Zur Ausgabe
Artikel 74 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

POPMUSIK Sanfte Verführer

Mit der Stimmgewalt traditioneller Soul-Gesangskunst feiert die schwarze US-Nachwuchssängerin Anita Baker Triumphe. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Sie sieht aus wie ein Traumwesen aus der Welt der Hochglanzmagazine, und bei ihrer Arbeit auf der Bühne trägt sie Seidiges von erlesenem Chic. Im Illusionsmilieu von »Denver« wäre ihre Erscheinung so wenig fehl am Platz wie auf Werbephotos für die exklusive Pelz-Couture.

Mit ihrem Image einer Yuppie-Ikone paßt sie prächtig in eine Zeit, die das alte Bauernfänger-Motto wieder propagiert, es sei schon immer etwas teurer gewesen, einen guten Geschmack zu haben.

Für die Image-Designer der Plattenindustrie ist die schwarze amerikanische Pop- und Soulsängerin Anita Baker, 28, ein Geschenk des Himmels.

Das ist sie aber auch für Leute, die über sensible Ohren verfügen. Denn spätestens von dem Moment an, in dem die zierliche Lady aus Los Angeles eine Bühne betritt, wird ihr ansehnlicher Look zur Nebensache. Dann triumphiert eine Stimme mit der Fähigkeit, die Gefühle ihrer Zuhörer umzupflügen - in der leidenschaftlichen Manier großer Soulsänger einer vergangenen Ära.

Mit ihrer Gesangs-Pyrotechnik riß die Newcomerin Baker bei ihrer London-Premiere, die ihrem halbstündigen Europa-Debüt beim Jazzfestival von Montreux gefolgt war, das Publikum von den Stühlen. Sie glänzte mit einem Programm von Songs im getragenen Tempo, mit Balladen, in denen sie immer wieder aus der dunkel getönten Tiefe ihres Alts ins hohe Register und auf die Gipfel wahrer Soul-Ekstasen kletterte.

Die 1,50 Meter große Anita Baker ist der lebende Beweis für die Behauptung, daß kleine Ursachen oft eine große Wirkung haben.

Sie beherrscht scheinbar mühelos alle Varianten spontaner schwarzer Gesangstechnik, die Scat-Artistik und die Improvisationskunst großer Jazzsängerinnen, die emotionale Sprengkraft legendärer Soul-Divas und die inbrünstige Stimmgewalt frommer Gospel-Vorsänger.

Daß eine Sängerin wie Anita Baker so enthusiastisch vom Publikum und der Kritik gefeiert wird, daß schwarze Stars wie die junge Whitney Houston, die schon etwas reifere Patti Labelle und wieder einmal Aretha Franklin weltweit so erfolgreich sind, deutet hin auf eine Trendwende. Diese Popsoul-Frauen sind perfekt auf ihrem Instrument, der Stimme; sie singen mit unverblümter Ausdruckskraft und treffen ihre Zuhörer direkt in ihrer Empfindsamkeit, ohne sentimentale Schleichwege durch die Schnulzen-Halbwelt zu nehmen.

»Das Publikum«, so erkannte die »New York Times«, »wendet sich allmählich ab von einer Musik, die immer mehr in Formeln erstarrte und sich zu sehr auf eine kleine Auswahl technologischer Tricks verließ.«

Wie schon lange in der weißen Popmusik, die fast nur noch vom Wiederaufwärmen vergangener Stile lebt, hat nun auch im schwarzen Pop die Rückbesinnung auf traditionelle Werte begonnen, auf Rhythm & Blues, Gospel und Soul.

»Alle meine Einflüsse stammen aus einer anderen Zeit«, erklärt Anita Baker. »Ich hörte fast nur das alte Motown-Zeug, viel aus den vierziger Jahren, Billie Holiday, die frühe Sarah Vaughan und Ella Fitzgerald, und natürlich Aretha Franklin.«

Ihre Kindheit und Teenagerjahre verlebte Anita Baker in Detroit, wo damals nicht nur die Autoindustrie prosperierte, sondern auch die erste große, von Schwarzen geführte Plattengesellschaft: Motown. Und in Detroit residiert bis heute die Soul-Königin Aretha Franklin.

Die neuen schwarzen Popklänge Detroits hallten sozusagen bis in die Wiege der jungen Anita nach, während ihre Mutter sich aus älteren Quellen versorgte: Sie verehrte große Jazz-Damen wie Sarah Vaughan, Ella Fitzgerald und Billie Holiday. Und sonntags sang die ganze Familie in der Kirche.

Diese Mixtur aus Jazz, Pop, Soul und Gospel prägt nun den Stil der Sängerin, die vom Londoner Magazin »Time Out« als »Diva des nächsten Jahrzehnts« gefeiert wurde. Ihre Debüt-LP von 1983, Titel: »Songstress«, und ihr jetzt (auch in Deutschland) veröffentlichtes Album »Rapture« sind sanfte musikalische Verführer.

Auf gedämpften Cocktail- und Kaminfeuer-Pop will sich die Sängerin aber nicht beschränken. Sie plant, irgendwann einmal ein reines Jazz-Album aufzunehmen. Aber in der Kunst der Improvisation, gesteht Anita Baker ein, hat sie noch eine längere Lehrzeit vor sich.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 74 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.