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ROCKMUSIK Sanfter Gipfelsturm

Die englische Rock-Gruppe Dire Straits, die sich mit verhaltener Musik einen Welt-Erfolg erspielt hat, kommt auf Deutschland-Tournee.
aus DER SPIEGEL 20/1979

Sie stehen auf der Bühne wie Amateur-Musiker, die sich nach Feierabend, nur so zum Spaß, bei locker swingendem Rock entspannen. Sie verzichten auf den Glamour-Look großkalibriger Rock-Stars, und ihre Arbeitskleidung scheint aus dem Jeansshop an der Ecke zu stammen.

Bei den Auftritten des englischen Rock-Quartetts Dire Straits (der Bandname bedeutet etwa »total abgebrannt« oder »bös in der Klemme") bleibt das Ohr geschont: Schrillen Phon-Orgien gängiger Rock-Konzerte setzen sie den durchsichtigen Klang von zwei Gitarren, Baß und Schlagzeug entgegen.

Knapp zwei Jahre nachdem die Band in London erstmals auftrat, hat sich die gelassen fließende Musik von Mark und David Knopfler, John Illsley und Pick Withers weltweit Gehör verschafft: 2,8 Millionen Exemplare der Debüt-LP (Titel: »Dire Straits") wurden bislang verkauft, 300 000 davon in der Bundesrepublik.

Die Blitzkarriere ließ das amerikanische Branchen-Blatt »Billhoard« staunen: »Es gibt noch Wunder im Rock 'n' Roll.« Die US-Zeitschrift »Rolling Stone« sah in dem Erfolg der Newcomer ein »Rock »n« Roll-Märchen«.

Der rasche Gipfelsturm der Band war ungewöhnlich: Ihr sanfter Rock paßte nicht in die aktuellen Trends der Musik-Industrie. Sie liefert keine atemlosen Punk-Attacken und keinen rohen Rhythm and Blues, ihr fehlen die Disco-Einfalt und der Gigantismus übertechnisierter Super-Bands. Die Dire Straits bedienen das wachsende Bedürfnis nach schlichter Rockmusik.

Mark Knopfler, 29, ein Architekten-Sohn aus Newcastle, der vor der Musiker-Profilaufbahn als Zeitungsreporter und ais Englischlehrer gearbeitet hat, ist der Kopf der Gruppe und schreibt ihre Songs. Sein Gitarrenspiel und sein Gesang färben ihren unverwechselbaren Sound. Knopfler zupft sparsame Linien und Akkorde, er läßt die Töne verhalten zirpen oder winseln und schweigt meist im Pianissimo. Er ist ein Filigran-Arbeiter, kein expressiver Gitarrero; seine Musik ruckt nicht sie rollt.

Aber kaum einmal, ein Manko, läßt sich Knopfler auf Improvisations-Risiken ein: Phrase für Phrase, Riff für Riff und Ton für Ton reproduziert er notengetreu im Konzert, was auf der Platte fixiert worden ist.

Als Rock-Traditionalist (in seinem Song »In the Gallery« deutet er Abnei--

* John Illsley, Mark Knopfler, Pick Withers, David Knopfler.

gungen gegen »modischen« Avantgardismus an) folgt Knopfler keinem gegenwärtigen Stil-Impuls. Seine Kompositionen sind eine Mischung aus leger strömendem Country-Rock und den weichen Schöpfungen von Gitarren-Stars wie Eric Clapton oder J. J. Cale.

Die Aschenputtel-Story der Dire Straits hatte Anfang letzten Jahres begonnen, als sie ein Tonband mit Songs (darunter »Sultans of Swing«, inzwischen ein Single-Hit) an den Londoner Rundfunk-Moderator und Rock-Historiker Charlie Gillett einschickten. Der war davon so angetan, daß er sie sofort in seiner Radio-Show spielte.

Unmittelbar nach der Sendung rührten sich die Platten-Firmen, um die Neulinge unter Vertrag zu nehmen. Die »Phonogram« erhielt den Zuschlag und propagierte die Band als Geheimtip.

Doch über dieses Stadium sind die Dire Straits längst hinaus. Mit triumphalen Tourneen (zuletzt in den USA) konnten sie den Ruhm und die Platten-Auflage mehren. Ihr zweites Album (Titel: »Communiqué"), bereits im November auf den Bahamas eingespielt, kommt am 28. Mai in den Handel.

Nach ersten deutschen Auftritten im vergangenen und in diesem Jahr startet die Gruppe am 23. Mai in Offenbach eine Süddeutschland-Tournee; am 23. (Lorelei) und am 24. Juni (Dortmund) steht sie auf dem Programm zweier deutscher Rockfestivals.

Mit einem prominenten Kollegen sind Mark Knopfler und Pick Withers, der Schlagzeuger der Dire Straits, zur Zeit in einem US-Plattenstudio: Bob Dylan hatte sie gebeten, bei der Aufnahme seiner neuen LP mitzuwirken.·

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