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POPMUSIK Sanftes Großmaul

Der Pop-Newcomer des Jahres: Der Amerikaner Terence Trent D'Arby startete von London aus eine Weltkarriere. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Der Striptease des Sängers auf der Bühne dehnt sich über eineinhalb Stunden und bleibt immer züchtig. Zuerst löst er die schwarze Schleife, mit der seine vielen Afro-Zöpfchen am Hinterkopf zum Pferdeschwanz gebündelt sind, dann wirft er eine graue Weste mit Schwung in die Kulissen und im Finale zieht er das Hemd aus und gibt den Blick frei auf das ephebische Muskel-Filigran des nackten Oberkörpers.

Jeder der dramaturgisch geschickt plazierten Entkleidungsschritte des schönen schwarzen Jünglings wird von den Mädchen im Parkett mit spitzen, hysterischen Lustschreien beantwortet. Sie gelten dem amerikanischen Popstar Terence Trent D'Arby, 25, der auf dem Weg ist, von seinem Wohnsitz London aus die Welt zu erobern.

Der schmächtige Kerl mit dem aristokratisch klingenden Bandwurm-Namen hat sich zum Pop-Newcomer des Jahres entwickelt. Noch bevor seine Stimme überhaupt auf einer Platte zu hören war, stand er, Anfang 1987, im Mittelpunkt eines beispiellosen Medienrummels in Großbritannien. Es war, als hätten die Musikblätter und das Publikum sehnsüchtig auf sein Erscheinen gewartet.

Kaum traf, im Februar, das D'Arby-Stück »If You Let Me Stay« als Single in den Plattenläden ein, setzte der Londoner »New Musical Express« den Nachwuchskünstler aufs Titelblatt und posaunte die Ankunft eines »Neuen Prinzen der Popmusik« heraus.

Dann verging kaum ein Tag, an dem D'Arby nicht als neues Popwunder gepriesen worden wäre. Und der Mann, der schon voreilig mit Prince und Michael Jackson und den Soul-Heiligen Marvin Gaye und Sam Cooke verglichen wird, offenbarte außer unbestreitbaren Starqualitäten ein außergewöhnliches Talent, die Boulevard-Zeitungen mit Stoff zu füttern. In der selbstbewußten Manier des von ihm bewunderten Muhammad Ali tönte es aus seinem sanften Großmaul: »ICH bin ein Genie.«

Als im Juli dann die Debüt-LP mit dem Mammut-Titel »Introducing The Hardline According To Terence Trent D'Arby« erschien, ging die Saat der cleveren PR-Kampagne sofort auf, die aus dem Hintergrund von D'Arbys deutschem Manager, dem in London wirkenden Klaus-Peter Schleinitz, gelegt worden war. Die Platte (D'Arby: »Das brillanteste Debüt-Album dieses Jahrzehnts") sprang direkt auf Platz eins der britischen Bestsellerlisten, und in der Bundesrepublik erreichte sie inzwischen eine Auflage von mehr als 230000 Exemplaren.

Ironie, schlitzohriger Humor und ein intelligentes Spiel mit Provokationen hoben Terence Trent D'Arby auf Anhieb heraus aus dem Pop-Einerlei. Erste Konzerte (vom 9. bis zum 28. November geht er auf Deutschland-Tournee) und die LP mit ihrer Mischung aus Pop, Soul, Funk und Rock 'n' Roll bewiesen, daß der Sänger, Texter und Komponist besser ist als viele Pop-Novizen, die mit ähnlich übertriebenem PR-Getöse ins Rampenlicht geschoben werden und dann wieder rasch der verdienten Vergessenheit anheimfallen.

Das neue Teenager-Idol und Sexsymbol Terence Trent D'Arby besitzt genügend Charisma, an Arroganz grenzende Dickköpfigkeit und musikalische Substanz, um sich für längere Zeit auf der Szene zu behaupten.

Daß er eines Tages »berühmt und erfolgreich« sein werde, wußte der Egomaniak schon in frühem Jugendalter genau. Er wurde als das älteste von sechs Kindern eines Baptisten-Predigers und einer Gospelsängerin in New York geboren und wuchs auf in Florida. Bis er 16 war, durfte er nur Gospelklängen lauschen, denn Pop war als »Teufelsmusik« im fundamentalistisch geprägten Elternhaus streng verpönt.

Die rigide christliche Erziehung entfachte aber erst recht die heimliche Liebe des Teenagers zu den verbotenen Reizen weltlicher Popmusik. Stevie Wonder, Michael Jackson, die Doors und die Rolling Stones wurden deshalb die wahren Götter seiner Pubertät, während er sich allmählich vom lieben Gott der Eltern verabschiedete.

Da ihm das (abgebrochene) Journalismus-Studium nicht die Erfüllung brachte, suchte das Leichtgewicht als Boxer den Weg zum Ruhm.

»Aus Langeweile« ließ er sich mit 18 von der U.S. Army anmustern, und drei Jahre später hatte er von den Absurditäten des Soldatenlebens die Nase so voll, daß er von seiner in der Bundesrepublik stationierten Einheit desertierte. Ein »brillanter Anwalt« (D'Arby) bewahrte ihn vor dem Gefängnis.

Der Weg war frei für den Start als Musiker. Als Frontmann der Frankfurter Funk- und Soulband »The Touch« entzückte er zwar das Publikum mit explosiven Auftritten in deutschen Musik-Klubs, aber die Weltkarriere, die er nun ansteuert, begann erst nach dem Umzug ins Mekka der Popmusik: in London.

Dort hatte die Plattenindustrie schnell das vielversprechende Talent als eine Goldader erkannt. Und von dort aus begab sich der europäische Teenager-Liebling in der vergangenen Woche für eine erste Tournee zurück nach Amerika.

Daß er sich je wieder in den USA niederlassen könnte, schließt Terence Trent D'Arby aus. In dieser »rassistischen Nation«, tönt er, »die auf Völkermord aufgebaut wurde«, möchte er nie wieder leben.

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