Politik in Ruhe gelassen wurde, starb im Mai 2014 – ein halbes Jahr, nachdem alles bekannt geworden war. Kurz vorher war er dazu gebracht worden, ein Dokument zu unterschreiben und die Aufarbeitung und mögliche Restitutionen der Bundesregierung zu überlassen.

Die Beschlagnahme in München hatte ab Ende Februar 2012 stattgefunden, später kamen Bilder aus Gurlitts Haus in Salzburg hinzu. Viele Jahre später, am Mittwoch, verschickte das Büro der Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine Meldung, in der es heißt, das letzte als Raubkunst identifizierte Werk sei nun restituiert worden. Es handele sich um eine Zeichnung von Carl Spitzweg, ihr Titel laute »Das Klavierspiel«, auf Wunsch der Erben sei das Blatt am Vortag an ein Auktionshaus gegangen.

Der Hinweis auf das Auktionshaus ist eine überflüssige, fast schäbige Information, die nichts mit dem Fall zu tun hat und wohl nur dazu gut ist, ein Ressentiment zu schüren – seit Jahren wird unterstellt, Empfänger restituierter Werke würden diese schnellstmöglich zu Geld machen wollen. Doch stecken, wenn es zu Verkäufen kommt, häufig auch echte Zwänge dahinter. Anwälte müssen bezahlt werden, manchmal gibt es Erbengemeinschaften, die sich die Bilder ja schwer teilen können.

Angst vor den deutschen Wiedergutmachern

Die Öffentlichkeit wird sich vielleicht noch mehr über diesen Satz der Kulturstaatsministerin wundern: »Damit wurden sämtliche 14 Werke restituiert, die im Zusammenhang mit dem Kunstfund als eindeutig NS-verfolgungsbedingt entzogen identifiziert wurden.« Gerade einmal 14 von etwa 1500 Werken. Einerseits ist erfreulich, dass die Sammlung nicht so vergiftet ist, wie einst vermutet.

Andererseits ist unverständlich, weshalb die Bundesregierung seit Ende 2013 immer den Eindruck erweckte, es handelte sich um eine überwiegend zusammengeraubte Kollektion. Womöglich wollte sie nachträglich die andauernde Beschlagnahme von 2012 rechtfertigen, für die es keinen echten juristischen Grund gab.

Irritierend ist auch, wie lange es gedauert hat, die 14 Werke zurückzugeben. Werke, bei denen schon bald klar war, dass es sich um Raubkunst handelt. Auch bei der Spitzweg-Zeichnung stand früh fest, dass sie dem in Auschwitz ermordeten Musikverleger Henri Hinrichsen gehört hatte.

2015 schrieb ein Mitglied der Familie Hinrichsen an den SPIEGEL, nein, man habe das Blatt noch nicht zurück, aber mehr wolle man dazu öffentlich nicht sagen: »Wir wollen auf keinen Fall die Behörden verärgern!« Deutschland verbreitete immer noch Furcht und Schrecken.

Nebel des Mitgefühls

In etlichen der 14 Fälle waren die Erben selbst alte Menschen, in manchen Fällen sind die Anspruchsteller gestorben, während die zuständigen deutschen Behörden immer noch mehr Beweise und Papiere einforderten. Die erste Restitution eines Bildes aus der Sammlung Gurlitt betraf ein Gemälde von Max Liebermann, »Zwei Reiter am Strand«, entstanden 1901, zwei Brüder hatten es als das Eigentum ihres Großonkels aus Breslau ausgemacht.

Beweise lagen bald vor, doch wurden sie hingehalten, einer von beiden erlebte die Rückgabe nicht mehr. Der andere hat bis zu seinem Tod 2020 nicht verstanden, weshalb die Deutschen dieses Bild zwar irgendwann herausgerückt hatten, ihm aber nicht halfen, den Rest der Familiensammlung wiederzufinden, die einst von den Nazis konfisziert worden war.   

Die Deutschen wollen nun so empathisch wie möglich wirken, Kulturstaatsministerin Grütters betont: »Hinter jedem dieser Bilder steht ein menschliches, tragisches Schicksal.«

Solche Äußerungen vernebeln mit in ihrem mitfühlenden Duktus, dass auch das Vorgehen dieses Landes in Sachen Gurlitt – und in Sachen Raubkunst insgesamt – einer Aufarbeitung bedarf.

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