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GESELLSCHAFT / RAUSCHGIFT Sanfter laufen

aus DER SPIEGEL 31/1967

»STP-Schlucker«, so kündet das grelle Plakat in Jugendstil-Leitern, »nehmt kein Thorazin, Seconal oder andere Beruhigungsmittel, wenn ihr auf dem STP-Trip seid.« Die in verschnörkelte Graphik gefaßte Warnung hängt seit einigen Wochen in den Kaffeehaus- und Kneipenfenstern von Haight-Ashbury (Slang: »Hashhury"), dem Gammlerzentrum von San Francisco.

Die Einwohner des Viertels wissen den im Apotheker-Jargon abgefaßten Text zu deuten: Er kündet vom raschen Siegeszug eines neuen Rauschmittels, das bei Amerikas »Hippies« und »Druggies« den Ruf genießt, der »Kaviar unter den Psychodrogen« zu sein ("New York Herald Tribune"). STP, so die Bezeichnung für die Delikateß-Droge, eröffnet den zivilisationsmüden Jugendlichen Zugang zu neuen Rausch-Horizonten.

Nur kurz währt der Trip ins Reich beglückender Visionen, den die bislang gängigen Seelengifte erlauben: Ein Marihuana-Rausch dauert einige Stunden, »Säureköpfe« (LSD-Schlucker) fühlen sich höchstenfalls einen Tag lang »high«.

Neben derlei Kurz- und Mittelstreckendrogen erscheint STP als eine Art Marathon-Halluzinogen von bisher unerhörter Wirkung -- als mächtigstes aller »Bewußtseins-Detergentien« ("Time"). Eine einzige STP-Gabe ermöglicht einen drei bis vier Tage anhaltenden Rauschzustand und entfesselt zugleich Visionen, die an Leuchtkraft und Intensität LSD-Phantasien weit übertreffen.

Begierig greifen deshalb Säureköpfe und Marihuana-Raucher zu dem neuen Super-Rauschgift, das -- in Form von weißen, bläulich gesprenkelten Kügelchen -- bereits überall in Amerika auf Universitätshöfen und in Gammler-Quartieren feilgeboten wird. Die Hippies von Hashbury verteilten im Juni fünftausend der magischen Kapseln kostenlos an die Gäste einer Massenparty, auf der sie das Fest der Sonnenwende feierten.

In Hashbury zeigten sich aber auch die Gefahren, die das neuartige Rauschmittel birgt. Ein Dutzend STP-Schlucker wurde innerhalb weniger Tage in das örtliche Krankenhaus eingeliefert. Einige der halluzinierenden Rausch-Patienten litten an quälenden Wahnvorstellungen und Sehstörungen, andere wurden von Tobsuchtsanfällen heimgesucht und mußten in Zwangsjacken gesteckt werden.

In die Nervenklinik führte auch der STP-Trip eines 23jährigen Mädchens aus Ontario in Kalifornien. Nachdem sie drei der zauberkräftigen Perlen geschluckt hatte, empfand sie zunächst ein Gefühl des Entzückens, die Farben in ihrer Umgebung leuchteten auf, Geräusche klangen wie Musik. Wenn sie die Augen schloß, erblickte sie strahlende Ornamente und exotische Bilder.

Doch dann versank sie in panischen Schrecken. »Ich sah mich«, so berichtete sie später den Ärzten, »von Flammen umzüngelt und fühlte die Brandwunden an meinem Körper.« Und: »Ich wußte, nun würde ich sterben -- ich war in der Hölle.«

Bislang verfügen die Ärzte noch über kein Mittel, die von Nachtmahren gepeinigten STP-Patienten aus ihren Zwangsvorstellungen zu befreien. Medikamente, wie die auf den Warnplakaten in Hashbury genannten Szene aus dem amerikanischen LSD-Beruhigungsmittel Thorazin oder Seconal, mit deren Hilfe verstörte LSD-Schlucker in die Wirklichkeit zurückgeholt werden, verschlugen nichts gegen den STP-Wahn -- zuweilen verschärften die Mittel sogar den Effekt der Wahndroge.

Obwohl die amerikanischen Gesundheitsbehörden schon seit längerem mit der Prüfung des neuen Psycho-Gifts befaßt sind, blieb der chemische Aufbau von STP den Ärzten bislang verborgen. Der Pharmakologe Frederick Meyers, Professor an der Universität von Kalifornien, äußerte vorletzte Woche die Vermutung, das Rauschmittel sei in seiner Wirkung verwandt mit dem Kriegsgift »BZ« -- einem Nervengas, das im Auftrag der US-Armee hergestellt wird (SPIEGEL 20/1967).

Dunkel blieben bislang die Herkunft der Glückspillen und auch die Bedeutung der Buchstaben STP, die der Seelen-Droge den Namen geben. Hashbury-Gammler leiten die Bezeichnung von einem Treibstoffzusatz her, den die US-Firma Studebaker vertreibt -- gleichfalls unter dem Namen STP. Studebaker-Slogan: »STP läßt Ihren Motor sanfter laufen.«

Laut Dr. Timothy Leary indes, der seit Jahren als »Großer Schamane des Drogen-Kults« gilt ("Time"), stehen die Buchstaben für drei Kernbegriffe der Hippie-Philosophie -- S für »serenity«, T für »tranquillity« und P für »peace (Heiterkeit, Gleichmut, Friede). Leary, ehemaliger Harvard-Professor für Psychologie und unermüdlicher Vorkämpfer der LSD-Bewegung, umriß mit seiner Buchstabendeutung zugleich das Credo einer Gammler-Generation, die sich von den Beatniks der fünfziger und frühen sechziger Jahre deutlich unterscheidet.

Aus den Erfahrungen mit bewußtseinsverändernden Drogen entwickelten Amerikas Hippies eine verschwommene Weltanschauung, in der mystische, buddhistische und urchristliche Einflüsse ineinander verschmelzen. Im Gegensatz zum aggressiven Protestgebaren der Beatniks huldigt die Hippie-Ideologie den Tugenden der Sanftmut, Friedfertigkeit und allumfassenden Liebe.

Psychodrogen gelten den in rauschbunte Gewänder gehüllten Hippies dabei als Vehikel auf dem Weg zur Erleuchtung. LSD-Genuß, so bekannte Chef-Beatle und Hippie-Idol Paul McCartney, habe ihn zu »einem besseren Menschen gemacht« und »in die Lage versetzt zu verstehen, was es mit Gott auf sich hat«.

Den sanften Abweichlern vom American way of life begegnen Amerikas Polizei und Presse denn auch zumeist mit nachsichtigem Wohlwollen. Die US-Gesundheitsbehörden erwägen zur Zeit, das relativ harmlose Rauschgift Marihuana für den Handel freizugeben.

Und in Hashbury, dem Mekka der Hippie-Bewegung, richtete der Toxikologe Dr. David Smith, 28, in einer Sieben-Zimmer-Etage eine Rauschgiftklinik ein. LSD- und STP-Schlucker, die sich dort melden, werden kostenlos von »schlechten Trips« zurückgeholt.

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